"Entbehrt jeder Grundlage": "Welt"-Journalist kritisiert Rechtsextremismus-Studie - Institut wehrt sich vehement

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"Entbehrt jeder Grundlage": "Welt"-Journalist kritisiert Rechtsextremismus-Studie - Institut wehrt sich vehement | dpa
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  • Ein Journalist der "Welt" behauptet, in einer Studie zum Rechtsextremismus würden erfundene Personen zitiert werden
  • Das betroffene Institut wehrt sich vehement gegen den Vorwurf

Fragwürdige Methoden und erfundene Gesprächspartner: Die Tageszeitung "Welt" hat schwere Vorwürfe gegen eine Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung erhoben. Teile der Untersuchung seien schlichtweg gefälscht, behauptet der Autor des "Welt"-Artikels.

Das Institut bestreitet die Vorwürfe vehement - und verteidigt die Ergebnisse der Studie. Die Unterstellungen des "Welt"-Artikel entbehrten jeder Grundlage, heißt es in einer Stellungnahme. Der "Welt"-Autor habe "haltlose Behauptungen" aufgestellt.

Niemand könne sich an einen zitierten Mitarbeiter erinnern

Die Studie "Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland" war vergangene Woche erschienen. Die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), hatte die Studie in Auftrag gegeben.

Die Untersuchung war unter anderem zu dem Ergebnis gelangt, dass Ostdeutsche in besonderer Weise anfällig für Rechtsextremismus seien. Zudem wurden der sächsischen Regierung Versäumnisse im Kampf gegen Rechts vorgeworfen. Dafür hatten die Autoren 40 Politiker und Beamten interviewt, insbesondere aus den Kleinstädten Freital und Heidenau. In den Orten in der Nähe von Dresden hatte es 2015 besonders heftige fremdenfeindliche Krawalle gegeben.

"Welt"-Autor Marcel Leubecher kritisiert in seinem Text die Methodik der Studie. Er behauptet: Einige Gesprächspartner hätten die Autoren schlichtweg erfunden.

Als Beispiel führt er einen Mitarbeiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung an. In der Studie trägt der den Namen "Herr Reese". Doch die Autoren der Studie haben viele Gesprächspartner anonymisiert. So auch "Herrn Reese", was in der Studie allerdings nicht ausdrücklich noch einmal gekennzeichnet war.

Natürlich erfährt der "Welt"-Journalist auf Nachfrage, dass es einen "Herrn Reese" in der sächsischen Landeszentrale nicht gebe. Außerdem wird ihm mitgeteilt, keine der Personen im Haus würde Positionen vertreten, wie sie "Herr Reese" in der Studie äußert. So lobt der führende Mitarbeiter in der Studie die schützende Wirkung der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland.

Beleg genug für Leubecher, dass die Autoren der Studie den Herren einfach erfunden hätten.

"Ich muss beinahe eine fiese Absicht vermuten"

Wie eine Sprecherin des Instituts auf Anfrage der HuffPost mitteilte, sei der betreffende Mitarbeiter "Herr Reese" nicht mehr in der Landeszentrale tätig. Die zitierten Gesprächspartner könnten sich daher auch nicht gegenüber der Presse bekennen.

"Welt"-Autor Leubecher habe auch beim Institut angefragt und sei über die Praxis der Anonymisierung und den Quellenschutz informiert worden, sagte die Sprecherin der HuffPost. Im Artikel lässt Leubecher das Institut jedoch nicht zu Wort kommen. Aus journalistischer Sicht ein grober handwerklicher Schnitzer.

Die Sprecherin des Instituts geht noch weiter. Ihr Kollege habe den "Welt"-Autoren über den Quellenschutz aufgeklärt. Ein Hinweis dazu stehe außerdem im Text der Studie, "sodass ich hier beinahe eine fiese Absicht vermuten muss." Insbesondere hinter der Überschrift.

"Welt"-Autor Leubecher hat sich auf Anfrage der HuffPost bisher nicht zur Kritik des Instituts an seinem Text geäußert.

Auch die Union kritisiert die Methodik

Auch Unions-Politiker haben die Methodik der Studie kritisiert.

Der Ansatz, sich auf 40 Interviews zu stützen, sei "mehr als zweifelhaft", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder der "Bild"-Zeitung. "Die von Frau Gleicke vorgestellte Studie grenzt an einen Skandal", sagte er.

Gegenüber dem Tagesspiegel gab einer der Autoren der Studie einen formalen Fehler zu: "Es war zweifellos ein Fehler, dass wir im Namensverzeichnis nicht mit Sternchen noch einmal gekennzeichnet haben, welche Interviewpartner anonymisiert wurden." Dieser Fehler lasse sich aber leicht beheben.

Gegen die Kritik des "Welt"-Autors wehrt sich das Institut jedoch. "Forschungen in einem solchen, besonders schwierigen Feld werden schlicht nicht mehr möglich sein, wenn notwendige Anonymisierungen auf perfide Weise als 'Erfindungen' denunziert werden", heißt es in der Stellungnahme des Instituts.

Mit Material der dpa

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(mf)