POLITIK
29/05/2017 06:21 CEST | Aktualisiert 30/05/2017 10:21 CEST

"Seismische Verschiebung": Merkels Bierzelt-Rede schreckt die US-Presse auf

Eine Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schreckt die US-Presse auf.

Nach dem erfolglosen G7-Gipfel mit der weitgehenden Blockade durch US-Präsident Donald Trump hatte Merkel Europa dazu aufgerufen, sich auf seine eigenen Kräfte zu besinnen.

"Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen", sagte die CDU-Vorsitzende am Sonntag bei einer Wahlkampfveranstaltung in München. "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei."

Obwohl sie in ihrer Rede keinen Namen nannte, war offensichtlich, von wem sie sprach: US-Präsident Donald Trump. Die internationale Presse spekuliert, was diese Worte für die transatlantische Partnerschaft bedeuten.

Die "Washington Post" schreibt:

"Es war der bisher schonungsloseste Rückblick auf Trumps Europa-Reise, die Spannungen eher aufflammen ließ, anstatt zu heilen, nachdem sich der US-Präsident mit den Anführern von Washingtons engsten und ältesten Alliierten über Handel, Sicherheit und den Klimawandel beharkte."

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Merkels klare Worte verblüfften die Schreiber des US-Traditionsblattes.

"Es war eine ungewöhnlich starke Erklärung der normalerweise vorsichtigen Anführerin von Europas wichtigster Wirtschaftsnation und die bitterste Erkenntnis über die transatlantischen Beziehungen, welche die westliche Sicherheit seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmt haben."

Das US-Magazin "Politico" dagegen spielt die Bedeutung von Merkels Worten herunter. Das Politik-Magazin sieht die Rede der Kanzlerin vor dem Hintergrund des Bundestagswahlkampfes.

"Hat Angela Merkel gerade einen Schlussstrich unter die westliche Nachkriegsordnung gezogen?", heißt es da. Die Antwort folgt auf Deutsch: "In einem Wort: Nein."

Merkel würde wissen, wie sie ihre Zuhörerschaft zu bedienen habe. In Deutschland würde etwas Amerika-Kritik bei den Wählern immer gut ankommen. Die Partnerschaft zwischen den USA und Deutschland bei Sicherheit und Handel sei unverzichtbar - und Trump würde dies nicht ändern.

Auch der britische "Guardian" ist der Ansicht, dass Merkels Worte eher an die Wähler gerichtet waren:

"Merkel, die vor einem Balanceakt steht, bei dem sie die transatlantische Allianz erhalten muss, während sie gleichzeitig Wahlkampf für ihre Wiederwahl betreibt, war ungewöhnlich unverblümt bei ihrer Einschätzung von Trumps Weigerung, sich dem Klimaschutz zu verschreiben - eine Hauptsorge für viele Wähler."

Die britische Wochenzeitung "Economist" ist ebenfalls der Ansicht, dass Merkel bei ihrer Wortwahl vor allem die deutschen Wähler im Blick hatte.

"Ausländer verstehen Frau Merkel oft falsch. Sie ist nicht die Königin von Europa und hat auch kein Bedürfnis, dies zu sein. Sie ist eine innenpolitische Anführerin und Politikerin, deren ansteigende internationale Bedeutung immer eine Funktion ihrer Fähigkeit ist, den Interessen und Wünschen der Wähler zu dienen."

Merkels Worte würden zeigen, wie sehr die Trump-Wahl und das Brexit-Referendum den USA und Großbritannien schaden würden.

"Sie haben es einem Anführer eines bedeutenden befreundeten Partners nicht nur ermöglicht, sie in der Öffentlichkeit abzukanzeln, sondern darüber hinaus dafür gesorgt, dass dies im Wahlkampf hilfreich ist. Und zwar mit Ernsthaftigkeit", heißt es weiter beim "Economist".

Anders sieht es die "New York Times". Die US-Tageszeitung sieht in Merkels Worten eine bedeutende politische Veränderung.

"Frau Merkels starke Kommentare zeigen eine seismische Verschiebung der transatlantischen Beziehungen. Während die USA weniger bereit sind, in Übersee einzugreifen, wird Deutschland eine zunehmend dominierende Kraft in Partnerschaft mit Frankreich", lautet hier das Fazit.

Die Pressereaktionen seht ihr oben im Video.

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(ll)