Großbritannien gibt gerade alles auf, wofür das Land einmal gestanden hat

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THERESA MAY
Großbritannien gibt gerade alles auf, wofür das Land einmal gestanden hat | Stefan Wermuth / Reuters
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Liebe Briten!

Dies ist ein Abschiedsbrief an eine große Nation. Eine, der Deutschland viel mehr zu verdanken hat, als sich das die meisten meiner Landsleute vorstellen können.

Die Rede ist von Großbritannien. Dem Mutterland des Liberalismus, Zufluchtsort der Freiheit und dem Geburtsort des Arbeiterstolzes.

Nur Großbritannien war dumm genug ...

Seit der Niederlage von Marine Le Pen in der Stichwahl um die französische Präsidentschaft ist klar, dass eben dieses Großbritannien das bisher einzige westeuropäische Land ist, das dumm genug war, um mehrheitlich auf eine rechtspopulistische Lügenkampagne hereinzufallen, deren Kern nicht weiter als Hass auf Eliten und Entscheidungsträger war.

Und jetzt lauft ihr auch noch den falschen Parolen einer Theresa May hinterher. Die Premierministerin verspricht euch für die Zeit nach dem EU-Ausstieg ein Stück von der Sahnetorte. Bekommen werdet ihr am Ende aber nur eine Scheibe Weißbrot. Ihr wisst das. Alle wissen das. Also tut nachher nicht so, als wäret ihr arglistig getäuscht worden.

Im Ernst, liebe Briten: Wie konnte es nur so weit mit euch kommen?

Ihr habt uns gezeigt, wie kreativ Freiheit sein kann

Als in Deutschland noch darüber gestritten wurde, welche Zölle man auf der Kutschfahrt von Ulm nach Augsburg bezahlen muss, habt ihr uns im 18. und 19. Jahrhunderts gezeigt, welch enorme kreative Energie unternehmerische Freiheit entfalten kann.

Kaum eine wichtige Erfindung dieser Zeit, die nicht in Großbritannien entwickelt oder perfektioniert wurde. Dampfmaschine, Webstuhl, Eisenbahn. Meine Vorfahren kochten nach dem britischen "Bessemer“-Verfahren den Stahl in ihren Hütten an der Ruhr.

Bei euch galt Redefreiheit, als in Deutschland noch zensiert wurde. Auch 1914 noch, als unser an sich selbst besoffener Kaiser die Lunte am Pulverfass Europa entzündete.

Ihr seid die Taufpaten der deutschen Pressefreiheit

Einige der wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen fanden während der NS-Herrschaft Zuflucht in Großbritannien: zum Beispiel Stefan Zweig, Sebastian Haffner und Sigmund Freud. Und nach dem Krieg wurden die Briten zu Taufpaten der neuen deutschen Pressefreiheit. "Spiegel“, "Welt“, "Zeit“, "Stern“ - all diese Publikationen hätte es ohne die britische Lizenzpolitik in ihrer jetzigen Form wohl nicht gegeben.

Ihr habt uns Deutschen mit eurer Haltung imponiert. Und bevor ihr es erwähnt: Damit meine ich nicht nur Churchill und den Krieg.

Als es eurem Land in den 1960er-Jahren wirtschaftlich gar nicht gut ging, hat eure Popkultur die halbe Welt inspiriert. Gerade, weil sie zu einem großen Teil aus abgerockten Arbeiterstädten kam. Und weil es auch in Deutschland abgerockte Arbeiterstädte gab, deren Bewohner gerne genauso cool gewesen wären wie ihr.

An euch ist nichts mehr cool

Manchmal scheint es mir, als ob ihr, die große Nation der Seefahrer und Handelsreisenden, auf einmal wasserscheu geworden wärt. Das Meer, so wirkt es jedenfalls, ist heute für euch kaum mehr als ein überdimensionaler Burggraben, der euch von dem Rest der Welt trennt.

An euch ist nichts mehr cool. Das Brexit-Großbritannien ist zu einem Anti-Vorbild geworden. Leute, die in ständiger Angst vor den anderen und der Gemeinschaft als solcher leben, brauchen nicht mit Bewunderung zu rechnen.

Mein stilles Entsetzen

Und merkt ihr eigentlich nicht, was gerade auch von innen heraus mit eurem Land passiert?

Da werden Ausländer auf offener Straße attackiert, zusammengeschlagen und in Einzelfällen auch getötet. Nicht, dass wir Deutschen bei diesem Thema in der Position wären, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Dass Deutschland in manchen Regionen ziemlich nah an der Hölle gebaut ist, dürfte ja mittlerweile den meisten klar sein.

Es ist eher eine Art stilles Entsetzen, das mich ergreift, wenn ich höre, dass sich im einstmals so liberalen Großbritannien die fremdenfeindlichen Übergriffe vervielfachen.

Währenddessen macht Theresa May höchst erfolgreich mit Zuwanderungsbeschränkungen Wahlkampf. So soll es bald für Firmen schwieriger werden, Ausländer einzustellen.

Abgesehen davon, dass die britische Wirtschaft ohne die Zuwanderung aus Osteuropa nach der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 so manchen Engpass zu überbrücken gehabt hätte: Allein die demografische Situation spricht gegen eine Abschottungspolitik, die kurzfristig ein wenig Applaus von der rechten Hälfte des Theatersaals bringt, aber langfristig zu leeren Stühlen führen wird.

Bleibt tapfer

Währenddessen hat sich übrigens in Deutschland die Zahl der Einbürgerungen von britischen Staatsangehörigen verdreifacht.

Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich wünschte, dass ich mich auch in Zukunft mit den Briten um europäische Politik streiten könnte. Eigentlich bräuchten wir sie, diese Bedenkenträger von der Insel, die uns so viel gegeben haben.

Doch für Wehmut ist es jetzt zu spät. Und wenn Liberalismus doch eine Sache bedeutet, dann den Respekt vor den Entscheidungen anderer.

Insofern: Macht's gut, liebe Briten - und bleibt tapfer. Ihr habt den Weg in eine raue Zukunft gewählt.

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(sk)

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