LIFESTYLE
18/05/2017 17:33 CEST | Aktualisiert 18/05/2017 17:53 CEST

Ein Berliner Junge klagt gegen seine Schule - sein Vorwurf lässt am Verstand einer ganzen Generation zweifeln

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Die Klage des Berliner Schülers sagt einiges über seine Generation aus (Symbolbild).

Ein Berliner Schüler fühlt sich "in seiner Ehre verletzt und gedemütigt", denn sein Lehrer hat ihm etwas seiner Meinung nach Grausames angetan: sein Smartphone weggenommen und es ein ganzes Wochenende lang behalten. Der Jugendliche hatte damit während des Unterrichts gespielt.

Seine Reaktion auf die Bestrafung seines Lehrers: eine Klage gegen die Schule. Auch für seine Eltern stand fest: Ihrem zu diesem Zeitpunkt 16-jährigen Sohn war ein furchtbares Unrecht widerfahren. Sie bezeichneten den Vorfall vor Gericht als Eingriff in die Grundrechte ihres Sohnes.

Welche Special Edition des Grundgesetzes die Familie besitzt, ist nicht bekannt. Was drin steht, kann man sich nur vorstellen:

(1) Das Smartphone eines Schülers ist unantastbar. Es zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller Lehrer.

(2) Jeder Schüler hat das Recht auf 24 Stunden Candy Crush, WhatsApp und Dagibees Beauty Tipps. In diese Rechte darf von keinem Lehrer, der nicht Sami Slimani heißt, persönlich eingegriffen werden.

Der Schüler reichte sofort Klage ein

Der Schüler, dem diese "Grundrechte" von seinem Lehrer genommen wurden, reagierte prompt. Nicht nur mit einer Klage: Er wechselte auch noch die Schule.

Doch: Das Verwaltungsgericht Berlin wollte sein schweres Leid nicht anerkennen. Der Richter wies die Klage am Mittwoch ab. Der Junge sei nicht in seinen Grundrechten verletzt worden, argumentierte er.

So absurd diese Geschichte auch klingen mag - wirklich verwunderlich ist sie nicht. Der Schüler steht stellvertretend für eine Generation, die sich öfter im Selfie-Stick als im Spiegel betrachtet und ohne Google Maps nicht mehr den Bäcker am Ende der Straße findet.

Eine Generation, die wahrscheinlich schon bald wieder Stirnbänder in Mode bringen wird, weil sie so oft in Snapchat versunken gegen Laternenpfähle läuft. Und die ihrem Sitznachbarn auf WhatsApp schreibt, anstatt ihn anzusprechen und die Hobbys ihres Lieblings-YouTubers besser kennt als die der Geschwister oder Freunde.

Dieses Verhalten hat Folgen. Und zwar nicht nur die, dass man am Verstand dieser Generation zweifeln muss.

Eine Aufmerksamkeitsspanne wie ein Goldfisch

Die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches ist laut einer Microsoft-Studie höher als die der "Digital Natives". Die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches liegt übrigens bei neun Sekunden. Also gerade lang genug, um eine Runde im Glas zu drehen - oder um eine schnelle Nachricht auf WhatsApp zu tippen.

100 Whatsapp-Nachrichten am Tag sind für rund 35 Prozent der Jugendlichen Alltag. Dass da die Aufmerksamkeitsspanne sinkt, ist kein Wunder.

Die 16- bis 25-Jährigen verbringen sogar mehr als die Hälfte ihrer wachen Zeit mit digitalen Medien, wie eine Studie gezeigt hat.

Man kann sich also vorstellen, wie es wird, wenn diese Generation erst einmal arbeitet: Sie brauchen Smart-Glasses. Anders wird es ihnen kaum möglich sein, ununterbrochen auf das Handy zu starren. Und hoffentlich bekommen die meisten der Smartphone-Süchtigen Jobs, bei denen man nicht allzu viel miteinander sprechen muss.

Mehr zum Thema: Ich habe eine Woche lang jeden Tag einen Fremden angesprochen - das ist mir passiert

Die Smartphone-Sucht ist bewiesen

Dass einige Jugendlichen geradezu Smartphone-süchtig sind, ist übrigens nicht nur eine Vermutung - die jeder haben dürfte, der sich einmal in einer U-Bahn oder in der Innenstadt umgesehen hat -, es ist sogar bewiesen.

Mehr als zwei Prozent der Jugendlichen nutzen soziale Netzwerke suchtartig-exzessiv haben Mainzer Forscher herausgefunden. Die Folge: Schlechte Schulleistungen, sagte Manfred Beutel, Direktor einer Klinik für Psychosomatische Medizin, dem Deutschlandfunk. Und es gibt weitere Nachteile.

Die Nutzung der Smartphones nehme solche Ausmaße an, dass sie den Jugendlichen ihren Schlaf raube, warnt der Schlafforscher Manfred Betz.

Die Smartphone-Sucht treibt den digitalen Wandel nicht voran

Zwar ist auch fraglich, ob die Reaktion des Lehrers richtig war. Doch: Wenn ein junger Mensch, der noch zur Schule geht, nicht einmal zwei Tage ohne sein Smartphone aushält - zuhause bei seiner Familie, nicht auf einer einsamen Insel oder alleine in einer fremden Stadt, ist das kein Anlass zu einer Klage, sondern Anlass zur Sorge.

Doch die Eltern schienen nicht besorgt zu sein, haben die Klage ihres Sohnes sogar unterstützt. Vermutlich mussten sie am Wochenende tatsächlich einmal mit ihrem Kind sprechen - wie furchtbar.

Die Wahrheit ist allerdings auch: Vermutlich wird es gerade diese Smartphone-süchtige Generation sein, die den technischen Wandel entscheidend vorantreiben wird. Gerade dieser Generation könnte es gelingen, das digitale Feld neu zu erfinden. Aber der Preis, den sie dafür zahlen, darf nicht zu hoch sein.

Wer die Technik vorantreiben will, sollte auch eine gesunde Beziehung dazu gewinnen - und das ist genau das Gegenteil vom Beginn einer Sucht.

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(lk)

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