Dieser völlig absurde Ernährungstrend zeigt, wie krank unsere Gesellschaft wirklich ist

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PALEO
Dieser Ernährungstrend zeigt, wie krank unsere Gesellschaft wirklich ist | iStock
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Menschen, die keine tierischen Produkte mehr essen. Menschen, die keine industriell verarbeiteten Produkte mehr essen. Menschen, die nichts mehr essen, was nicht von alleine vom Baum gefallen ist.

Ihr denkt, noch absurder geht es nicht? Oh doch!

Und zwar mit einem Diät-Trend, der bereits vor einigen Jahren aufgekommen ist und in Berlin gerade einen neuen Boom erlebt: die Paleo-Diät.

Paleo ist die Abkürzung für Paläolithikum, die Altsteinzeit. Die selbsternannten Steinzeitmenschen ernähren sich so wie die Neandertaler.

Nein, sie jagen ihr Fleisch nicht selbst, dafür reicht die Motivation dann wohl doch nicht aus. Aber sie essen tatsächlich ausschließlich Lebensmittel, die auch die Neandertaler gegessen haben. Das heißt: vor allem Fleisch, Eier, Nüsse, Gemüse und Obst und nichts, das man in der Steinzeit nicht auch hätte herstellen können.

Dafür, dass diese Ernährung nicht unfassbarer Schwachsinn, sondern unfassbar gesund ist, haben sich die modernen Steinzeitmenschen verschiedene Argumente einfallen lassen.

Argument 1: "Mit dieser Ernährung leben wir länger"

Man wolle damit unter anderem eine höhere Lebenserwartung erzielen, argumentieren die Neo-Neandertaler. Ähm, ja, weil die Lebenserwartung bei den Steinzeitmenschen auch so ausgesprochen hoch war: Sie lag bei etwa 30 bis 40 Jahren.

Aber vielleicht genügen 30 Jahre der neuen Generation ja auch. Wenn man mit 17 schon Abi hat, mit 23 dann ausgebrannt ist und ohnehin keine Kinder will - damit man sich besser auf das Herausarbeiten der eigenen Individualität inklusive der Ernährungsweise konzentrieren kann -, da reichen 30 Jahre vielleicht.

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Argument 2: "Unsere moderne Ernährung macht uns krank"

Die Diät hat aber angeblich noch weitere Vorteile. Sie soll modernen Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht oder Bluthochdruck vorbeugen. An diesen Zivilisationskrankheiten sei besonders unsere Ernährungsweise schuld, meinen Paleo-Anhänger. Das menschliche Verdauungssystem sei auf unsere heutige Ernährungsweise nicht ausgelegt.

Klingt schon fast wie ein einleuchtendes Argument. Wenn es denn tatsächlich so wäre, dass unser Gen-Material seit tausenden von Jahren unverändert geblieben ist - und das ist es nicht.

Analysen zeigen: Besonders in den vergangenen 10.000 bis 20.000 Jahren hat sich unser Gen-Material verändert – und sich somit möglicherweise auch auf eine andere Ernährung eingestellt.

Auch der Anbau von Lebensmitteln hat sich gewandelt – Obst und Gemüse sind heute nicht mehr mit den Früchten aus der Steinzeit vergleichbar.

Argument 3: "Mit dieser Ernährung nehmen wir ab"

Auch zum Abnehmen sei ihre Steinzeit-Diät geeignet, behaupten Paleo-Anhänger. Es ist sicherlich tatsächlich möglich, dass Paleo-Anhänger abnehmen werden. Aber dann nur aus dem Grund, weil sie zuvor ungesund viel Zucker und Fett zu sich genommen haben. Ob die echte Steinzeit-Diät so gesund ist, bezweifeln Ärzte.

Döner und Fertigpizza wären der Hit in der Steinzeit gewesen. Denn: Gerade die Menschen in der Steinzeit hatten einen sehr hohen Kalorienbedarf. Sie brauchten viel Energie, um ihr Essen zu jagen und in der Wildnis zu überleben.

Allein die Logik des Wortes "Paleo-Diät" ist deshalb also äußerst fraglich. Abzunehmen war sicherlich das Letzte, an das die Neandertaler gedacht haben. Ärzte vermuten sogar eher, dass man durch die Paleo-Diät zunehmen könnte.

