Ein Kinderarzt erklärt: Das ist der oft übersehene Grund, warum Kinder ihren Eltern nicht gehorchen

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Moderne Eltern setzten ihren Kindern keine Grenzen mehr, heißt es oft. Sie ließen ihnen zu viel durchgehen und nähmen ihren Erziehungsauftrag nicht ernst genug.

Das Ergebnis seien kleine tobende Tyrannen, die ungehindert durch die Welt wüten und ihre Mitmenschen in den Wahnsinn treiben.

Aus diesen kleinen Tyrannen würden dann lebensuntüchtige Erwachsene, die in der Arbeitswelt versagen und unfähig sind, stabile Beziehungen aufzubauen, warnen Pädagogen und Wissenschaftler.

Schuld, so der Vorwurf, seien die Eltern, die nicht streng genug mit ihren Kindern sind (auch oben im Video).

Es gibt kein Autoritätsproblem, sondern ein Beziehungsproblem

Der Schweizer Kinderarzt und Buchautor Remo Largo ist da anderer Meinung: Der Grund, warum Kinder nicht gehorchen, sei nicht, dass ihre Eltern ihnen keine Grenzen setzen, sagt er.

Er glaubt, dass nicht der Mangel an Autorität die Ursache für tyrannisches Verhalten bei Kindern ist, sondern ein Beziehungsproblem zwischen ihnen und ihren Eltern.

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“Wenn man sich fragt, weshalb Kinder überhaupt gehorchen, dann kommt man darauf, dass sie sich sehr stark an die Eltern und an andere Bezugspersonen binden”, sagte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

“Und diese Bindung macht sie gehorsam. Aus einer emotionalen Abhängigkeit heraus wollen sie die Zuwendung, die Liebe der Eltern nicht verlieren. Deshalb gehorchen sie.”

Wenn Eltern es nicht schafften, sich durchzusetzen, so erklärt er, müssten sie sich fragen, ob diese Bindung nicht stark genug sei.

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Credit: iStock

“Weil wenn das der Fall ist, dann erleben die Kinder jede Art von Zuweisung als Ablehnung”, sagte er. “Wenn sie gut gebunden sind, dann akzeptieren sie, was die Eltern sagen. Wenn sie nicht gut gebunden sind, dann fühlen sie sich abgelehnt.”

Eltern müssen es schaffen, dass das Kind ihnen vertraut

Dieser Problematik sind sich nach Largos Ansicht Eltern in vielen Fällen sogar bewusst. “Ich denke, dass viele Eltern das intuitiv spüren und deshalb nicht mehr wagen, die Kinder zurechtzuweisen”, sagte er im Deutschlandfunk.

Was können Eltern also tun?

Die Antwort des Kinderarztes ist verhältnismäßig einfach: Vertrauen.

Eltern müssten es schaffen, eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Das, so sagt er aber gleichzeitig, brauche Zeit. “Man muss als Eltern gemeinsame Erfahrungen machen mit den Kindern.”

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20 Minuten pro Tag mit dem Kind zu verbringen, sei absolut nicht ausreichend. Außerdem müssten sich Eltern in der gemeinsamen Zeit auch aktiv mit dem Kind beschäftigen und es nicht vor dem Fernseher oder dem Tablet abstellen - auch wenn die Versuchung manchmal groß sei.

Gemeinsame Aktivitäten stärken die Bindung

“Ich meine, das ist nicht nur für die Kinder verführerisch. Das ist auch für die Eltern verführerisch, weil dann sind ja die Kinder beschäftigt.”

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Er empfiehlt, den Kindern die Geräte nicht einfach zu verbieten, sondern Alternativen anzubieten, die den Kleinen Spaß machen und so auch die Bindung zu den Eltern stärken.

Wer mit seinen Kindern mal einen ganzen Tag lang ein Baumhaus im Wald gebaut hat, statt mit ihnen vor dem Fernseher zu sitzen, weiß sofort, was Largo meint.

Kinder müssen Zeit haben zum Spielen

Und der gute Nebeneffekt: Auf diese Weise bekommen Kinder auch die Möglichkeit, wieder eigenständiger zu spielen.

Das fördert die Gehirnentwicklung und ist für eine gesunde Entwicklung von Kindern essenziell.

"Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können", sagte Hirnforscher Gerald Hüther vor einiger Zeit in einem Gespräch mit der HuffPost.

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(mm)