Wie der politische Außenseiter Jeremy Corbyn zur Gefahr für die britische Premierministerin Theresa May wird

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JEREMY CORBYN
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  • Großbritanniens Premierministerin Theresa May hat ein Problem - es heißt Jeremy Corbyn
  • Der umstrittene Chef der Labour-Partei bringt May kurz vor den vorgezogenen Neuwahlen in den Umfragen in Bedrängnis
  • Corbyn hat ein aggressiv linkes Programm - und stellt damit Mays starre Austeritätspolitik bloß

Politik ist in Großbritannien etwas ganz und gar Unübersichtliches.

Das Mutterland des Parlamentarismus hat keine festgeschriebene Verfassung, aber ein Königshaus. In den Parlamentshäusern sitzen nicht nur Abgeordnete, sondern auch Lords und Ladies. Aus der als lästig angesehenen EU hat man sich mit einer halsbrecherischen Affekthandlung verabschiedet und mit Theresa May herrscht bereits die zweite "Eiserne Lady" mit harter Hand über die britischen Inseln.

Und mitten hinein in diesen politischen Tumult wirft sich im September 2015 ein politischer Außenseiter, ein Mann namens Jeremy Corbyn. Der neue Labour-Chef ist ein linker, kapitalismuskritischer Pazifist - und selbst in seiner eigenen Partei heftig umstritten. Corbyns politische Karriere wurde seither schon mehrfach für beendet erklärt.

Jetzt aber wird der 68-Jährige zu einer ernsthaften Gefahr für Premierministerin May. Wie hat er das geschafft?

Corbyn: Ein Linker in einem Meer aus Konservativen

Jeremy Corbyn ist ein Linker in einem Meer aus Konservativen. Seit Margaret Thatcher ist die britische Politik in ihrem Median liberal und bürgerlich geprägt.

Die "Eiserne Lady" hatte so einst den Labour-Premier Tony Blair als ihren größten politischen Erfolg gefeiert: Blair ließ zwischen 1997 und 2007 unter dem Motto "New Labour" die sozialen Sicherungssysteme in Großbritannien stark einschränken und viele staatliche Dienstleistungen privatisieren. Er führte das Land zudem in den Irak-Krieg.

Corbyn stellt die sozialistische Antwort auf Blair und dessen liberalen Nachfolger, den Labour-Politiker Gordon Brown, dar. Er steht an der Spitze einer Bewegung, die aus der Labour-Partei wieder eine Arbeiterpartei im Sinne ihres Namens machen will.

Wie Corbyn das bewerkstelligen will, steht im neuen Manifest der Labour-Partei:

► Er will die Einkommenssteuer für reiche Haushalte erhöhen. Der Spitzensteuersatz von 45 Prozent soll bald ab einem Einkommen von 80.000 Pfund gelten - nicht erst ab 150.000 Pfund. Ab 123.000 Pfund Jahreseinkommen soll ein Spitzensteuersatz von 50 Prozent gelten.

► Corbyn will das Zugnetz und die Energieversorgung wieder verstaatlichen.

► Er will dafür sorgen, dass Studieren in Großbritannien kostenlos wird.

► Corbyn plant in den nächsten Jahren 8 Milliarden Pfund in die Pflege zu investieren. 30 Milliarden Pfund sollen dem National Health Service zur Verfügung gestellt werden. Außerdem sollen keine weiteren Kürzungen der sozialen Sicherungssysteme erlaubt werden.

► Die Labour-Partei will außerdem 10.000 neue Polizisten einstellen, das Wahlalter auf 16 Jahre senken und in den nächsten Jahren 250 Millionen Pfund in die Infrastruktur investieren.

Corbyn bringt May in Bedrängnis

Corbyn hat mit seinem Programm Erfolg - gegen alle Widerstände.

Unter Corbyn erlebte Labour eine wahre Eintrittswelle: In seiner Amtszeit stieg die Zahl der Parteimitglieder um 100.000 auf eine halbe Millionen an. Die bürgerlichen Elemente der Partei wollten Corbyn dennoch loswerden - er gilt ihnen bis heute als zu links, zu störrisch. Doch in der Folge eines Misstrauensvotums im Juni 2016 wurde Corbyn mit einer noch größeren Mehrheit als Parteichef bestätigt, als er sie 2015 erhalten hatte.

Den Machtkampf in seiner eigenen Partei hat Corbyn somit gewonnen. Jetzt nimmt er es mit Theresa May auf. Und auch damit hat er Erfolg.

Denn Corbyn holt in den Umfragen zu den von May anberaumten Neuwahlen am 8. Juni mächtig auf. Eine neue Umfrage des Instituts YouGov mit 7000 Teilnehmern prognostiziert, dass Mays Tories die absolute Mehrheit im Parlament verlieren werden - um ganze 16 Sitze. Die Konservativen kämen demnach auf 310, Labour 257 Sitze.

Eine aktuelle Umfrage des Instituts ICM im Auftrag des "Guardian" sieht die Torries bei 45 Prozent und Labour bei 33 Prozent der Stimmen.

So absurd das klingt: Für Corbyn wären diese Ergebnisse bereits ein grandioser Erfolg.

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Corbyn kann gegen May nur gewinnen

Denn Theresa May hat bei den Neuwahlen in Großbritannien viel zu verlieren. Die Premierministerin hatte die vorgezogene Wahl nur durchgesetzt, weil sie ihr eigenes Mandat für die schwierigen Brexit-Verhandlungen mit der EU stärken wollte.

Corbyn hingegen kann nur gewinnen. Noch vor Kurzem lag er mit der Labour-Partei noch 20 Prozentpunkte hinter Mays Konservativen zurück. Jetzt sind es nur noch zwölf Prozentpunkte - Tendenz weiter fallend. Selbst wenn May die Wahl gewinnt, unter diesen Voraussetzungen würde ihr Sieg kein starkes Mandat signalisieren.

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Sollte May sogar die absolute Mehrheit im Parlament verlieren, käme das einem Schuss ins eigene Knie gleich. Die Torries müssten eine Koalition eingehen, um an der Macht zu bleiben. Im schlimmsten Fall müsste die Wahl wiederholt werden.

Für May wäre so ein Ergebnis ein Gesichtsverlust. Für Corbyn wäre es ein Triumph. Der Außenseiter könnte für sich beanspruchen, die "Eiserne Lady" weichgeklopft zu haben. Und zum eigentlichen Angriff auf das Amt des Premiers übergehen.

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