Top-Ökonom erklärt, was wirklich getan werden sollte, um Steuern gerechter zu machen

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Top-Ökonom erklärt, was wirklich getan werden sollte, um Steuern gerechter zu machen | ODD ANDERSEN via Getty Images
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Horst Seehofer will sie. Wolfgang Schäuble auch. Und Christian Lindner sowieso.

Steuersenkungen sind im politischen Diskurs in Deutschland angesagt – nicht erst seit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble den Rekord-Überschuss von 24 Milliarden Euro im vergangenen Jahr bekanntgegeben hat.

"Steuern runter“, das bedeutet im Wahlkampf zumeist: Einkommenssteuern senken. Top-Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht darin einen falschen Ansatz. Denn wer Geringverdiener entlasten wolle, müsse vor allem die Mehrwertsteuer senken.

Niedrigere Einkommensteuersätze würden "nach fast allen Vorschlägen der politischen Parteien vor allem den Besserverdienenden zu Gute kommen", schreibt Fratzscher in der "Zeit".

Er schlägt vor, stattdessen bei der Mehrwertsteuer anzusetzen. Denn: Die indirekte Steuer richtet sich nicht nach dem Einkommen der Bürger und sie belastet ärmere Haushalte viel stärker als reichere.

Mehr zum Thema: Deutschland schwimmt im Geld: Warum es jetzt einen Aufstand der Steuerzahler braucht

Top-Verdiener bezahlen nur 8 Prozent ihres Einkommens als indirekte Steuer

Geringverdiener würden so etwa 20 Prozent des Einkommens als indirekte Steuer an den Staat abgeben, rechnet Fratzscher vor.

Dazu zählen neben den 19 Prozent Mehrwertsteuern auch Versicherungsteuer, Energiesteuern, Tabak-, Alkohol- und Wettsteuern, Grundsteuer und die Kfz-Steuer.

Top-Verdiener würden dagegen nur knapp acht Prozent ihres Einkommens als indirekte Steuer zahlen – und das obwohl anzunehmen ist, dass sie einen deutlich ausschweifenderen Lebensstil haben.

Fratzscher verdeutlicht seine Forderung mit einer Grafik des DIW: dem sogenannten "Wal in der Badewanne“. Der graue "Wal“ zeigt den Anteil der Sozialbeiträge an der Steuerbelastung.

Rot ist der Anteil der Einkommenssteuer eingefärbt. Darüber schreibt Fratzscher: "Fast der gesamte Anteil dieser direkten Steuern wird von der reichsten Hälfte der Haushalte bezahlt.“

wal

Geringverdiener leiden unter der Mehrwertsteuer

Bei Geringverdienern schlagen dagegen Abgaben wie die Mehrwertsteuer (blau) stärker zu Buche. Für Menschen mit einem Jahreseinkommen bis etwa 20.000 Euro macht sie den größten Teil der Belastung aus, wie aus der Grafik hervorgeht.

Fratzscher schreibt daher: "Menschen mit geringen Einkommen wenden einen sehr viel höheren Anteil ihres Einkommens für indirekte Steuern auf als Menschen mit hohen Einkommen."

Und noch etwas zeigt die Grafik: Der Steuersatz in Deutschland passt sich nicht so stark an, wie oft gedacht wird.

Haushalte, die zu den einkommensstärksten gehören, geben knapp 25 Prozent ihres Einkommens für Steuern ab. Bei den einkommensschwächsten Haushalten sind es dagegen 20 Prozent. Ein zu geringfügiger Unterschied, findet Fratzscher. Hier müsse sich das Steuersystem besser anpassen

Niedrige Einkommen ließen sich aber nur entlasten, wenn die Sozialabgaben für diese Menschen gesenkt würden.

Auch Zenon Bilaniuk vom Bund der Steuerzahler forderte daher zuletzt eine Reduzierung der Mehrwertsteuer: "Wenn man es realpolitisch sieht würden wir zumindest eine Ausweitung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes auf Dinge des täglichen Bedarfs wünschen. Das wäre ein Stück Sozialpolitik.“

Jens Spahn spricht sich für niedrigere Mehrwertsteuer aus

Auch in der CDU gibt es Stimmen, die für eine niedrigere Mehrwertsteuer plädieren. Finanzstaatssekretär Jens Spahn schlug so vor: "Lebensmittel behalten den reduzierten Steuersatz, von mir aus auch Kultur und Medien – und ansonsten gehen wir für den Rest auf einen einheitlichen Steuersatz, der dann geringer als die aktuellen 19 Prozent sein könnte.“

Die SPD hat ihr Steuerprogramm noch nicht veröffentlicht. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) hat jedoch bereits im März Reformen vorgeschlagen. In ihrem Papier schlägt sie unter anderem vor, untere und mittlere Einkommen steuerlich zu entlasten und Spitzeneinkommen und große Vermögen stärker zu belasten.

Fratzscher sieht dagegen einen anderen zweiten Weg, das Steuersystem für mittlere Einkommen gerechter zu machen. "Für Menschen mit mittleren Einkommen würde eine Reduzierung der relativ hohen Sozialbeiträge helfen“, schreibt er.

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