Diese Beispiele zeigen, wie kinderfeindlich Deutschland ist - das sollte uns allen Sorgen machen

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Die Deutschen bekommen zu wenige Kinder. Kinder sind unsere Zukunft. Deutschland ist ein kinderfreundliches Land.

Alles nur Floskeln. Man hört sie ständig. Von Politikern, von Pressesprechern - von Eltern allerdings weniger.

Denn Eltern wissen, wie es in Deutschland wirklich um die Kinderfreundlichkeit steht.

(Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr im Video oben)

Genervte Blicke gehören zu ihrem Alltag. Von Restaurantbesitzern und Gästen - weil ihr vierjähriges Kind immer noch nicht mit den Tischmanieren eines 50-jährigen Geschäftsmanns essen kann.

Von anderen Passagieren im Flugzeug oder im Zug - weil das zweijährige Baby es gewagt hat, einen Mucks von sich zu geben.

Von Kunden im Kaufhaus, weil die Kinder ungeduldig an der Hand zerren oder lachend herumrennen, anstatt wie ein Schoß-Hündchen bei Fuß zu laufen.

Kinder an die Macht? Nur, wenn sie dabei Lätzchen und Maulkorb tragen, saubere Finger haben und engelsgleich aussehen.

Die ideale Gesellschaft: Kinder an der Leine und ruhige Greise

Manchmal wird man den Verdacht nicht los: Viele Menschen würden am liebsten schon mit Anfang 30 in ein Altenheim ziehen. Da ist es schließlich meistens angenehm ruhig und es plärren keine Kinder herum.

Diese Menschen hätten es wahrscheinlich am liebsten, wenn Eltern ihre Kinder an öffentlichen Plätzen mit einem Geschirr draußen vor der Tür anleinen würden. Man könnte ihnen ja auch eine Karotte geben, ein bisschen Stroh hinlegen und einen Napf hinstellen.

Einige provozieren diese zunächst absurd klingende Vorstellung geradezu - mit Schildern, die Kinder mit Hunden gleichsetzen.

Diese Schilder gibt es in Deutschland wirklich. Ein Sushi-Restaurant in Dresden hat ein solches Verbots-Schild beispielsweise am Eingang aufgehängt. Darauf zu sehen: eine durchgestrichene Frau mit Kinderwagen und zwei durchgestrichene Kinder.

"Viele Gäste haben sich über Kinder beschwert. Da haben wir mit diesem Schild reagiert", sagten die Besitzer dem Online-Portal "Tag24".

Gastronom: "Bestimmte Orte sind nichts für Kinder"

Damit ist das Restaurant nicht allein. Das Café The Barn Roastery in Berlin Prenzlauer Berg, dem eigentlichen Mekka der Kinderwagen, hat schon seit 2012 ein Schild mit einem durchgestrichenen Kinderwagen an der Tür hängen. Aber damit noch nicht genug. Im Eingang steht außerdem ein großer grauer Betonpoller, der Kinderwagen den Weg versperrt.

"Bestimmte Orte sind einfach nichts für Kinder", sagte der Besitzer dem Online-Portal "Spiegel Online". Er wolle "einen ruhigen Raum".

Ein bayrischer Wirt hat nicht nur Babys, sondern gleich alle Kinder unter 12 Jahren aus seinem Restaurant Hacienda in Kraiburg verbannt. Er sei kein Kinderhasser, sagte der Wirt der Tageszeitung "Die Welt", doch es "fehle Kindern an Manieren".

Kleinen Kindern fehlt es an Manieren? Nicht zu glauben, liebe Nicht-Kinderhasser!

Ihr habt vollkommen recht: Kinder haben meistens keine perfekten Manieren. Und das ist gut so. Denn dafür sind sie Kinder.

Wollt ihr wirklich eine Generation von traurigen Robotern?

Wollt ihr wirklich eine Generation von braven, stillen, funktionierenden kleinen Robotern heranzüchten? Die nie einen Laut von sich geben, sich immer zu benehmen wissen und so nach und nach langsam aber sicher das Lachen verlernen?

Schon Grundschullehrer warnen davor, dass sie statt glücklicher Kinder fast nur noch traurige Kindergreise unterrichten, die vor lauter Problemen und gesellschaftlichem Druck jede Unbeschwertheit verloren haben.

Mit euren Verboten, mit eurer Gereiztheit angesichts von Kindern seid ihr ein Teil dieses gesellschaftlichen Drucks. Ihr tragt dazu bei, dass Kinder verlernen, sich wie Kinder zu verhalten.

Klar, wenn ihr Kinder in euer Restaurant oder Hotel lasst, wird es mitunter etwas lauter zu gehen.

Kinder schreien, kleckern und nerven nun mal

Kinder bekommen Wutanfälle. Es kann sein, dass ein Kind früher oder später einen ganzen Raum zusammen schreit. Nicht nur das. Vielleicht wirft es sich auch auf den Boden, trampelt mit den Füßen und schmeißt wütend einen Teller oder eine Vase vom Tisch. Das passiert nicht oft, aber es kann passieren.

Diese Vorstellung ist beunruhigend? Lasst besser auch keine streitenden Ehepaare mehr hinein.

Ja, Kinder kleckern. Und dagegen kann man rein gar nichts unternehmen. Ach ja, außer Tischdecken hinlegen, wischen oder die Waschmaschine anschmeißen. Zum Glück haben die meisten Erwachsenen ganz hervorragende Tischmanieren...

Ja, Kinder nerven andere Gäste. Ihr werdet selten Kinder finden, die jeden Gast oder Kunden verzaubern - vor allem nicht in Deutschland. Denn hier gibt es immer irgendwo einen Menschen, der bei dem niedlichen Lachen eines Kindes das Gesicht verzieht, als bekäme er gerade einen Migräne-Anfall. Was man dagegen tun kann? Gar nichts. Außer, den Kinderhass nicht noch weiter zu schüren.

Ihr habt natürlich schon den Baby-Brei mit Stäbchen gegessen

Wie habt ihr, liebe Kinderhasser, euch eigentlich als Kinder verhalten? Vermutlich habt ihr nie gebrüllt, auf den Tisch gekleckert oder mit den Fingern gegessen. Wahrscheinlich habt ihr schon euren Babybrei mit Stäbchen zu euch genommen und euch in eurer Freizeit selber die Dezimal-Rechnung beigebracht, anstatt herumzutoben.

Nicht das Verhalten von Kindern sollte euch Sorgen bereiten, sondern eure eigene Kinderfeindlichkeit. Versteht, was ihr damit anrichtet.

Ihr lasst unsere Gesellschaft vergreisen.

Immer mehr Menschen sind genervt von Kindern, immer weniger wollen welche haben. Kinderhasser lernen nicht, dass sie Kinder zu tolerieren haben - und so vergrößert sich der Hass.

Kinder dürfen keine Kinder mehr sein - außer vielleicht noch im Kindergarten.

Lasst ihr Kinder nicht in eure Restaurants, werden euch übrigens auch andere Eltern früher oder später meiden - und die schlechten Erfahrungen an ihre Freunde weitergeben.

So oder so: Ihr könnt nur verlieren.

Also, zeigt euch doch bitte menschlich, zeigt Verständnis für Kinder - und lasst sie Kinder sein.

Es ist kaum zu glauben, dass man euch daran erinnern muss, aber: Ihr wart selbst mal welche.

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(lk)

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