Lieber Richard David Precht, es ist peinlich, wie Sie die stumpfe Propaganda von Diktatoren nachplappern

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Lieber Richard David Precht!

Viele Menschen schätzen Sie als „Stimme der Vernunft“. Ihr Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ war ein Bestseller und bewegte womöglich den ein oder anderen Deutschen dazu, sich mit der Philosophie zu beschäftigen.

Zu vielen Fragen des gesellschaftlichen Lebens sucht man ihren Rat. Den Sie dann auch bereitwillig geben. In Sachen Digitalisierung, Tierschutz oder Migrationspolitik. Sie kennen sich überall aus. Als Philosoph geht man ja recht einfach als Generalist durch.

Womöglich hat das ZDF deswegen die verhängnisvolle Entscheidung getroffen, Ihnen einen Sendeplatz zur Verfügung zu stellen. In dem Talkformat „Precht“ haben Sie die Gelegenheit, Fragen der Philosophie mit bedeutenden Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu diskutieren (das obige Video zeigt Precht, wie er bei "Markus Lanz" über eine neue Flüchtlingswelle spricht).

Gesammelter Unsinn über 45 Minuten

Am Sonntag war Harald Kujat bei Ihnen zu Gast, der ehemalige Generalinspekteur des Bundeswehr. Das Thema der Sendung war „Ewige Kriege – Warum die Völker keinen Frieden finden“. Und ich bin immer noch fassungslos über den gesammelten Unsinn, den Sie in diesen fast 45 Minuten von sich gegeben haben.

Das betrifft besonders Ihre Einlassungen zu den kriegerischen Handlungen Russlands in der Ukraine. Da gehen aus Unwissenheit Begriffe durcheinander. Da werden boshaft Zusammenhänge verfälscht. Und schließlich driften Sie in das Lager der zynischen Menschenverächter ab.

Meinen Sie das tatsächlich ernst, wenn Sie die Ukraine als „bettelarmes Hungerland“ bezeichnen? Man würde Sie am liebsten mal in die Touristenmetropole Lviv (früher: Lemberg) einladen, auf eine Schüssel Borschtsch und einen doppelten Horilka zur Beruhigung ihres angeschlagenen Nervenkostüms.

Aber womöglich waren Sie sich einfach nur ehrlich, wenn Sie die Ukraine als Land der Dritten Welt diffamieren. Wie sonst kämen Sie auf den abwegigen Gedanken, dass Russlands Präsident Wladimir Putin ein Recht auf, O-Ton Precht, „das kleine bisschen Ukraine“ hätte?

Millionen Menschen mit Problemen - aber auch Träumen und Hoffnungen

Es soll ja passieren, dass Philosophen im Geografie-Unterricht nicht aufgepasst haben: Die Ukraine ist mit einer Landfläche von mehr als 600.000 Quadratkilometern fast doppelt so groß wie Deutschland und das zweitgrößte Land Europas. Hier leben 45 Millionen Menschen, die neben zahlreichen Problemen auch Träume und Hoffnungen haben.

Eine junge Generation von Ukrainern befindet sich derzeit im Aufbruch, um die Ziele des Maidans in die Politik zu tragen. Besuchen Sie mal eine der zahlreichen NGOs oder das Künstlerkollektiv „Isolazija“ in Kiew.

Und wenn Sie danach, so als Philosophie-Professor, an eine der beiden großen Unis der ukrainischen Hauptstadt gehen, werden sie viele Studenten erleben, die mit großen Plänen ins Berufsleben starten. Menschen, die aus der Ukraine ein anderes Land machen wollen.

Ich fürchte jedoch, dass Sie für solche Eindrücke immun sind. Wie sonst kämen Sie auf die Idee, die Ukraine als „Einflussland Russlands“ zu bezeichnen? Im Ernst, Herr Precht: Welcher Teufel reitet Sie, mal ebenso 45 Millionen Ukrainern das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen? Sie plappern damit eins zu eins die Propaganda des Kremls nach.

Eigenständigkeit der Völker Osteuropas respektieren

Unsere Vorfahren haben den westlichen Republiken der Sowjetunion mit ihrem Angriffskrieg unsägliches Leid zugefügt. Wenn wir es mit der Versöhnung ernst meinen, dann sollten wir die Völker Osteuropas in ihrer Eigenständigkeit respektieren. Was für Söhne und Enkel sind wir eigentlich, um diese Menschen zu Bauernopfern eines internationalen Machtpokers zu degradieren?

Und als ob das noch nicht genug wäre, haben Sie auch noch die Freiheit, im gleichen Gespräch Immanuel Kant zu zitieren. Gibt es in ihrer Gedankenwelt eigentlich vernunftbegabte Wesen erster und zweiter Klasse?

Nur logisch, dass Sie auch sagen, dass „Journalisten und Politiker“ in den Denkschemen des „Kalten Krieges“ gefangen seien und „immer noch“ von einer Bedrohung von Russland ausgingen. Als Realitätsbeschreibung ist das schwer erträglich und eigentlich nur dann verständlich, wenn man davon ausginge, dass Sie die vergangenen vier Jahre ohne Kontakt zur Außenwelt in einem mecklenburgischen Baumhaus gelebt hätten.

Sie gehören offenbar zu jenen Intellektuellen, die immer noch denken, dass auf der Krim „grüne Männchen“ vom Himmel gefallen seien und dass es keine Beweise für eine russische Einmischung in den US-Wahlkampf gegeben hätte.

Donald Trump wäre stolz auf Sie als Stichwortgeber.
An diesem Abend klatschte jedoch nur Harald Kujat in die Hände, der seit 2016 für eine Denkfabrik tätig ist, die von Putins Vertrauten Wladimir Jakunin geleitet wird.

Da hatten sich die Richtigen gefunden, um über das Thema „Frieden“ zu plaudern. Armes ZDF.

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(mf)

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