Viele lesen "Kopftuch" und drehen durch - was ich als muslimische Publizistin in Deutschland erlebe

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MUSLIM WOMAN
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Stell dir vor, man gäbe dir ein großes Stück Stoff. Daraus sollst du dir ein Kleidungsstück basteln. Du bist nackt.

Was machst du mit dem Stück Stoff? Es würde Leute geben, die nichts großartiges damit machen würden. Andere würden es wahrscheinlich in mehreren Teile teilen und mehrere Körperteile bedecken.

Wieder andere, würden sich komplett verhüllen. Was du mit dem Stoff machst, spielt keine Rolle. Dass du aber die freie Entscheidung hast, wie du dich anziehst, das spielt sehr wohl eine Rolle.

Werden wir Frauen zu stark, wird ein Ablenkungsmanöver in den Ring geworfen

Zurück in die Realität. Es ist das Jahr 2017. Wie sehen wir aus? Was passiert auf der Welt? Terrorismus von Fanatikern und Anzugträgern. Die Männer in den Anzügen regieren, die Fanatiker agieren.

"Distanziert euch von Terrorismus!" rufen verängstigte Bürger - aber wovon? Wieso soll ich mich von Taten distanzieren, die nicht im Geringsten mit mir zu tun haben.

Haben sich Österreicher von Fritzl distanziert, oder tun es die Deutschen und distanzieren sich von Hitlers Taten? Nein. Im Gegenteil, der Scheiß wiederholt sich.

Und es geht noch weiter: Keine Frauenrechte, weltweit. In bestimmten Ländern zwingt man sie, sich zu verhüllen, in anderen möchte man ihnen die Kleidung am liebsten vom Leib reißen. In einigen Ländern dürfen sie nicht einmal Auto fahren, in anderen arbeiten sie sich ohnmächtig und bekommen trotzdem weniger Lohn als Männer.

Mehr zum Thema: "Nur Demokratien garantieren dauerhaft Freiheit und Gleichheit!"

Werden sie der Gesellschaft zu stark, dann wird ein Ablenkungsmanöver in den Ring geworfen: Das Thema Kleidung. Was darf und soll eine Frau anziehen, was ist zu viel und wer entscheidet,was zu wenig ist?

Ist der Minirock zu kurz, ist sie eine Hure

Sollte sie das nicht selber tun dürfen? Und wenn sie das dann auch darf und tut, wird sie dafür verurteilt, ganz egal wofür sie sich entscheidet.

Ist der Minirock zu kurz, ist sie eine Hure. Trägt sie ein Kopftuch, so wie ich, ist sie eben anpassungsunfähig und eine Bombenlegerin.

Aber wir Frauen sind währenddessen schon viel weiter gekommen! Frauen sind weltbekannte Sportlerinnen bei den olympischen Spielen, Mütter, Schwestern, Reisende, Feministinnen, Lehrerinnen und vor allem: Menschen.

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Frauen von überall teilen so vieles gemeinsam. Und ich rege mich immer wieder auf, wenn ich auf meinen vielen Reisen Menschen begegne, die sich an die Abwesenheit oder Anwesenheit von Stoff an meinem oder anderen Körpern aufregen.

"Woher nehmen Sie sich das Recht?", denke ich mir dann immer. In einer Mall in einem arabischen Land war auf einer Glastüre ein Sticker mit einem Bikini darauf - natürlich durchgestrichen.

Ich habe mich darüber aufgeregt und der Manager meinte nur:"Aber das geht Sie doch nichts an, Sie sind bedeckt." Natürlich geht es mich etwas an! Ich bin eine Frau, die die Meinung vertritt, dass jeder tragen sollte was er oder sie möchte und das überall.

Zum Deutschsein gehört doch Schweinefleisch

"Na aber man muss sich doch anpassen." "Anpassen ja, durch Sprache, Arbeit und Ethik, aber trotzdem habe ich eine eigene Identität." Letztens schrieb jemand einen Kommentar unter meinen Beitrag: "Zum Deutschsein gehört auch das Schweinefleischessen."

Dass es viele deutsche Veganer gibt, ist dem Verfasser dieses Kommentars wohl nicht in den Sinn gekommen. Ich bekomme oft Lesernachrichten, die nur mit Beschimpfungen gefüllt sind. Ich frage mich dann immer: "Was willst du mir damit sagen?"

Beleidigt bin ich nicht, es ist mir gleichgültig, denn wer nicht konstruktiv diskutieren kann, der hat meine Aufmerksamkeit schon verloren.

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Man muss das Kopftuch nicht mögen. Man muss den Minirock nicht mögen. Man muss Frauen an sich nicht mögen, aber respektieren. Wieso? Weil es ein Menschenrecht ist. Und wieso betone ich immer nur das Frausein? Weil auf unserem Rücken Politik gemacht wird.

