Bei "Maischberger" hatte Schulz den stärksten Auftritt seit Langem - doch er hat auch eine Chance vertan

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MARTIN SCHULZ
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei "Maischberger" | ARD
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  • SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist am Mittwoch in der Talkshow von Sandra Maischberger zu Gast gewesen
  • Nach einem Umfragehoch kurz nach seiner Ernennung verloren die Sozialdemokraten zuletzt wieder deutlich an Zustimmung
  • Das derzeitige Tief wirkte sich auch auf Schulz' Auftreten bei "Maischberger" aus - mit positiven Nebeneffekten

Was für einen Unterschied vier Monate machen. Nachdem Martin Schulz im Januar zum SPD-Kanzlerkandidaten gekürt worden war, saß er breitbeinig und siegessicher bei "Anne Will". Die Kanzlerschaft schien ihm schon sicher.

Und jetzt? Am Mittwochabend schien bei "Maischberger" ein ganz anderer Schulz zu sitzen. In zwei Landtagswahlen verlor die SPD in den letzten Monaten ihre Regierungsverantwortung. In den Umfragen krachten die Sozialdemokraten nach unten.

Und dann verzögert sich auch noch die Präsentation des lange angekündigten Wahlprogrammes.

Schulz saß bei Moderatorin Sandra Maischberger demütig und angespannt, die Beine übereinander geschlagen. Aber er war auch konzentriert und aufnahmebereit. Gerade deshalb war das sein stärkster Auftritt in diesem Jahr.

"Ein seriöses Steuerkonzept braucht Zeit"

Maischberger fragte ihn, warum er die Wähler so lange mit konkreten Wahlversprechen habe warten lassen? "In der Zeit, die sie sich nehmen, werden ihre Anhänger unsicher", so die Moderatorin.

Schulz versprach in 14 Tagen ein Steuer- und Rentenkonzept vorzulegen. "Ich will ein Steuerkonzept, das seriös ist, und das braucht Zeit.“ Im Gegensatz zu Horst Seehofer, der "wuchtige Steuersenkungen" verspricht, wolle er seinen Steuerentwurf genau durchrechnen.

Allerdings wurde der SPD-Chef auch konkreter: Einen drakonischen Spitzensteuersatz wie die Linke lehnte Schulz ab: "Das ist nicht sinnvoll."

Er wolle zudem ein Rentenkonzept vorlegen, bei dem die heutigen Niveaus gehalten werden, ohne dass die Beiträge explodieren, sagte er. Außerdem werde die SPD das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren halten, während die CDU es auf 70 Jahre hochschrauben wolle.

"Konkreter als die Mitbewerber"

Schulz führte eine ganze Reihe angedachter Maßnahmen an: Arbeitslosengeld, Familienarbeitszeit, kostenlose Kitas, neue Renten- und Steuerkonzepte. "Ich glaube schon, dass wir konkreter sind als unsere Mitbewerber, und dass die mindestens so floskelhaft sind wie wir."

Bei der Abschaffung der Kita-Gebühren wirft Maischberger dem SPD-Kandidaten "Populismus" vor: Denn das müsse auf Länderebene geregelt werden, auf Bundesebene brauche es eine Zweidrittelmehrheit, die schwer zu erreichen sei. Der normale Wähler wisse das unter Umständen gar nicht.

Schulz wehrte sich: Er habe nichts versprochen, er habe nur zugesichert, er werde die Gebührenfreiheit anstreben. Und er werde alles dafür tun.

Ebenso versprach er, die Agenda 2010 zu überdenken. "Die SPD ist nicht die Partei der besseren Menschen. Und sie macht auch Fehler", erklärte Schulz.

"Aber wenn wir erkennen, dass auch wir zu einer Fehlentwicklung beigetragen haben, dann müssen wir sagen: 'Wir haben uns geirrt.'" Die Hartz-IV Sanktionen wolle er überdenken, aber nicht abschaffen.

Schulz habe nicht geliefert

Etwas seltsam wurde der Auftritt des Politikwissenschaftlers Albrecht von Lucke. Der sprach über Schulz konsequent in der dritten Person - während der SPD-Chef neben ihm saß und sich die Ausführungen mit griesgrämigem Gesicht anhörte.

Der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten habe nach seinem furiosen Auftakt nicht geliefert, kritisierte Lucke. Nun sei Schulz regelrecht "abgemeldet". Auch das momentane Programm könne dies nicht ändern, bemängelte der Politikwissenschaftler.

Eine Steilvorlage für den Kritisierten, plötzlich blitzte wieder etwas vom alten Schulz durch: Er wurde kämpferisch und ein bisschen ungehalten. "Ich dachte, ich wurde eingeladen, damit ich auch dem Herrn Lucke etwas sagen darf."

Er sei nicht unkonkret, wehrt sich Schulz, und zählt eine ganze Reihe sozialer Probleme auf, die gelöst werden müssen. "All diese Punkte haben wir jeden Tag immer und immer wieder vorgetragen."

Auch als die Journalistin Weidenfeld seine EU-Politik kritisierte, wurde er leidenschaftlich und warb für eine stärkere Integration der EU-Staaten. "Sie glauben doch nicht, dass Sie der USA und China als Belgien oder Luxemburg entgegentreten können. Doch nicht mal als Deutschland!"

Tatsächlich hatte Schulz gestern einen starken Auftritt. Er schien sich der ernsten Situation durchaus im Klaren zu sein. Er wirkte, wie jemand der seine Probleme analysiert hatte, anstatt sie zu ignorieren. Dass er sich aus einer hoffnungslosen Situation herausarbeiten kann, hat er bereits als Jugendlicher bewiesen, als er seine Alkoholsucht überwand.

"Ich bin ein großer Fan der zweiten Chance", sagte Schulz an einem Punkt der Sendung - mit dem Hinweis auf seine Vergangenheit als Trinker. Da ging es um Qualifikationen für Langzeitarbeitslose.

Zwar hat auch er eine zweite Chance im derzeitigen Wahlkampf verdient. Doch zugleich hat Schulz eine wichtige Möglichkeit vertan:

Denn vielen Zuschauern werden vor allem die eindrücklichen und ehrlichen Schilderungen seiner Alkohlerkrankung haften bleiben. Doch die bieten wenig Anknüpfungspunkte für die Wählerschaft.

Zugleich verpasste Schulz die Gelegenheit, starke inhaltliche Akzente zu setzen und die zentralen Botschaften seines Wahlprogramms zu vermitteln.

So blieb der Merkel-Herausforderer nur oberflächlich - und damit wenig gefährlich für die Kanzlerin.

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(mf)

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