Forscher können menschliche Haut mittlerweile künstlich produzieren - das kann das Ende von Tierversuchen sein

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MOUSE LABORATORY
Laboratory mouse | dra_schwartz via Getty Images
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Tierversuche sind eines der umstrittensten Themen in der Forschung. Weltweit kämpfen Tierschützer, Ärzte, Wissenschaftler und Unternehmen deshalb für alternative Methoden - und erzielen wirkliche Erfolge.

Allein in Deutschland starben im Jahr 2015 2,8 Millionen Tiere für Versuche, die meisten für die Medizin. Tierversuche für Kosmetik sind zwar in der EU seit 2011 verboten, werden in anderen Ländern aber weiterhin durchgeführt. Außerdem gelten viele Substanzen, die in Cremes und Co. eingesetzt werden, als Chemikalien. Denn sie sind auch Bestandteil von anderen Produkten und fallen damit nicht unter das Tierversuchsverbot.

Zumindest in der Kosmetik gibt es jetzt ernsthafte Hoffnungen, dass die oft grausamen Tests bald der Vergangenheit angehören. Funktionieren soll das mit künstlich erzeugter Haut aus dem 3D-Drucker. EpiSkin heißt dieses Gewebe, zumindest wenn es vom französischen Kosmetik-Giganten L’Oreal hergestellt wird.

L'Oreal verkauft die künstliche Haut an andere Unternehmen

Das Rohmaterial für die künstliche Haut sind menschliche Zellen, die aus chirurgischem Abfall stammen - also zum Beispiel aus kosmetischen Operationen wie Fettabsaugungen. Aus diesem Rohstoff wird dann mithilfe eines 3D-Druckers die EpiSkin hergestellt.

Für L’Oreal ist die künstliche Haut aber nicht nur ein Mittel, um Tierversuche bei den hauseigenen Marken wie Lancome, Maybelline oder The Body Shop zu vermeiden. Das Unternehmen macht mit EpiSkin auch ein Geschäft, in dem es das Gewebe an andere Kosmetikunternehmen, an die Pharma- und Chemieindustrie und Hersteller von Haushaltsprodukten für Tests verkauft.

L’Oreal ist nicht der einzige Hersteller von künstlicher Haut. Zu den Pionieren im 3D-Gewebe-Drucken gehört das Unternehmen MaTek aus dem US-Bundesstaat Massachusetts, das 1985 von zwei Professoren der renommierten Universität MIT gegründet wurde. Schon 1993 brachte MaTek die erste künstliche Haut auf den Markt - EpiDerm. Doch erst kürzlich gelang es dem Unternehmen, pro Woche die Haut von zwei erwachsenen Frauen zu produzieren.

"Immer mehr Bedarf außerhalb der Kosmetikbranche"

Natürlich ist momentan die Kosmetikindustrie noch der größte Kunde für die künstlich hergestellte Haut. Aber die Nachfrage wächst auch in anderen Industriezweigen, wie MaTek gegenüber dem amerikanischen TV-Sender “CNBC” bestätigte. “Unternehmen entwickeln kostengünstiger Methoden für in Vitro-Screenings, sowohl als Alternative zu Tierversuchen wie auch als Test vor der klinischen Arbeit”, sagte MaTek-Wissenschaftler Michael Bachelor dem Sender.

In Vitro bezeichnet organische Vorgänge außerhalb eines Organismus - also typischerweise in einem Reagenzglas.

Und diese Versuche werden immer häufiger durchgeführt, sowohl in der Gen- und Medizinforschung wie auch in der Diagnostik oder in anderen medizinischen Bereichen.

3D-Haut verbunden mit Organ-Chip?

Doch künstliche Haut ist nur der Anfang von künstlich hergestelltem Gewebe. Forscher können auch Netzhaut mit dem 3D-Drucker produzieren oder verschiedene Schleimhäute.

Im nächsten Schritt soll die künstliche Haut mit den sogenannten Organen auf einem Chip verbunden werden, erklärt Bachelor. Das Berliner Fraunhofer Institut arbeitet zum Beispiel an einem Multiorganchip, der den kompletten menschlichen Organismus darstellen soll - und das, obwohl er kleiner ist als ein Smartphone.

Inwieweit die künstliche Haut momentan tatsächlich schon hilft, Tierversuche zu verringern, ist leider nicht valide zu sagen. Sicher ist aber: Tierversuche werden weniger. Und mit künstlichem Gewebe und Organchips könnten sie vielleicht wirklich bald der Vergangenheit angehören.

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(poc)