Was mit Kindern passiert, die vor dem zweiten Lebensjahr mit dem Smartphone spielen

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Was mit deinen Kindern passiert, wenn du sie vor dem zweiten Lebensjahr mit dem Smartphone spielen lässt. | Jessica Lynn Culver via Getty Images
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Es ist ein Sinnbild unserer modernen Gesellschaft: Kinder, die noch zu klein sind, um nach einem Glas Milch zu fragen, hantieren schon geschickt mit einem Smartphone. Die Kleinen lieben es, über den Bildschirm zu wischen, die bunten Bilder zu bewundern oder sich mit den Spiele-Apps zu beschäftigen.

Und die Eltern sind froh, wenn der Nachwuchs mal ein paar Minuten brav und still bleibt – vor allem, wenn sie unterwegs sind. Außerdem werden die Kleinen so schon früh mit neuen Technologien vertraut, oder?

Bei Kindern verzögert sich durch Smartphone-Nutzung die sprachliche Entwicklung

Ärzte und Erziehungsexperten sind da oft anderer Meinung. Eine neue Studie, die während des diesjährigen Medizinerkongresses der Pedriatic Academy Society in San Francisco vorgestellt wurde, bestätigt nun ihre Befürchtungen:

Die Untersuchung kanadischer Wissenschaftler des Hospital for Sick Children legt nahe, dass sich bei Kindern vor dem zweiten Lebensjahr die sprachliche Entwicklung verzögert, je mehr Zeit sie mit elektronischen Geräten wie Smartphones oder Tablets verbringen.

Für die Studie beobachteten Kinderärzte über 900 Kinder im Alter von sechs Monaten bis zwei Jahren und fanden dabei heraus, dass schon eine halbe Stunde mit dem Smartphone das Risiko des verzögerten Spracherwerbs um 49 Prozent erhöht.

“Kleinen Kindern fällt es schwer, das, was sie auf dem Bildschirm sehen, gedanklich in die echte Welt zu übertragen”, warnt Jenny Radesky, eine der an der Studie beteiligten Forscherinnen.

Mehr zum Thema: Warum es so schwer ist, eurem Kind ein Smartphone zu verbieten

Deutsche Studie: Kleinkinder verbringen zu viel Zeit mit elektronischen Geräten

Das ist alarmierend – denn eine diesjährige Studie in deutschen Kinderarztpraxen ergab, dass 70 Prozent der Kinder im Krippen- und Kita-Alter das Smartphone ihrer Eltern täglich mehr als eine halbe Stunde nutzen.

Laut dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wurden für die Studie mehr als 3000 Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern und Befragungen von Eltern analysiert. Die Forscher erkannten in der Auswertung auch einen Zusammenhang zwischen Smartphone-Nutzung und der Entwicklung von Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen bei Kindern.

Die Experten warnen, dass in Deutschland viele Kleinkinder zu viel Zeit mit elektronischen Geräten verbringen. Bei kleinen Kindern habe das Smartphone "eigentlich nichts zu suchen“, sagt Kinderarzt Uwe Büsching in einem Statement des Verbandes. Das Familienministerium rät auf seiner Informations-Webseite "Schau hin“ davon ab, Kinder unter drei Jahren mit dem Smartphone spielen zu lassen.

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70 Prozent der deutschen Kleinkinder verbringen zu viel Zeit mit elektronischen Geräten; Credit: Gettystock

Die Gehirnentwicklung wird beeinflusst

Was Eltern bei der Mediennutzung ihrer Kinder auch beachten sollten: Das Gehirn wächst bei Kindern zwischen null und zwei Jahren um das Dreifache und wird durch Impulse aus der Umwelt beeinflusst.

Wenn es dabei stark durch Smartphones oder Tablets stimuliert wird, kann das unter Umständen zu verminderter Lernfähigkeit führen, wie die amerikanische Ergotherapeutin Cris Rowan für die HuffPost schreibt.

Immerhin konnten die Forscher der kanadischen Studie in anderen Punkten Entwarnung geben: Sie fanden keine Hinweise darauf, dass die Nutzung von Tablets und Smartphones im Kleinkindalter non-verbale Kommunikationsfähigkeiten wie Gestik oder Mimik beeinflusstoder gar die Sozialkompetenz des Kindes allgemein vermindert.

Direkte Kommunikation ist wichtig

Die Kinderärzte raten, dass Eltern mit ihren Kindern direkt kommunizieren und spielen sollten und dass sie die Zeit vor dem Bildschirm so kurz wie möglich halten.

Sicher ist: Wenn die Eltern sich direkt und umfassend mit ihrem Kind beschäftigen und ihm die Möglichkeit geben, ausgiebig mit anderen gleichaltrigen Kindern zu spielen, dann ist das für eine gesunde, glückliche Entwicklung ideal – und für das Kind mit Sicherheit besserals es vor einen Bildschirm zu setzen.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

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(lk)