Was mit Kindern passiert, die oft Fruchtsaft trinken

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BABY SAFT
Der hierzulande so beliebte Fruchtsaft ist weniger gesund wie bisher angenommen. | iStock
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Fruchtsäfte gelten gemeinhin als gesund. Aus diesem Grund bieten viele Eltern ihren Kindern die süße Erfrischung an. Doch für Kinder, insbesondere für Säuglinge, können Fruchtsaftgetränke laut einer neuen Studie fatale Effekte auf die Gesundheit haben.

Die American Academy of Pediatrics (AAP), eine Organisation von Vertretern der Pädiatrie in den Vereinigten Staaten, hat kürzlich ihre bisherigen Empfehlungen für den Konsum von Fruchtsaft bei Kindern abgeändert. In einem neuen, umfassenden Statement raten die Experten, "Kindern unter einem Jahr keinen Fruchtsaft zu trinken zu geben".

Bisher hatte sich die AAP nur davor gewarnt, Säuglingen unter sechs Monaten Fruchtsaft zu geben. Ein Irrtum, wie sich nun herausgestellt hat.

Karies, Übergewicht, Diabetes

Die Experten kamen in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass Fruchtsaft bei Säuglingen und Kleinkindern zu Übergewicht führen, die Zahngesundheit schädigen und im späteren Verlauf das Verlangen nach Süßgetränken steigern kann.

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"Eltern mögen Fruchtsaft für gesund halten, aber es ist kein guter Ersatz für frisches Obst und liefert nur noch mehr Zucker und Kalorien", schreibt Melvin B. Heyman, Mitautor der Studie, in dem Bericht. Kleine Mengen seien für ältere Kinder in Ordnung, bei Kindern unter einem Jahr allerdings völlig unnötig.

Geringe Mengen oder totaler Verzicht?

Die Empfehlung der neuen Studie: Säuglinge unter einem Jahr sollten überhaupt keinen Fruchtsaft verabreicht bekommen, ein- bis dreijährige Kleinkinder maximal 0,1 bis 0,2 Liter pro Tag. Ab dem vierten Lebensjahr empfehlen die Experten maximal 0,2 bis 0,4 Liter pro Tag. Auch Heranwachsende und Jugendliche sollten pro Tag nicht mehr als 0,36 Liter trinken, so der Rat.

"Ich finde, dass diese Empfehlung für Säuglinge längst überfällig ist", sagte Elsie M. Taveras, Leiterin der Pädiatrie im MassGeneral Krankenhaus für Kinder in Boston der "New York Times".

"Viele Eltern glauben, ihren Kindern mit Fruchtsäften etwas Gutes zu tun, doch das ist ein Irrglaube", sagte Taveras. Diese Empfehlung mag besonders für Eltern eine Überraschung sein, die bisher angenommen hatten, dass purer, einhundertprozentiger Fruchtsaft gesund und förderlich für ihre Säuglinge sei.

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Stattdessen sollte den Kindern frischen Obst verabreicht werden. "Obst hat einen geringeren Zuckergehalt, wenn es nicht zu Saft verarbeitet wird", sagte Steve Abrams, führender Autor der Studie und Vorsitzender der Dell Medical School an der Universität Austin in Texas, der "New York Times".

Wenn die Gesundmacher krank machen

"Der erhöhte Zuckergehalt könnte vornehmlich an der veränderten Struktur des Obsts liegen, sobald dieses zu Fruchtsaft verarbeitet wird“, sagte Abrams. Viele Ballaststoffe scheinen auf dem Weg vom Obst zum Saft verloren zu gehen.

Der vermeintliche Gesundmacher passiert das Verdauungssystem schneller als die ballaststoffreichen Früchte und lässt dadurch den Blutzucker schnell ansteigen. Das wiederum erhöhe das Risiko für Diabetes-Typ-2-Erkrankungen massiv, schreiben die Forscher.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit basieren auf Daten, die die Wissenschaftler zusammen mit einem internationalen Team in 24 Jahren gesammelt haben. Dabei sind Ernährungsgewohnheiten von knapp 188.000 Teilnehmern ausgewertet worden.

Deutschland ist Fruchtsaft-Weltmeister

Deutschland ist Weltmeister im Konsum von Fruchtsäften. So liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Konsum von Fruchtsäften und Fruchtnektar bei 33 Litern. Dies ergab eine Bilanz des Verbands der deutschen Fruchtsaft-Industrie e.V..

Besonders Apfel- und Orangensaft sind bei den Konsumenten am beliebtesten, dicht gefolgt von Multivitaminsäften.

Saft ist nicht gleich Saft

Getränke mit der Bezeichnung "Saft“ oder "Fruchtsaft“ müssen zu 100 Prozent aus dem Saft der entsprechenden Frucht bestehen. Um witterungsbedingte Unterschiede im Zuckergehalt der Früchte auszugleichen, ist allerdings ein gewisser Zusatz von Zucker zulässig. Dieser darf laut der "Fruchtsaftverordnung“ bis zu 15 Gramm pro Liter betragen.

Ein Zuckerzusatz in der erlaubten Menge muss nicht zwangsläufig auf der Verpackung angegeben werden. Ist der Saft jedoch ausdrücklich mit der Aussage "ohne Zuckerzusatz“ gekennzeichnet, enthält er auch keinen zugesetzten Zucker.

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Birnen- und Traubensaft dürfen nicht mit "ohne Zuckerzusatz“ gekennzeichnet werden, da die Zugabe von Zucker sowieso nicht erlaubt ist“, schreibt Maike Groeneveld, Diplo- Ernährungs-Wissenschaftlerin im Bundeszentrum für Ernährung. "Im Gegensatz zu Fruchtsaft enthalten Fruchtnektare und Fruchtsaftgetränke jedoch große Mengen an Zucker", erklärt die Expertin.

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"Einem Nektar darf bis zu 20 Prozent Zucker zugesetzt werden, bei Fruchtsaftgetränken gibt es sogar keine Beschränkung des Zuckerzusatzes.“ In der Regel könne den Getränken maximal 100 g Zucker pro Liter zugesetzt werden.

"Fruchtsäfte sind kein sinnvolles Getränk für Kinder“

Auch andere Ärzte und Wissenschaftler sind sich einig, dass Fruchtsäfte nichts für Kinder sind. Nicht nur der (Frucht-) Zucker, sondern auch die Säure belasten die Zähne, warnen sie. Zudem würden sich die Kleinen schnell an Süßes gewöhnen, woraus sich eine Art Abhängigkeit entwickelt könnte.

"Säfte, auch verdünnt, sind kein sinnvolles Getränk für Kinder jeden Alters", schreibt Kinderarzt Andreas Busse auf dem Internet-Portal "Rund-ums-Baby“.

Ohne eine spezielle Empfehlung eines Kinderarztes sollten Kindern keine Vitaminzusätze durch Säfte aller Art zugefügt werden. Der Rat des Experten: "Eine Überdosierung von Vitaminen kann schädlich sein. Bieten Sie Ihrem Sohn doch bitte Wasser an oder ungesüßten Früchtetee als Getränk."

Im Zweifelsfall zu ganzen Früchten greifen

Ziel und Wunsch der Verfasser der AAP-Studie wiederum ist es, dass sowohl Kinder als auch Eltern im Zweifelsfall zu ganzen Früchten greifen anstelle Säfte zu konsumieren. Hier gibt es laut Abrams immer noch große Unterschiede - und fehlendes Wissen.

"Wer davon ausgeht, Fruchtsäfte seien genauso gesund wie die Früchte, aus denen sie bestehen, hat leider nichts begriffen", erklärt der Ernährungsexperte.

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