POLITIK
30/05/2017 05:37 CEST | Aktualisiert 30/05/2017 10:04 CEST

Die internationale Presse sieht in Merkels Bierzelt-Rede das Ende einer Ära - und den Beginn einer neuen

Jonathan Ernst / Reuters
Die internationale Presse sieht in Merkels Bierzelt-Rede das Ende einer Ära - und den Beginn einer neuen

Schon jetzt ist klar, dass jene Worte, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bei einem Wahlkampfauftritt in München sagte, bereits Geschichte geworden sind.

"Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt", sagte sie am Sonntag.

Offensichtlich meinte sie damit die Vereinigten Staaten unter Führung von US-Präsident Donald Trump. Ihre Rede entsetzte Washington. Ist die deutsch-amerikanische Freundschaft nun am Ende?

Der Sprecher des Kanzleramtes, Steffen Seibert, versuchte am Montag, ihre Worte einzuordnen. "Hier hat eine zutiefst überzeugte Transatlantikerin gesprochen", sagte er. Doch zum atlantischen Bündnis gehöre es auch, Gegensätze ehrlich zu benennen.

"Die zurückliegenden Treffen haben solche Differenzen hervorgebracht", sagte Seibert - und bestätigt damit letztlich die Entfremdung zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Auch Merkel selbst legte noch einmal nach und wiederholte ihre Kritik an Trump. Auf einer Konferenz für nachhaltige Entwicklung bekräftige sie Deutschlands Entschlossenheit, dem Klimawandel entgegenzutreten.

Und wieder brachte sie einen Seitenhieb auf Trump, ohne seinen Namen zu nennen. Nach einem Bericht des britischen "Telegraph" zitierte sie aus einer Rede John F. Kennedys aus dem Jahr 1963.

"Jene, die immer in die Vergangenheit oder auf die Gegenwart blicken, werden sicherlich die Zukunft verpassen", soll die Kanzlerin gesagt haben.

"Mit Wandel kommt Unsicherheit und Skeptik ... und, nicht selten die Glorifizierung der Vergangenheit und der scheinbar guten alten Tage", sagte sie. "Aber jeder, der nationale Scheuklappen aufsetzt und keinen Blick für die Welt um ihn herum hat, wird letztlich verloren sein."

Deutlicher geht es nicht. Ist das wirklich noch die vorsichtig-vage Angela Merkel, die hier spricht?

Am Sonntag versuchten noch viele Kommentatoren in den USA, die Bedeutung von Merkels Worten herunterzuspielen und taten sie als reines Wahlkampfgetöse ab. Davon ist jetzt keine Rede mehr.

Merkels Worte haben alles verändert.

Anne Applebaum, Kommentatorin der "Washington Post", schreibt, dass sich das transatlantische Verhältnis nun völlig verändert habe. "Zu keinem Zeitpunkt schien der Präsident seine Rolle als Anführer des Bündnisses verstanden zu haben" schreibt Applebaum.

Während Trumps Team immer wieder versichert habe, dass die Vereinigten Staaten zum transatlantischen Verhältnis stehen würden, so habe sein Auftritt diese Versicherungen nun widerlegt.

"Ein Satz Merkels zeigt, was Trump für die Welt bedeutet", schreibt Kommentator Chris Cillizza für den US-Sender CNN.

"Was Trumps Worte und Merkels Reaktion zeigen, ist etwas, das schlaue, außenpolitischen Denker seit dem Beginn von Trumps Wahlkampagne wussten: Sein wahres Potential für Veränderung liegt in der außenpolitischen Sphäre."

"Trump handelt, der Rest der Welt reagiert", schreibt Cillizza. Die Aktionen der USA und die Reaktionen der anderen Staaten hätten einen nachhaltigen Einfluss auf die Position Amerikas in der Welt, der weit über die vier oder acht Jahre hinaus gehe, die Trump Präsident sein werde, so Cillizza .

Auch der britische "Guardian" sieht in Merkels Worten eine Zeitenwende. "Trumps Unfreundlichkeit und Arroganz kann Europa vereinigen", schreibt Natalie Nougayrède.

"So, wie die sowjetische Bedrohung Europa zwang, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was sie gemeinsam haben und wie sie es beschützen könnten, so könnte Trump anfangen zu helfen, Europas Fähigkeit zur Einigung zu verbessern." Die europäischen Staaten hätten eine Interesse daran, Trumps "Giftigkeit" zu beschränken, so Nougayrède.

Sie sieht eine große Nähe zwischen Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. "Die erneuerte deutsch-französische Freundschaft schafft eine Dynamik, an die sich viele anpassen müssen", schreibt sie.

So kann Nougayrède dem Chaos-Gipfel in Brüssel etwas Gutes abgewinnen.

"Da sich Europa stabilisiert, war Trumps Reise tatsächlich "ein großer Erfolg", wie er auf Twitter schrieb - nur nicht in der Art, die er vorgesehen hatte."

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(sk)

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