Wie es sich anfühlt, von einem kiffenden Vater großgezogen zu werden

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CANNABIS
Trotz kiffen war mein Papa immer ein guter Papa | BraunS via Getty Images
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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29

Wir schreiben das Jahr 1999. Ich sitze mit meiner besten Freundin Pilli in meinem viel zu kleinen Kinderzimmer zwischen Bob Marley Postern, Pressholzmöbeln und einem qualmenden Joint, den wir uns kichernd hin- und herreichen, als meine Mutter wutentbrannt die Zimmertür aufreisst und beginnt, mich unverblümt anzumaulen.

Ich solle sofort die Musik leiser drehen und ihr gefälligst zuhören. Erschrocken lasse ich Busta Rhymes verstummen. Mit hochrotem Kopf keift sie in das nun stille Kinderzimmer, ich könne zwar so viel kiffen wie ich wolle, es wäre ja mein eigenes blödes Leben, aber wenn sie noch ein einziges Mal mitkriegen würde, wie ich Haschischklumpen in meinem Portemonnaie aufbewahre, würde sie mir für den Rest des Lebens Hausarrest geben. Pilli guckt mich fragend an.

"Du hast sie ja nicht mehr alle"

Das Problem sei nicht das Kiffen selbst, erklärt Mama immer noch schreiend, sondern die Möglichkeit, dass ich meine Geldbörse verlieren könne und sie dann jemand findet. Mit dem Hasch und mit meinem Namen drin. Ich hätte sie ja wohl nicht mehr alle!

Ich starre verlegen auf den Boden. Falls die Polizei komme, um sich hier umgucken (sie zeigt in Richtung Wohnzimmer), hätte Vater (sie zeigt Richtung Tür) ein Problem. Aha, denke ich, es geht wiedermal nur um ihn.

Der blöde Penner mit seinen vermessenen Kifferprivilegien. Na klar, dass er Mutter feige vorschickt. Er selbst steht verstohlen hinter der Tür und lauscht. Den Stress kann er sich nicht geben, analysiere ich ziemlich treffend. Abgefuckter Kiffer!

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Rückblickend war dies der einzige Moment in meinem Leben, in dem ich ihm seinen Cannabiskonsum wirklich übel genommen habe. Und eigentlich auch nur, weil ich an diesem Tag selbst stoned war und in den Fokus von Mutters Wut geriet, die sich von seiner verkifften Ängstlichkeit hatte gegen mich aufstacheln lassen. Paranoia halt.

Pilli verabschiedete sich und ich schlich mich an den Kühlschrank, um den Kreislauf nach diesem Schock mit Schokopudding wieder aufzupäppeln.

"Ich habe dennoch keinen Grund zur Beschwerde"

Keine Ahnung ob die Geschichte meiner Familie im Vergleich zu denen anderer Familien etwas Besonderes darstellt, oder ob diese Story eigentlich total random ist, weil die meisten Eltern in Wirklichkeit allesamt irgendeine Sucht pflegen und sich nur das Mittel unterscheidet.

Schließlich waren die Eltern meiner Freunde ebenfalls keine abstinenten Heiligen, sondern stellten sich abends regelmäßig ein paar Gläser Wein rein, zwitscherten gerne mal die ein oder andere Schlaftablette, absolvierten zwanghaft ihre Aerobic-Stunden oder zogen sich ebenfalls einen Joint rein, wie es mein Papa zu tun pflegte, um dann ruhig einen Tierfilm zu schauen oder ein offenes Ohr für unser Kindergequake zu haben.

Für mich war das Aufwachsen mit einem kiffenden Vater absolute Normalität, ohne dass die Tatsache des Konsums jemals auch nur zur Diskussion gestanden hätte. Kinder sind da sehr tolerant. Besonders Kinder mit kiffenden Eltern, wie ich heute weiß, denn alle meine Bekannten mit Marihuana-Eltern schienen zu jederzeit gewusst zu haben, wie lieb und fürsorglich sich ihre Eltern “trotzdem” um sie kümmerten. Oder vielleicht auch gerade darum. Mein Papa war eben Kiffer und er ist es bis heute. Ich habe dennoch keinen Grund zur Beschwerde.

Liebevoll neugierig und immer schön anzusehen

Die Eltern meiner Freunde waren damals alle “normal”, wie die Kids mir gegenüber immer wieder betonten. Mein Vater galt in meinem Freundeskreis als irgendwie “anders”, aber mehr im bewundernden Sinn.

Als Musiker hatte man in diesem Alter sowieso die Probs der Kinder sicher. Lehrer und andere Erwachsene behandelten ihn immer wie einen bunten Paradiesvogel. Liebevoll neugierig und immer schön anzusehen.

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Sie suchten das Gespräch mit ihm. Ich war stolz auf ihn. Dennoch gehörte er nie richtig dazu. Ob sie damals wussten, dass er Kiffer war? Keine Ahnung. Ob sie selber auch manchmal kifften und einfach nur angepasster wirkten oder es besser verheimlichen konnte? Keinen blassen Schimmer. Es gibt bis heute keine validen Zahlen dazu.

