Trumps Worte schockieren die Nato-Mitglieder - doch noch mehr entsetzt sie, was er nicht sagte

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Trumps Worte schockieren die Nato-Mitglieder - doch noch mehr entsetzt sie, was er nicht sagte | Christian Hartmann / Reuters
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Man hatte sich so viel Mühe gegeben. Nach Angaben des US-Senders "CNN" wollten die Nato-Führer das Treffen des Verteidigungsbündnisses in Brüssel so angenehm wie möglich für den neuen US-Präsidenten Donald Trump machen.

Alles war auf die Persönlichkeit Trumps zugeschnitten - schließlich war es das erste Date zwischen dem US-Präsidenten und dem atlantischen Militärbündnis.

Das Datum wurde umgelegt, um seinen Reiseplänen zu entsprechen. In Kenntnis der kurzen Aufmerksamkeitsspanne des Präsidenten sollen Staatsführer aufgefordert worden sein, ihre Reden kurz zu halten. Nicht so viele anstrengende und ermüdende Sitzungen. Statt einer Konferenz sollte ein gemütliches Abendessen die wichtigste Veranstaltung sein.

Aber bei dem Date ging schief, was nur schiefgehen konnte.

Da war der seltsame Vorfall beim Gruppenfoto. Trump stieß den Ministerpräsidenten von Montenegro, Dusko Markovic, mit der Hand nach hinten, um bei der Vorbereitung für ein Foto in die erste Reihe zu gelangen.

Auf dem Balkan hat das für Unmut gesorgt. "America First" titelte eine Website - der Slogan ist ein Motto der neuen US-Regierung.

Vielsagend war eine Szene mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Im Hofe des Nato-Quartiers lief er auf Trump zu - um im letzten Moment erschreckt seinen Kurs abzuändern. Herzlich umarmte er Angela Merkel, während Trump etwas belämmert daneben stand. Bis er doch an der Reihe war, Macron die Hand zu geben.

Auch die britische Premierministerin Theresa May war verstimmt. Die Veröffentlichungen von Geheimdienst-Informationen zum Anschlag in Manchester hatte sie verärgert.

Die britische Polizei warf ihren US-Kollegen vor, Fotos von Bestandteilen der verwendeten Bombe an die Presse durchgestochen und damit die Ermittlungen in Gefahr gebracht zu haben. May erklärte, Trump auf dem Gipfel klarmachen zu wollen, dass Geheimdienstinformationen vertraulich bleiben müssten.

Doch das Schlimmste war Trumps Rede. Der Präsident stand im Hof des Nato-Hauptquartiers und hielt eine Ansprache vor den Regierungsoberhäuptern der Mitgliedsstaaten, die in zwei lockeren Reihen neben ihm standen, und sichtbar bemüht waren, keine Miene zu verziehen.

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Unter betretenem Schweigen schauten die 27 weiteren Staats- und Regierungschefs am Donnerstag zu, wie Trump dem Großteil von ihnen vorwarf, Abmachungen zu den Ausgaben fürs Militär nicht einzuhalten.

"23 der 28 Nationen bezahlen noch immer nicht, was sie bezahlen sollten", sagte Trump im neuen Nato-Hauptquartier in Brüssel. "Das ist nicht fair für die Menschen und die Steuerzahler der Vereinigten Staaten", beklagte er sich und forderte:

"Viele Nationen schulden uns riesige Summen Geld aus den letzten Jahren."

Bei diesen Worten schien Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der hinter Trump stand, in den Oppossum-Modus zu gehen. Er bewegte keine Miene, stand starr wie eine Wachspuppe neben dem Rednerpult und hielt sich an einem Aktenordner fest.

Der Grund, warum die 27 Regierungsoberhäupter so betreten waren, war nicht Trumps Forderung, die zugesagten Abmachungen einzuhalten. Sondern, dass er immer noch eine völlig falsche Vorstellung davon zu haben scheint, wie die Nato funktioniert.

"Diplomatisch war die Rede im besten Falle unpassend und im schlimmsten Falle absichtlich beleidigend", sagte Jeff Rathek, der stellvertretende Direktor des europäischen Programms für Strategische und Internationale Studien dem US-Sender CNN.

Die Idee, dass Länder Geld schulden, sei einfach falsch, sagte er. Die Mitgliedsstaaten hätten sich verpflichtet, zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung auszugeben. Dieses Ziel erreichen zurzeit nur fünf von 28 Staaten. Das könne man zurecht bemängeln.

Aber Trump unterstellt weiterhin, dass es eine Art Sparschwein gebe, auf dem "Nato-Verteidigungsfond" draufstehe und in das die USA mehr Geld stecken müssten, wenn die anderen zu wenig einzahlten.

Trumps Rede werfe Fragen zu seiner Fähigkeit auf, zuzuhören und zu lernen, sagte Rathke. "Jeder mit etwas Wissen über die Nato weiß, dass es so etwas wie Schulden, die Nato-Alliierte aufgrund der Gelder, die sie in den letzten Jahren gezahlt haben, nicht gibt", sagte er gegenüber CNN.

Doch am meisten schockte die Nato-Mitglieder nicht, was Trump sagte - sondern, was er nicht sagte.

Bisher hatte jeder einzelne US-Präsident seit Gründung des Bündnisses 1949 in seinen Ansprachen Artikel 5 der Nato-Charta erwähnt, der jedem Mitgliedsstaat den Beistand aller anderen Staaten im Falle eines Angriffs zusichert. Jeder einzelne Präsident hat klargestellt, dass die USA hinter Artikel 5 stehen.

Trump hat es nicht getan.

Ein Fakt, der Iva Daalder, früherer US-Botschafter bei der Nato, schlicht schockierte. "Wir haben einen Vertrag unterzeichnet, wir stehen dahinter. Das wäre nicht so schwer gewesen", sagte er. "Und die Tatsache, dass er es nicht getan hat, war verstörend, und es wird Europa viel Zeit kosten, dies zu bewältigen."

Nato-Generalsekretär Stoltenberg versuchte, Trumps Rede vor Journalisten zu verteidigen. Doch auch er nannte sie "unverblümt". Direkter kann man in diplomatischen Kreisen nicht werden.

Ein Nato-Treffen, bei dem der US-Präsident nicht seine Unterstützung für Artikel 5 zusagt, ist wie ein Date, bei dem der Kerl als Erstes klarstellt, dass er getrennt bezahlen möchte, sofern es nicht zum Beischlaf kommen sollte.

Aber stellt man sich ein Date mit Trump nicht genauso vor?

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(ll)