In den muslimischen Ländern, sowie in den "ach so freien" europäischen Ländern. Ich bereise die Welt und weiß wovon ich spreche. In einem kleinen Kaff in Texas hat sich niemand über meine Kleidung aufgeregt. Dort habe ich erwartet, mit einer Waffe erschossen zu werden. Ich musste jedoch feststellen: Kleidung spielte dort keine Rolle, sondern nur meine Persönlichkeit.

Jeder sucht sich sein Leben aus

Das vermisse ich so sehr an Europa. In vielen arabischen Ländern würde ich es nicht lange aushalten, weil meine europäische Mentalität es einfach nicht aushalten würde. "Europäische Mentalität und das sagt die Muslima", wird jetzt der eine oder andere Leser sagen.

JA! Verdammt, ja! Die ist in mir drinnen und auf die bin ich stolz! Ich respektiere die Europäische Mentalität nicht nur, sondern lebe sie auch! Wie geht das als Muslima? Ganz einfach: Es gibt "die" Muslima nicht.

Es gibt nur Menschen. Jeder sucht sich sein Leben aus. Und wie ich lebe, kannst du durch diesen Artikel nicht wissen. In meinen letzten Beiträgen sind Dinge erwähnt worden, die nicht nur mir, sondern auch anderen Frauen passiert sind, aber viele lesen "Kopftuch" und drehen schon durch.

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Dass auch andere Frauen sexistisch angemacht werden und darunter leiden, das ist egal. Hauptsache "die" Muslima kehrt nach Arabien zurück.

Trotzdem - ich habe nicht nur negative Erfahrungen in Europa gemacht. Im Gegenteil. Die negativen Erfahrungen dort sind intensiv, aber minimal gewesen. Ich trage auch sehr viele mit mir, die schön sind und mich als Frau sehr geprägt haben.

Ich habe so viele Freunde hier

Da ist zum Beispiel Christa, unsere Nachbarin, die mir Deutsch beigebracht hat. Da sind meine Kindergartentanten, die meine Locken als Kind immer faszinierend fanden. Da ist der Michael aus dem Kindergarten, zu dem ich immer noch Kontakt habe und den ich zu meinen Freunden zähle.

Da ist meine ehemalige Volkschullehrerin, die für die gesamte Klasse einen Förderkurs angeboten hat, um Gedichte zu lernen und meine Deutschlehrerin in der AHS, die mir sagte: "Du wirst eines Tages durch das Schreiben deine Brötchen verdienen."

Dann gab es einen anderen Lehrer, der einen so dunklen Humor hatte, dass er mir beigebracht hat, nicht immer alles ernst zu nehmen und vor allem mich selbst nicht. Und es gab den jungen Mann, dessen Namen ich bis heute nicht weiß.

Als ich schwanger war, wurde ich auf der Straße ohnmächtig und er rettete mir das Leben. Er überlegte nicht vorher, ob ich in seine Weltanschauung hineinpasste, er handelte einfach. Ich würde alles geben, um mich offiziell bei ihm bedanken zu können.

"Ihr Kopftuch könnte Ihr Verhängnis oder ihr Erfolgsgeheimnis sein"

Zuletzt hab ich so viele Freunde - aus aller Welt und aller Kulturen. Die Wiener sind mir die liebsten, weil ich dort aufgewachsen bin und in fast jeder Gasse eine Erinnerung habe - alle in Jahren gesammelt.

Die ersten Freunde, die erste große Liebe, der erste Job, das Studentenleben, das Arbeitsleben, Gelächter, Tränen, Erwachsenwerden und einfach Leben. Un der Ratschlag eines Dozenten: "Was Sie auf dem Kopf tragen könnte Ihr Verhängnis oder aber Ihr Erfolg sein. Machen Sie das Zweite daraus."

Mehr zum Thema: Die junge Generation wünscht sich eine europäische Identität

"Aber ich möchte nicht darüber schreiben, sondern über Feminismus", sagte ich damals schüchtern als Erstsemestler im Publizistikstudium. "Das Eine schließt das Andere nicht aus", gab er zurück.

Es gibt so viele schöne Momente, so viele liebevolle Menschen, die ich kennenlernen durfte, dass alles Negative nicht mehr zählt.

Selbst in den negativen Erlebnissen gibt es meistens etwas Positives, oder eine Person, die ich dabei kennenlernte. Ich glaube an ein friedliches Zusammenleben. Es ist für mich jedes Mal ein persönlicher Gewinn, wenn ich eine Person treffe, die mich erst einschätzt, nachdem sie mich kennengelernt hat - nicht vorher aufgrund meines Kopftuchs.

Wenn das mehrere Leute täten, hätten wir einen viel stärkeren Zusammenhalt in der Gesellschaft.

So stark, dass weder Kopftuch, noch Minirock uns spalten könnten.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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