Nach 16 Jahren in Moskau weiß ich, dass wir das Wichtigste aufs Spiel setzen, was wir haben

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Freiheit und Demokratie sind kein Naturgesetz – wir müssen endlich wieder für sie kämpfen. | Ilya Naymushin / Reuters
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Die Instinkte sind immer noch da. Auch fünf Jahre, nachdem ich nach Deutschland zurückgekehrt bin. Wenn ich jemand in Uniform sehe, zucke ist erst mal zusammen. Polizei – das ist für mich nicht (mehr) Freund und Helfer. Das ist – Unsicherheit.

Ich bin geschlagen worden von Polizisten, absichtlich angefahren, festgenommen. In Russland. In einem Land, in dem das Recht nicht funktioniert. In dem man als einzelner schnell Freiwild ist.

Von dem Polizisten, der mich geschlagen hat, hatte ich sogar ein Foto. Passiert ist ihm nie etwas. Trotz Anzeige, trotz Vorsprechen des deutschen Botschafters beim Moskauer Außenministerium.

Der russische Staat demonstriert unter Putin regelrecht, dass er auf das Gesetz pfeift – und Rechtsverstöße der Staatsdiener gegen Normalbürger deckt.

In 16 Jahren in Russland habe ich erlebt, dass es kein Naturgesetz ist, dass wirklich jemand den Hörer abnimmt, wenn man den Notruf wählt.

"Ich bin sprachlos, wie viele Menschen in Deutschland in Putins Russland eine Alternative sehen"

Ich habe erlebt, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, wenn Gerichte wirklich nach Gerechtigkeit suchen. Der Mann einer guten Moskauer Bekannten mit fünf Kindern wurde in einem Prozess zu drei Jahren Haft verurteilt, weil er einem Prominenten aus der Putin-Partei in die Quere gekommen ist. Der Prozess war ein Witz.

Genauso wie das Verfahren gegen Oppositionsführer Alexej Nawalnij Ende März, in dem er zu fünfzehn Tagen Arrest verurteilt wurde: Zur Akteneinsicht und zum Stellen schriftlicher Anträge bekam seine Anwältin genau fünf Minuten (fünf – es ist kein Schreibfehler).

Eine Freundin von mir stellten die Staatsanwälte bei einer Hausdurchsuchung in ihrer Firma – ihr Chef war dem Geheimdienst in die Quere bekommen - vor die Wahl: „Entweder Du schläfst mit uns, oder wir ermitteln gegen dich gleich mit, dann kommst du hinter Gitter.“ Gerettet haben sie nur Beziehungen – einer ihrer engen Verwandten ist ein hohes Tier im System Putin, was die Staatsanwälte zuerst nicht wussten.

Ich könnte die Liste der Beispiele lange fortführen. Gefühlt unendlich.

Und ich bin deshalb sprachlos, wie viele Menschen in Deutschland in Putins Russland eine Alternative sehen.

In einem Land, dem selbst einer seiner höchsten Repräsentanten, Ministerpräsident Dmitrij Medwedew, „Rechtsnihilismus“ diagnostiziert.

Sprachlos macht mich auch, wenn Menschen in Deutschland glauben, die Probleme hierzulande seien vergleichbar mit dem, was Menschen in einer Diktatur erleben.

Ja, es geht vieles schief bei uns. Sogar sehr viel. Und wir müssen mehr, offener darüber reden, ohne Scheuklappen und Ideologie.

Mit der Freiheit ist es wie mit der Luft, hat Boris Nemzow einst gesagt, der russische Oppositionsführer, der im Februar 2015 ermordet wurde, direkt gegenüber vom Kreml – wie viele Menschen, die ich gut kannte: „Solange man Luft hat, merkt man nicht, wie lebensnotwendig sie ist. Ich selbst habe das erst beim Tauchen bemerkt, als die Luftversorgung stoppte.“

"Wir halten die Demokratie, Freiheit und den Rechtsstaat für ein Naturgesetz"

Weil wir immer in Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat gelebt haben, können wir uns nicht vorstellen, wie es ohne sie ist. Und wir halten sie für ein Naturgesetz.

Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Geschichte der Menschheit zeigt, dass eher Willkür, Faustrecht und Despotie der Naturzustand sind. Und dass wir unglaubliches Glück haben, in einer Zeit und in einem Flecken der Erde zu leben, in dem es menschlicher zugeht.

Unsere Demokratie, unsere Freiheit und unser Rechtsstaat sind zu großen Teilen die Antwort auf die Schrecken der Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert, insbesondere des Nationalsozialismus, und des Zweiten Weltkrieges.

In den Generationen, die dieses Elend oder seine direkten Folgen in der Nachkriegszeit miterlebt haben, waren viele Menschen geläutert. Doch diese Generation scheidet zunehmend aus dem öffentlichen Leben aus.

Ohne meine 16 Jahre in Russland würde ich, so fürchte ich, Demokratie, Freiheit, Rechtsstaat und Frieden vielleicht auf die leichte Schulter nehmen.

Ohne meine 16 Jahre in Russland würde ich mich vielleicht schwertun, den Unterschied zu verstehen zwischen einer Demokratie, in der viel schief läuft, und einer Diktatur. Dabei ist der Kontrast zwischen beiden so groß wie zwischen einem heruntergekommenen Hotel und einem Gefängnis.

"Diktatur ist, wenn es keine Spielregeln gibt"

Diktatur bedeutet Faustrecht. Nicht das Gesetz gilt, sondern Recht hat der, der mehr Macht hat. Und sei es nur ein kleines Bruchstück Macht.

Das kann der Verkehrspolizist um die Ecke sein. Der Staatsanwalt. Diktatur ist, wenn es keine Spielregeln gibt. Wenn Du jederzeit überall Freiwild werden kannst. Wegen einem falschen Wort. Einem falschen Blick. Einem falschen Klick.

So ist es in Russland. Und inzwischen auch in der Türkei.

Dabei sind es hierzulande nicht Putin oder Erdogan, die unsere Demokratie gefährden: Wir selbst sind es.

Wenn wir geistig weiter in der „Spaßrepublik“ verharren, wenn wir uns nicht bewusstmachen, wie wertvoll es ist, in Freiheit und Frieden zu leben - dann laufen wir Gefahr, sie zu verlieren.

Jeder kann etwas tun!

Wählen gehen, auch wenn die Wahl schwerfällt.

Den Mund aufmachen, wenn Freunde, Kollegen, Bekannte verächtlich über die Demokratie reden.

Gegen den Strom schwimmen. Nicht nur Mehrheitsmeinungen hinterherlaufen – sondern diese auch mal in Frage stellen.

Nachrichten gründlich checken und hinterfragen, bei Fake-News lautstark widersprechen.

In den sozialen Netzwerken mitdiskutieren und dort den Demokratiefeinden nicht so viel Platz lassen.

Sich engagieren. In Parteien, Verbänden, Vereinen. Motto: Sie verändern, statt sich nur über sie aufzuregen!

Sich wehren, wenn man mit Willkür konfrontiert wird, mit Ungerechtigkeit, mit Frechheit oder Aggression. Hinsehen statt wegblicken. Nicht abstumpfen, sondern sich aufregen. All das sind keine Wundermittel.

Aber nichts zu tun, ist die schlechtere Alternative. Viele unserer Vorfahren mussten im Kampf für Freiheit und Demokratie ihr Leben lassen, noch weitaus mehr sind in sinnlosen Kriegen gestorben, die Diktaturen vom Zaun gebrochen haben.

In Russland, in der Türkei und vielen anderen Ländern riskieren Menschen ihre Freiheit, ja ihr Leben im Kampf gegen Unrecht und Diktatur. Ihnen sind wir es schuldig, nicht wegzusehen, nicht zu schweigen, sondern den Mund aufzumachen und etwas zu tun. Zumal wir damit kaum mehr riskieren als unsere Bequemlichkeit.

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