"Deutschland baut eine geheime Europa-Armee": Was hinter dem provokanten Bericht eines US-Magazins steckt

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Nach den neuesten Nazi-Skandalen ist die Bundeswehr in Aufruhr. Nun schauen auch Militär-Experten aus dem Ausland genauer auf die Truppe – allerdings aus völlig anderen Gründen (auch im Video oben).

► Gerade sorgt ein Artikel des renommierten US-Außenpolitikmagazins "Foreign Policy“ für Aufsehen. In dem Beitrag heißt es: "Deutschland baut heimlich eine europäische Armee unter seiner Kontrolle“.

Zunächst klingt die Analyse nach einer Verschwörungstheorie. Doch hinter der knalligen Schlagzeile steckt eine treffende Beobachtung, wie der Politologe und Militärexperte Johannes Varwick von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg der HuffPost bestätigt.

Eine EU-Armee ohne "schmuddelige Politik"

Im Kern sei die These von "Foreign Policy" richtig. "Die Deutschen meinen es sehr ernst mit der multinationalen militärischen Integration“, sagte Varwick.

► Das bedeutet: Deutschland wolle eine europäische Armee aufbauen. Und das ohne die "schmuddelige Politik, die eigentlich damit verbunden ist“, wie "Foreign Policy“ es spitz formuliert.

Hintergrund des Berichts über die europäische Armee ist eine Partnerschaft im recht neuen Nato-Programm "Framework Nation Concept".

Im Zuge dieses Verteidigungsprojektes wird eine Brigade der tschechischen Armee und eine Brigade der rumänischen Armee der deutschen Bundeswehr beigestellt. Und das nicht nur im Falle eines Nato-Einsatzes.

Die Einheiten sollen in Zukunft die 10. Panzerdivision der Bundeswehr und die 81. Mechanisierte Brigade der Division Schnelle Kräfte unterstützen, berichteten deutsche Medien bereits im Februar.

Im Klartext: Tschechien und Rumänien stellen der Bundeswehr jeweils 1.500 bis 5000 Soldaten zur Verfügung. Das betrifft offenbar vor allem Spezialkräfte, wie die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik analysiert. So gehe es beim Framework Nation Concept der Nato grundsätzlich darum, "dass kleinere Armeen ihre Spezialfähigkeiten, etwa Luftabwehr oder Pioniere“ an die größere Armee "andocken“.

"Eine Europa-Armee durch die Hintertür"

Varwick erklärt der HuffPost: "Was wir jetzt sehen, ist sicherlich noch keine Europäische Armee, aber ein Schritt dahin.“

Der große Wurf einer EU-Armee sei nämlich nicht mehrheitsfähig. "Nicht alle 28 EU-Staaten ziehen bei einer EU-Armee mit. Deshalb versucht man es in kleinen Schritten und durch die Hintertür“, sagt Varwick.

Die kontroverse Idee, mit einer EU-Armee für die Sicherheit der Europäischen Union zu sorgen, ist nämlich keineswegs neu.

Bereits seit den 1950er-Jahren kursieren die Überlegungen, seit Beginn des Jahrtausends werden die Diskussionen wieder lauter. Erst recht, seit US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf vergangenes Jahr öffentlich die Zukunft der Nato in Frage gestellt hatte.

Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker plädiert immer wieder für eine gemeinsame Europa-Armee. Man müsse "Russland den klaren Eindruck vermitteln, dass wir es ernst meinen mit der Verteidigung unserer Werte“, tönte Juncker schon vor zwei Jahren. Auch Bundesverteidigunsministerin von der Leyen gilt als begeisterte Unterstützerin der Idee.

Doch Fortschritte gibt es bei dem Thema seit Jahren nur auf kleiner Ebene. Die Bundesregierung forciert deshalb andere Projekte, die ein ähnliches Ziel haben.

Teure Projekte und Sprachprobleme

"Dazu zählt auch das Deutsch-Niederländische Korps. Seit etlichen Jahren treibt Deutschland die Idee der europäischen Militär-Zusammenarbeit voran“, erklärt Varwick.

Das 1. Deutsch-Niederländische Korps besteht seit 1995. Neben den Niederlanden und Deutschland stellen hier elf weitere Staaten Soldaten ab, die Truppen können binnen weniger "Tage der NATO und der EU für mögliche Einsätze zur Verfügung“ stehen, wie die Bundeswehr auf ihrer Website erklärt.

Wie brisant ist diese "heimliche Europa-Armee“, die "Foreign Policy“ entstehen sieht? Experte Varwick betrachtet die Entwicklungen zumindest nicht als ein Streit-Thema. "Ich halte das für eine vernünftige Idee“, sagte der Militär-Experte der HuffPost.

Ohnehin sind die Kapazitäten der Bundeswehr auch mit ausländischer Unterstützung weiter begrenzt.

Allerdings gehe es nicht darum, Geld zu sparen, indem man auf eigene Truppen verzichte. Im Gegenteil: "Diese Partnerschaften sind sehr teure Projekte, man spart dadurch kein Geld. Das ist politisches Investment“, weiß der Politologe.

Investieren müssen dabei auch die Soldaten, wie "Foreign Policy“ berichtet. Und zwar in die eigene Bildung. Derzeit stehe die Frage im Raum, welche Sprache die multinationalen Armeen verwenden sollten. Der holländische Oberst Anthony Leuvering, der eine Brigade in Oldenburg unterstützt, sagte dem US-Magazin, langsam setze sich unter seinen Leuten die englische Sprache durch.

Dass er das so offen sagt, widerspricht zumindest einem Aspekt des "Foreign Policy"-Artikels. Geheim ist diese deutsch-europäische Armee nicht.

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(poc)