Die Hälfte der Deutschen nimmt Medikamente nicht richtig ein - ohne den Grund zu kennen

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Die Hälfte der Deutschen nimmt ihre Medikamente nicht richtig ein. | Getty Images
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Ärzte, Wissenschaftler und Pharmaunternehmen wissen seit Jahrzehnten Bescheid – nur die Patienten sind meist ahnungslos: Männer und Frauen reagieren unterschiedlich auf Arzneimittel – trotzdem wird bei der Medikation oft nicht nach Geschlechtern unterschieden. Und das kann vor allem für Frauen schwerwiegende Folgen haben.

"Es gibt keine Leitlinien, die bei der Dosierung von Medikamenten nach Geschlechtern unterscheiden", sagt Oliver Werz, Professor am Institut für Pharmazie an der Universität Jena, im Gespräch mit der HuffPost. "Allerdings ist die Nebenwirkungsrate bei Frauen doppelt so hoch wie bei Männern.“

Frauen bauen Schlafmittel langsamer ab

Bei der Dosierung von Medikamenten wird bei Erwachsenen von einem Mann mit 80 Kilo Körpergewicht ausgegangen. Vor allem zierliche Frauen sind dann allein durch ihr viel geringeres Gewicht überdosiert.

Das ist aber nicht der einzige Grund – auch Hormone, genetische Faktoren und Stoffwechselprozesse beeinflussen die Wirkung eines Medikaments – und sind bei Männern und Frauen unterschiedlich ausgeprägt. Das führt dazu, dass viele Arzneistoffe bei einem Geschlecht länger oder stärker wirken können als beim anderen.

Werz fallen gleich mehrere Beispiele ein. "Frauen haben einen höheren Körperfettanteil. Fettlösliche Medikamente wie Schlafmittel sind deshalb bei Frauen oft länger wirksam", sagt er. "Wenn ein Schlafmittel länger wirkt als in der Dosierungsanleitung steht, und man dann zum Beispiel Auto fährt, könnte das gefährlich sein.“

Schmerzmittel wie Ibuprofen und Paracetamol wirken bei Männern und Frauen unterschiedlich

Auch bei Schmerzmitteln gibt es laut dem Experten Unterschiede: "Frauen verstoffwechseln Paracetamol langsamer. Das führt bei einer starken Überdosierung schneller zum Tod. Allerdings tritt dieser Fall sehr selten auf.“

Morphine und Opiate wirken bei Frauen wiederum wesentlich besser. Eine männergenormte Dosis ist damit für Frauen zu stark. In diesem Fall erleiden sie öfter Nebenwirkungen, wie mehrere Studien zeigen.

Ibuprofen lindert Schmerzen bei Männern stärker als bei Frauen. Bei ihnen muss also unter Umständen höher dosiert werden - allerdings sollten Frauen vorher unbedingt einen Arzt um Rat fragen, da es sonst zu Nebenwirkungen kommen könnte.

Das Narkotikum Propofol entfaltet dagegen bei Männern eine stärkere Wirkung, sie schlafen doppelt so lang. Das Medikament war schon Gegenstand einer großen Mediendebatte: 2009 starb Popstar Michael Jackson durch eine Überdosis Propofol.

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Aspirin hat eine vorbeugende Wirkung – je nach Geschlecht

Sogar Aspirin wirkt je nach Geschlecht unterschiedlich: "Bei Männern beugt Aspirin einem Herzinfarkt vor, bei Frauen dagegen nicht - aber dafür hat es bei ihnen eine vorbeugende Wirkung gegen Schlaganfall", sagt Werz. Darauf wird auch in einer groß angelegten Studie der Duke University hingewiesen.

Weitere Medikamente, die je nach Geschlecht unterschiedlich wirken sind Herz- und Krebsmedikamente (Digoxin, Digitoxin, Fluorouracil) sowie Antidepressiva (SSRI, trizyklische Antidepressiva).

"Man hat an Männern getestet und das Ergebnis auf Frauen übertragen"

Das Problem beginnt schon bei der Forschung und Entwicklung neuer Medikamente: Von 1977 bis 1993 nahmen Frauen an klinischen Studien grundsätzlich nicht teil – außer es ging um frauenspezifische Medikamente wie die Pille.

Viele Arzneimittel, die in diesem Zeitraum zugelassen wurden, wurden nur an Männern getestet und das Ergebnis dann auf Frauen übertragen. "Doch eine solche Vorgehensweise führt bei Frauen allmählich zu Überdosierung und damit zu Nebenwirkungen“, erklärt Werz.

Als Beispiel nennt er den Betablocker Metoprolol: "Laut Statistik sind die Todesfälle bei Frauen höher, Nebenwirkungen treten häufiger auf. Sie bauen das Medikament langsamer ab und es kumuliert im Blut.“

So wurden auch acht von zehn Arzneistoffen in den USA wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen bei Frauen vom Markt genommen.

Erst seit dem 21. Jahrhundert denke man um, sagt Werz. "Die Wirkung von Medikamenten wird derzeit hinsichtlich Geschlecht intensiver untersucht. Es hat sich in den letzten drei bis fünf Jahren viel getan“, lobt der Professor die momentane Entwicklung.

Mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingehen

Er wünscht sich allerdings, dass man von Beginn an in der Forschung nach Geschlecht differenzieren sollte – denn schon weibliche Zellen würden andere Eigenschaften aufweisen als männliche.

Damit könnte man dann Männer und Frauen besser medikamentieren. "Aber es wird wahrscheinlich dauern, bis sich das durchsetzt. Denn es kostet mehr Geld, man muss mehr Daten erheben und braucht mehr Teilnehmer.“

Jedoch wäre es nicht nur wünschenswert, sondern auch wichtig, wenn man bei medizinischen Untersuchungen und in der Forschung mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingehen könnte. Denn es gibt nicht nur bei den Geschlechtern Unterschiede – auch das Alter spielt eine Rolle.

"Die meisten Teilnehmer bei klinischen Studien sind jung – das Medikament schlucken dann aber eher ältere Patienten. Und bei denen kann es eine andere Wirkung entfalten als bei jungen Menschen“, sagt Werz.

Beipackzettel immer genau durchlesen

Doch was kann man als Einzelperson tun? Petra Thürmann, Professorin am Philipp Klee-Institut für Klinische Pharmakologie in Wuppertal, empfiehlt in einem Interview mit der Zeitschrift "Brigitte", den Beipackzettel des Medikaments immer genau durchzulesen. Zierliche Frauen sollten ihren Arzt außerdem immer fragen, ob die empfohlene Dosis zu hoch für sie ist.

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(lk)

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