Zum einen, weil Eltern große Angst haben, ihren Konsum öffentlich zu machen, und sich damit durch eine nach außen getragene Lebenseinstellung auszugrenzen, und zum anderen, weil sie sich nicht dem Vorurteil aussetzen wollen, verantwortungslos zu sein. In den USA gibt es nun zum Glück erste Medical Cannabis Konsumenten, die über ihre Doppelrolle als Eltern und Konsumenten sprechen und dabei mit einigen Vorurteilen aufräumen.

Mein Papa war ein guter Papa

Der Guardian befragte 200 Elternteile über ihre Medical Cannabis Nutzung und wie sie selbige mit ihrer Rolle als Eltern vereinbaren. Die Antworten der Befragten sind in einem Punkt erstaunlich ähnlich und lassen keinesfalls auf unverantwortliches Verhalten oder eine geminderte Bereitschaft für ihre Kinder da zu sein schließen.

Im Grunde sind sich alle einig: Sie rauchen niemals vor ihren Kindern und der Konsum liegt immer nur in den letzten Stunden des Tages, in denen die Kinder bereits im Bett sind und in denen andere Eltern Alkohol trinken.

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“Ich rauche Marihuana unregelmäßig aber häufig. Ich konsumiere immer erst nachdem ich meinen Sohn ins Bett gebracht habe. Mein Mann öffnet sich dann ein oder zwei Bier, aber ich bevorzuge Marihuana zum Abschalten. Es hat mir geholfen, mit meiner Angst klarzukommen und mich in Bezug auf mein Leben optimistischer gemacht. Meine Gedanken sind positiver und auf die Zukunft gerichtet, wenn ich Cannabis rauche.” (Anonym, 31, Maine, US)

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Mein Papa war ebenfalls kein Junkie, sondern ein guter Papa. Ruhig, in sich gekehrt und immer entspannt. Er war nach dem Kiffen auch nie lustig oder abgedreht, sondern eher in sich ruhend und viel weniger reizbar. Eine tiefe Milde überkam ihn nach seinem Abendjoint.

Heute weiß ich, dass er sich gut mit Strains und Dosierung ausgekannt haben muss, denn im Alltag war sein Naturell eher introvertiert und immer etwas angespannt. Jemand, der leicht reizbar war und emotional eher weniger stabil wirkte. Die Vaterrolle lag ihm bekifft einfach mehr, weil ihm Stress dann weniger anhaben konnte.

Ich finde, mein Papa hat immer einen guten Job gemacht

Die unzähligen Trips in die Niederlande und das abendliche auf die Terrasse verschwinden, um dort in Ruhe rauchen zu können, begann ich in der Tat erst im Alter von 13 Jahren zu verstehen, als Freunde in meinem Umfeld auch Marihuana ausprobierten. Ich kann mich erinnern, dass ich mir bis dahin niemals bewusst Gedanken gemacht habe, warum mein Papa so ist wie er ist und was er da eigentlich genau in seiner Nachttischschublade aufhebt (Weed, nämlich).

Für mich war immer jemand da. Ich war nie alleine und mir mangelte es keiner Fürsorge. Es gab also keinen Grund über seine Gewohnheiten nachzudenken und ihn irgendwie zu beurteilen. Dazu komme ich in der Tat erst heute.

Als ich dann mit Vierzehn meinen ersten Joint rauchte und den charakteristischen Geruch wahrnahm, hatte ich einen wahnsinnigen Aha-Moment. Aber er änderte rein gar nichts an meiner Beziehung zu meinem Vater, außer der Tatsache, dass bestimmte Kleinigkeiten und Momente aus der Vergangenheit plötzlich Sinn ergaben.

Die schön getrockneten Kräuter, die er in seinen privaten Schubladen aufbewahrte, waren also keine biologischen Andenken an die letzten Reisen und Kurztrips, sondern einfach nur Weed, welches über den Monat gesehen weniger wurde und sich dann irgendwann wundersamerweise wieder aufgefüllte.

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“Weed mildert die Reizbarkeit, die bei mir immer eintritt, wenn ich müde bin. Es hilft mir dabei, nicht so sehr über Dinge nachzudenken. Warte! Das klingt nicht gut. Ich meine aber etwas anderes: Es hilft mir nicht über die kleinen, unwichtigen Dinge nachzudenken. Ich habe nämlich die Gewohnheit von Kleinigkeiten besessen zu sein und mich total zu stressen. Blöde Kleinigkeiten, wie dass mein Lebenspartner den Knoblauch nicht presst, sondern schneidet.” (Anonym)

Heute ist mein Papa siebzig Jahre alt. In seiner Karriere ist er nicht weitergekommen. Aber das sind die wenigsten. Ich habe bis heute keine Meinung zu Elternschaft und Konsum und möchte auf keinen Fall pauschale Ratschläge geben.

In meinen Augen gibt es aber Menschen, die auch trotz Konsum Verantwortung wahrnehmen können und Menschen, die es nicht tun. Ich finde, mein Papa hat immer einen guten Job gemacht und dafür bin ich dankbar. Ich kiffe auch fast täglich. Kinder habe ich jedoch keine.

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(lk)