POLITIK
25/05/2017 20:47 CEST

Es ist Irrsinn, dass Kinder mit zehn Jahren gezwungen werden, über ihre Zukunft zu entscheiden

gradyreese via Getty Images
Es ist Irrsinn, dass Kinder mit zehn Jahren gezwungen werden, über ihre Zukunft zu entscheiden

Noch einige Wochen sind es, bis sich für Zehntausende deutscher Schüler der weitere Lebensweg entscheiden wird. Träume werden scheitern, Minderwertigkeitskomplexe geprägt. Und das ist ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die sich als „offen“ begreift.

Denn es geht nicht um die Abschlussprüfungen, die in den Bundesländern anstehen. Sondern um zehnjährige Kinder, deren weiteres Wohl und Wehe im deutschen Bildungssystem von der Frage abhängt, ob sie den Sprung auf das Gymnasium schaffen oder nicht.

In vielen Bundesländern wird nämlich schon nach der vierten Klasse „selektiert“. Da wird vielen Kindern bescheinigt, dass sie begabt genug für eine höhere schulische Bildung sind. Und anderen wird ab diesem Zeitpunkt vermittelt, dass es mit der akademischen Bildung in diesem Leben wohl nichts mehr werden wird.

Das ist gleich in doppelter Hinsicht ein Skandal: Zum einen, weil wir uns anmaßen, so früh wie kaum sonst wo in der Welt diese Entscheidung zu treffen. Und andererseits, weil unser Schulsystem zu wenig Möglichkeiten bietet, um eventuelle Fehler bei der „Selektion“ später noch einmal zu korrigieren.

Anteil der Abiturienten steigt rasant

Dass diese Entscheidung so folgenreich ist, hängt mit den Entwicklungen der vergangenen 20 Jahren im Bildungssektor und im Arbeitsmarkt zusammen. Einerseits erfordert die Digitalisierung immer höhere Qualifikationen, selbst bei Facharbeitern. Andererseits steigt der Anteil der Abiturienten an den Schülerjahrgängen rasant an.

Im Jahr 2016 erwarben 41 Prozent der deutschen Schüler das Abitur, im Jahr 2006 waren es noch 30 Prozent. Zusammen mit den Fachabiturienten sind mittlerweile mehr als die Hälfte der Schüler eines Jahrgangs studienberechtigt.

Doch nicht jeder Abiturient geht auch tatsächlich an die Uni. Vielen Betrieben sind Abiturienten mittlerweile die besseren Auszubildenden. Man kann darüber streiten, ob das richtig ist oder nicht. Längst nicht jeder Schüler ist zum Studium geboren. Zum Glück, denn in Deutschland bildet das verarbeitende Gewerbe immer noch einen starken Halt für die wirtschaftliche Entwicklung.

Unser gesamtes dreigliedriges Schulsystem ist in eine Schieflage geraten, auch durch den politisch motivierten Wunsch, mehr junge Menschen an die Universitäten zu bringen.

Burnout bei Zehnjährigen

Doch wie man es auch wendet, dadurch verschärft sich der Druck, der auf unseren zehnjährigen Schülern lastet: Schaffen sie nicht den Sprung aufs Gymnasium nicht, laufen sie den Rest ihrer Schulzeit einem Wettbewerbsnachteil hinterher. Das wissen viele Eltern. Und das spüren auch die Kinder.

Mehr zum Thema: Was wir nicht mehr brauchen, ist Frontalunterricht - das Schulsystem muss sich verändern

Laut einer Studie der Uni Bielefeld aus dem Jahr 2015 fühlt sich ein Fünftel der 6- bis 11-Jährigen überfordert. Die Stresssymptome erinnern an die aus der Berufswelt: Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Bauchweh. Bei Erwachsenen würde man wohl von einem „Burnout“ sprechen.

Doch die frühe Schulwahl hat nicht nur physische, sondern auch soziale Konsequenzen.

Verschiedene Studien haben ergeben, dass Arbeiterkinder durch das weit verbreitete Mitspracherecht der Eltern bei gleicher Begabung wie Akademikerkinder geringere Chancen auf eine gymnasiale Bildung haben.

Arbeiterkinder und Jungen im Nachteil

Mache Arbeitereltern glauben, dass auch ein Hauptschulabschluss ausreicht, um sorgenfrei ins Berufsleben zu starten. Andere wollen ihre Kinder vor dem Druck des Gymnasialsystems schützen. Die meisten Akademikereltern hingegen sehen das Gymnasium für ihre Kinder als die einzig angemessene Schulform. Die Kleinen sollen schließlich in ihre Fußstapfen treten können.

Die Ungleichheit im deutschen Bildungssystem erreicht also in der vierten Klasse ihre ersten Eskalationsstufe.

Experten wie der Schweizer Autor Remo Largo merken zudem an, dass Jungen bei dieser frühen Entscheidung klar im Nachteil sind. Sie seien in ihrer Entwicklung etwa anderthalb Jahre weiter zurück als die Mädchen. Das schlage sich dementsprechend auch in den schulischen Leistungen der vierten Klasse nieder.

Wir brauchen eine große Schulreform

Besonders in Bayern, wo die Staatsregierung den Zugang zum Gymnasium durch das Erreichen eines vermeintlich für alle Schüler gleichen Notenschnitts reguliert, hat das weitreichende Konsequenzen.

Es könnte also sein, dass Mädchen keineswegs „den intellektuellen Ansprüchen des 21 Jahrhunderts“ besser gewachsen sind, wie oft behauptet wird, sondern einfach von den Eigenheiten des Systems profitieren.

Es wird Zeit, dass wir uns ganz grundsätzlich darüber Gedanken machen, wie Schule heutzutage auszusehen hat. Was spräche dagegen, die Hauptschule abzuschaffen und alle Schüler – wie in vielen anderen Ländern üblich – bis zur zehnten Klasse gemeinsam zu unterrichten?

Was dabei freilich verloren ginge, wäre der Dünkel jener Eltern, die ihre Kinder nach Abschluss der vierten Klasse gern schon auf der Siegerstraße des Lebens sähen.

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