Nato- und G7-Gipfel haben gezeigt: Trump hat den Westen demontiert

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TRUMP
Nato- und G7-Gipfel haben gezeigt: Trump hat den Westen demontiert | Jonathan Ernst / Reuters
Drucken
  • Ohne Rücksicht auf Verluste: Nach der Nato hat Trump die westlichen Partner beim G7-Gipfel düpiert
  • Am Ende gibt es zwar doch noch ein überraschendes Zeichen der Hoffnung
  • Trotzdem stellt sich die Frage: Wieviel ist die westliche Wertegemeinschaft noch wert?

Obsolet. So hatte US-Präsident Donald Trump die Nato unlängst genannt, hielt sie dann doch nicht für überholt, trieb mit seinem kraftmeierischen Auftritt beim Gipfel in Brüssel aber einen Keil zwischen sich und die Partner.

Die über Jahrzehnte gewachsene, wahrlich nicht kritikfreie, aber solidarische Militärallianz erlebt so etwas wie einen Angriff aus dem Inneren, aber sie wird weiter kämpfen. Denn ihre Einsätze, samt dem 2001 bisher einmalig ausgerufenen Bündnisfall für das attackierte Amerika, sind real.

Anders ist es beim G7-Gipfel. Dieses zweite große Gesprächsforum des Westens erscheint nach der inhaltsarmen Sitzung auf Sizilien zunächst einmal genau so: obsolet.

Mehr zum Thema: Schlechtes Klima: Trump erzürnt G7-Partner mit seiner Haltung zum Umweltschutz

Zwei Gipfel, zwei Premieren mit dem neuen Mann in Washington und der westlichen Wertegemeinschaft droht die Spaltung.

Nachdem aus der G8 die G7 ohne Russland wurde, droht jetzt G0. Denn wenn es "Sechs gegen Einen" steht, wie Diplomaten am Rande des Gipfels über das Ringen des dürren, sechsseitigen Abschlussdokuments sagten, stellt sich die Sinnfrage. Vor allem, wenn die "Einen" die Vereinigten Staaten von Amerika sind.

America First - und dann der Rest

Trump orientiert sich beim zweitägigen G7-Treffen ohne Rücksicht auf Verluste an amerikanischen Interessen. Der Kampf gegen den Terror ist auch hier sein Hauptthema. Dazu gibt es die einzige separate Gipfel-Erklärung.

Das Anliegen der italienischen Gastgeber, auch zur Flüchtlingskrise klar und ausführlich Stellung zu beziehen, torpediert der US-Präsident dagegen. Trump erklärt sich nur mit zwei Absätzen unter der stark verklärenden Überschrift "Menschliche Mobilität" in der Abschlusserklärung einverstanden.

Eine solche Haltung ist nicht nur für Staaten wie Italien und Griechenland bitter, die mit dem Elend und Todesdramen vieler Menschen konfrontiert sind, die über das Mittelmeer flüchten. Sondern in erster Linie natürlich für die Flüchtlinge selbst.

Viele Militärs und Politiker haben auch Trumps Rede vor der Nato im Ohr, als er nicht nur den Einsatz der Allianz gegen Terroristen, sondern auch gegen "Zuwanderung" forderte. Mit Waffen gegen Flüchtlinge?

Freude über Nichtigkeiten, weil alle noch viel Schlimmeres erwarteten

Beim Klimaschutz kann die G7 nur den Dissens feststellen, beim Handel wird eine Formulierung als Erfolg gefeiert, die über die des letzten Gipfels in Japan in keiner Weise hinausgeht - weil alle noch Schlimmeres erwartet hatten.

Wenn ein internationales Gremium so wenig Neues, Weitergehendes, Klärendes bei einem solchen Treffen zustande bringt, ist der Aufwand zu groß.

Die Enttäuschungen sind es auch. Zu gigantisch sind dann die nötigen Summen und Sicherheitsmaßnahmen für die Staats- und Regierungschefs der USA, von Kanada, Japan, Italien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, die immer irgendwo an einem malerischen Ort abgeriegelt tagen - damit es wenigstens schöne Fotos gibt.

Die USA erscheinen nicht mehr als Anker - der Westen bröckelt

Um mal miteinander zu reden - das ist seit Jahren das Hauptargument der Veranstalter für solche Gipfel - kann man es auch so eintüten wie Kanzlerin Angela Merkel, als Trumps Vorgänger Barack Obama im vorigen Jahr zwei Mal nach Deutschland kam.

Sie hat einfach ihre Kollegen in Großbritannien, Italien und Frankreich - und auch Spanien - angerufen und gefragt, ob sie dazu kommen wollen. Sie flogen ohne Delegationen ein, sprachen vertraulich und flogen wieder ab. Das geht auch.

Ob das allerdings künftig auch so selbstverständlich mit London sein wird, darf bezweifelt werden. Denn Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus. Vertrauen geht verloren. Die USA erscheinen nicht mehr als Anker. Der Westen bröckelt.

Putin: Der einzige echte Gewinner des G7-Gipfels

Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der jede Unruhe in der Nato und der EU auskostet, kann es nicht besser laufen.

Er, der 2014 nach der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim aus dem exklusiven G8-Club verbannt wurde, ist jetzt der einzige echte Gewinner des Gipfels. Gerne philosophiert er über das "postwestliche Zeitalter". Die Gipfel der Nato und G7 dürfte er als Bestätigung seiner These verstehen.

Wieviel ist die westliche Wertegemeinschaft also noch wert?

Die nächste Bewährungsprobe folgt in sechs Wochen. Dann findet der G20-Gipfel unter deutscher Ratspräsidentschaft in Hamburg statt. Da kommen sie dann alle zusammen: Trump, Putin, die EU, China, Brasilien und die anderen.

Merkel könnte es darauf anlegen, die schönen Fotos vor Hafenkulisse oder Elbphilharmonie mit echten Ergebnissen zu unterfüttern. Dafür oder dagegen. Ja oder Nein. Kein Hü und Hott.

Aber nichts ist ohne Hoffnung. Merkel hat möglicherweise schon eine neuen Allianz geschmiedet: mit dem neuen französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron.

Mit ihm traf sie sich zu einem vertraulichen Gespräch am späten Freitagabend. Er kämpfe mit aller Kraft für das Pariser Abkommen, heißt es. Wenn er sein Land wieder voranbringt und den Populismus zurückdrängt, wird auch die deutsch- französische Achse eine neue Stärkung erleben. Das würde zugleich die EU stabilisieren und zusammenhalten.

Also doch keine Nullnummer.

Mehr zum Thema: 5 Dinge, die die Welt über Donald Trump während seiner Auslandreise gelernt hat

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

(mf)

Korrektur anregen