Die selbsternannten Steinzeitmenschen des Jahres 2017 hält das trotzdem nicht davon ab, ihren Anhängern das verquere Weltbild in den Kopf zu setzen.

Paleosoph: "Erfinde einfach eine Getreide-Allergie"

Sogenannte Paleosophen predigen ihre Weltansichten auf verschiedenen Blogs. Dort geben sie auch Hinweise, wie echte Paleoianer sich gegenüber Freunden und Bekannten verteidigen sollen, die - man kann es sich ja kaum vorstellen - diese Ernährungsweise möglicherweise nicht ernst nehmen sollten.

Ein Paleosoph rät auf seinem Blog allen Ernstes:

"Eine Möglichkeit ist, man behauptet schlicht, daß man allergisch auf Weizen ist. Das ist noch nicht mal gelogen: Der Körper entwickelt in der Tat eine messbare Immun-Antwort auf Gluten und andere Bestandteile von Getreide. Ein weiteres Zeichen, daß der menschliche Körper einfach nicht für den Verzehr von Getreideprodukten geschaffen wurde!"

Ein Paleo-Prediger rät also seinen Jüngern, die Freunde zu belügen und sich selbst krank zu ernähren, bis hin zu Unverträglichkeiten: Herzlichen Glückwunsch, was für eine tolle Idee!

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Dass es nicht gesund ist, wenn man sich ausschließlich von Weizenbrötchen und fettigen Industrie-Produkten ernährt - keine Frage. Das heißt aber noch lange nicht, dass man eine Getreide-Unverträglichkeit vortäuschen muss, um gesund zu bleiben.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät sogar ganz offiziell von der Paleo-Diät ab. Die Annahme, dass nur die Gene das Ernährungsverhalten prägen - welche die Paleosophen vertreten, sei zu einseitig, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in einer Pressemitteilung. Zudem habe die Ernährung in der Steinzeit stark variiert. Man könne also gar nicht eine bestimmte "Steinzeit-Diät" ins Leben rufen.

Der Boom, den die Pseudo-Steinzeitmenschen derzeit erleben, ist geradezu beängstigend. Auf Facebook hat die "Primal/Paleo in Germany"-Gruppe schon mehr als sechstausend Mitglieder. Im Internet finden sich sogar schon "Paleo-Ärzte" - und in Berlin, der Hauptstadt der alternativen Lebensmodelle, bieten verschiedene Lokale bereits "Steinzeit-Menüs" an.

Dass der Boom anhalten wird, ist zu befürchten. Und nicht nur das: Man muss sich fragen, was als nächstes kommt.

Werden wir schon bald wieder wie in der Steinzeit leben?

Werden die weisen Paleosophen merken, dass unsere Körper nicht für das Leben in Häusern gemacht sind und anfangen, wieder in Höhlen zu leben?

Auch unsere moderne Kleidung kann den Paleosophen doch nicht eines Steinzeitmenschen würdig sein. Wieso brauchen wir all diesen Schnick-Schnack, Hosen, Kleider und Schuhe? Ein Lendenschurz oder ein Wickel sollte genügen. Damit würden wir uns viel freier fühlen und könnten endlich wieder bewusst leben.

Und wenn es kalt wird, dann kann man ja immer noch einem Bären das Fell abziehen. So würde das Berliner Wahrzeichen auch wieder eine ganz neue Bedeutung bekommen.

Auch das Sprechen sollten wir einschränken. Wir sprechen zu viel, aber unsere Organe sind darauf nicht ausgelegt. Früher konnten die Menschen sich auch nur mit Lauten verständigen. Warum schaffen wir das nicht mehr?

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Lasst uns jeglichen Fortschritt vergessen

Vielleicht haben die Paleosophen recht. Wir sollten uns wieder auf das Nötigste konzentrieren. Auf das, was wir am besten können: jagen, sammeln, nicht zu viel denken.

Lasst uns endlich keulenschwingend und mit Uga-Uga-Gebrüll aus dieser hektischen, lauten Informationsgesellschaft ausbrechen. Mit der Steinzeit-Ernährung ist der erste Schritt in die richtige Richtung bereits getan.

Zwar noch leise und zaghaft, noch nicht auf allen Vieren und im Bärenfell. Aber immerhin - es ist ein Anfang. Lasst uns endlich wieder bewusst leben - und jeglichen Fortschritt vergessen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(lk)

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