"Bei uns fallen Schüler den Lehrern ins Wort": Dieser Schulleiter führt die beste Gesamtschule Deutschlands

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BORNHEIM
"Bei uns fallen Schüler den Lehrern ins Wort": Dieser Schulleiter führt die beste Gesamtschule Deutschlands | Screenshot Deutscher Schulpreis
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Die 18-jährige Pia unterbricht ihre Lehrerin: "Moment, Sie sind nicht dran.“

Auf dem Schulhof liegen derweil junge Schüler in Hängematten, andere rennen über den Bolzplatz. In einem Raum gibt es einen Boxsack.

So beschreiben Reporter, was sie in der Bornheimer Europaschule in der Nähe von Bonn beobachtet haben.

Doch der Eindruck, hier herrsche disziplinloses Treiben, trügt.

Die Gesamtschule wurde gerade mit dem Deutschen Schulpreis der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet – eben weil sie viel anders macht als andere Schulen. Und einiges schlicht und ergreifend besser.

“Alles nur, weil sich die Schüler eingesetzt haben“


Christoph Becker, Schulleiter in Bornheim, sagt der HuffPost: "Bei uns fallen Schüler auch mal den Lehrern ins Wort. Das gehört zum Austausch dazu. Wir wollen eben mutige Schüler.“

Neben Mut ist es vor allem Eigeninitiative, die Schüler in Bornheim lernen sollen. Die Jury des Schulpreises schrieb über die Europaschule: "Die Schülerinnen und Schüler übernehmen in hohem Maß Verantwortung.“

Was das im Alltag bedeutet, zeigte sich zur Hoch-Zeit der Flüchtlingskrise besonders deutlich. Auch in der 45.000-Einwohner-Stadt Bornheim kamen viele Geflüchtete an – und die Schüler der Europaschule ergriffen die Initiative und bauten einen Container auf, der jetzt von Schulklassen und Flüchtlingen abwechselnd genutzt wird.

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"Für uns warf sofort klar, dass wir uns engagieren müssen. Das leitet sich aus dem europäischen Ideal ab“, sagt Becker, der begeistert klingt, wenn er über den Einsatz seiner Schüler spricht. "Wir sind dieses Jahr auch 'Schule ohne Rassismus und Schule mit Courage' geworden – alles nur, weil sich die Schüler dafür eingesetzt haben.“

Warum das in Bornheim so gut klappt, eine einfache Antwort darauf gibt es wohl nicht. Eher sind es viele Komponenten, die dafür sorgen, dass die Schüler sich so stark für ein friedliches Zusammenleben engagieren.

Das sei wie in der Demokratie, das müsse man lernen, glaubt Schulleiter Becker. "Die Schüler saugen sehr schnell den Geist der Schule auf“, sagt er.

Die Schüler, das sind in Bornheim Kinder aus allen sozialen Schichten, Kinder mit und ohne Migrationshintergrund – und auch 48 Kinder mit einem festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf.

Inklusion bleibt ein Streit-Thema


Schulleiter Becker liegt das Thema Inklusion am Herzen. Dennoch gibt er zu, die Umsetzung sei ein großes Problem. "In NRW wurde das sehr schlecht gemacht, die Rückmeldung hat auch die abgewählte Landesregierung bekommen“, sagt Becker.

Er hofft, dass die nächste Regierung in Nordrhein-Westfalen hier ansetze. Inklusion funktioniere eben nur, "wenn wir die richtigen Voraussetzungen dafür haben“.

Trotz der Schwierigkeiten funktioniert das Miteinander in Bornheim offenbar. Auch weil Lehrer und Schüler viel Wert auf soziale Kompetenz legten, glaubt der Schulleiter. Sein Mantra: "Leistung funktioniert nur, wenn das Zusammenleben der unterschiedlichen Menschen funktioniert.“

Deshalb arbeiten in Bornheim Schüler und Lehrer gemeinsam an Ideen für einen besseren Umgang mit behinderten Mitschülern. Dafür gibt es an der Europaschule das Fach Sonderpädagogik. Zudem engagieren sich viele in Streitschlichter-Initiativen.

Nicht die Lehrer geben an der Europaschule vor, wie die Inklusion funktionieren soll, sondern alle.

Herkunft entscheidet über Erfolg


Ganz glücklich ist der Schulleiter aber noch nicht. Er klagt an: Noch immer habe schulischer Erfolg zu viel mit sozialer Herkunft zu tun – auch in Bornheim.

Eine Studie des Stiftungsverbands und der Unternehmensberatung McKinsey kam zuletzt zu einem besorgniserregenden Ergebnis. Die "Zeit“ zitierte daraus: "Von hundert Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium.“

Bei den Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil seien es 74 von 100.

Einen Grund dafür glaubt Becker ausgemacht zu haben: "Deutschland ist neben Österreich das einzige Land, das Schüler bereits nach vier Jahren trennt.“ Da sei er strikt dagegen. Viel zu viele Kinder würden so bereits viel zu früh "durch das Raster fallen“.

Kommentar zum Thema: Es ist Irrsinn, dass Kinder mit zehn Jahren gezwungen werden, über ihre Zukunft zu entscheiden

Er appelliert an die Politik: "Sie muss endlich reagieren. Wir dürfen nicht mehr so früh selektieren.“ Hoffnung setzt Becker dabei auf die neue Landesregierung.

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(sk)