Was Arbeitgeber im Umgang mit ihren besten Mitarbeitern falsch machen

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Was Arbeitgeber im Umgang mit ihren besten Mitarbeitern falsch machen | iStock
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Mal ganz ehrlich: Wie würde die Reaktion eines Chefs ausfallen, dessen Mitarbeiter ihm stolz erzählt, dass er schon seit zwei Jahren keine einzige Überstunde mehr gemacht hat und dafür jetzt viel länger schläft?

"Herzlichen Glückwunsch. Wir sollten über eine Gehaltserhöhung sprechen. Ich hoffe, du träumst auch immer schön und gehst in deiner Freizeit in den Park, anstatt vor den Computer? Gute Arbeit!"

Wohl kaum.

Wenn die besten - und deshalb oft auch bestbezahlten - Mitarbeiter um Punkt fünf oder halb sechs Uhr den Stift aus der Hand fallen lassen, aufstehen und gehen, dürften die meisten Chefs davon eher wenig begeistert sein.

Und das hat sich rumgesprochen. Lange und viel zu arbeiten, kaum zu schlafen und immer "voll im Stress" zu sein, gehört in einigen Kreisen zum Lifestyle dazu. Genauer gesagt ist es der Lifestyle. Denn viel vom Tag abseits der Arbeit bleibt nicht mehr.

Auf die steile Karriere folgt die Delfin-Therapie

Die guten Arbeitnehmer sitzen also brav ihre 60- bis 70-Stundenwoche ab und haben abseits des Büros kein Leben mehr, aber dafür den Ausblick auf eine steile Karriere. Für ein paar Jahre jedenfalls. Bis sie dann doch irgendwann völlig überarbeitet, fertig mit sich und der Welt, vermutlich getrennt, unglücklich und mit Zombie-ähnlichen Gesichtszügen umschulen auf Yoga-Lehrer, Delfin-Therapeut oder Robinson-Club-Animateur.

Dabei legen Arbeitgeber Wert darauf, dass ihre Mitarbeiter nicht überarbeitet, sondern gesund sind. Wer nicht gesund ist, kann auch nicht vernünftig arbeiten und wer nicht vernünftig arbeiten kann, ist kein guter Mitarbeiter - soweit logisch.

Stress macht uns krank, das haben zahlreiche Studien inzwischen bewiesen. Es wäre also ebenfalls logisch, dass Arbeitgeber alles, was mit Stress zusammenhängt, vermeiden wollen: zum Beispiel zu viele Aufgaben, zu viele Arbeitsstunden und zu wenig Schlaf.

Eigentlich weiß es doch jeder - und trotzdem läuft es schief

Und eigentlich weiß das ja auch jeder Mensch, dass zu viel Arbeit und zu wenig Schlaf nicht gesund sein kann und eigentlich will das doch auch niemand mehr hören.

Und dennoch, obwohl es doch jeder zu wissen scheint, steigt die Anzahl an Burn-Out-Erkrankungen, steigt die Anzahl an Fehltagen wegen psychischer Überlastung, hört man immer mehr von Aussteigern, die einfach keine Lust mehr hatten auf den stressigen Joballtag.

Irgendwas läuft also ziemlich schief. Denn bei einer immer höher werdenden Zahl an Betroffenen können Arbeitgeber irgendwann nicht mehr sagen "Ach, der kann nichts ab", "Ach, der ist nur faul" oder "Ach, der hat nicht zu uns gepasst." Irgendwann müssen sie den Fehler auch bei sich suchen.

Und sich fragen, was sie wollen: Mitarbeiter, die produktiv sind und gute Ideen liefern oder Mitarbeiter, die jeden Tag möglichst lange im Büro sind und möglichst wenig schlafen. Denn beides geht nicht, auch das ist bewiesen.

Wer weniger arbeitet, ist produktiver

Eine Studie der Stanford-Universität fand heraus: Ein Mitarbeiter, der jede Woche 70 Stunden lang arbeitet, leistet genauso viel wie ein Mitarbeiter, der 56 Stunden die Woche arbeitet. Ab einer gewissen Anzahl an Überstunden sind Menschen einfach nicht mehr leistungsfähig. Da wir nun mal keine Roboter sind, die sich grenzenlos mit Koffein auftanken können.

Eine Studie der Boston Consulting Group hat außerdem gezeigt, dass Beratungsteams produktiver werden, wenn sie weniger arbeiten und zudem auch noch regelmäßige Pausen machen.

Auch Beispiele aus Schweden zeigen regelmäßig: Weniger Arbeit führt zu mehr Produktivität.

Indem Arbeitgeber ihre Mitarbeiter immer weiter stressen und ihnen noch mehr Arbeit geben, erreichen sie also genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollen: nämlich weniger Produktivität.

Arbeitgeber müssen einsehen: Auch schön reden hilft nichts. Bestimmt macht vielen Mitarbeitern ihre Arbeit Spaß, viele mögen wahrscheinlich auch ihre Kollegen und doch ist es eben immer noch Arbeit, wenn sie im Büro sitzen. Auch dann, wenn in der Ecke ein verstaubter Kicker steht.

Ein höheres Gehalt ist nicht die Lösung

Wenn die besten Mitarbeiter dann andeuten, dass ihnen das alles zu viel wird, sie sich vielleicht nach was Neuem umsehen werden, verfallen die Arbeitgeber typischerweise in Panik. Sie bieten mehr Geld. Der Mitarbeiter bleibt - bis er dann doch irgendwann geht. Weil das höhere Gehalt eben doch nichts ändert am Arbeitsalltag.

Der Schlüssel zu nicht gestressten und daher produktiven Mitarbeitern müsste also nicht in einer Gehaltserhöhung liegen, sondern im Abbau von Stress. Dabei wiederum würde helfen: weniger Arbeit, mehr Schlaf.

Dass mehr schlafen erfolgreich und zu wenig schlafen krank macht, predigt Arianna Huffington, die Gründerin der Huffington Post, schon seit Jahren.

Seit sie selbst einmal wegen Überarbeitung zusammengebrochen ist, schlafe sie jede Nacht acht Stunden, schreibt sie in ihrem Buch "Thrive" - und sagt: Sie fühle sich damit deutlich besser.


Studien stützen ihre These: Guter Schlaf führt zu erhöhter Konzentration,
Kreativität und besseren Entscheidungsprozessen.

Wenig Arbeitsstunden verdienen Lob

Grundsätzlich halten Experten außerdem jede Art von Bewegung für hilfreich, um sich von Stress zu befreien. Aber auch Bewegung kostet Zeit - der tägliche Gang zur Kaffeemaschine im Büro dürfte dazu noch lange nicht ausreichen.

Experten empfehlen Arbeitgebern daher ganz deutlich, Mitarbeiter dazu zu motivieren, einen gesünderen, ausgeglicheneren Lebensstil zu pflegen. Und dazu zählt auch: weniger arbeiten.

Wenn ihr das nächste Mal früher geht, aber dafür genauso viel geleistet habt wie der Kollege, der um 21 Uhr noch im Büro sitzt und dabei halb einschläft, sollte euer Chef euch also nicht für unverschämt halten - sondern tatsächlich loben.

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(lk)