"Patienten sind chancenlos": Ermittler warnt vor der massiven Ausbreitung von gefälschten Medikamenten

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Ein Ermittler berichtet von Medikamenten-Fälschungen. | Getty Images
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In seinen 30 Jahren bei der Kripo habe er viel gesehen", sagt der ehemalige Kriminalbeamte Hans-Joachim Mill. Aber während seiner Arbeit für die Pharmaindustrie habe es ihn schockiert, "in welchem Ausmaß man die Gesundheit von Menschen gefährdet, um Geld zu verdienen“.

Mill hat zwischen 2006 und 2012 als Ermittler und Sicherheitschef für einen bekannten Pharma-Konzern gearbeitet. Den Namen des Unternehmens will Mill nicht verraten, doch was er dort erlebt hat, lässt ihn nicht mehr los. "Man könnte in jeder Apotheke, in jedem Krankenhaus an eine Fälschung gelangen", sagt er.

Gefälschte und minderwertige Medikamente verursachen in Deutschland jährlich eine Milliarde Euro Schaden – schlimmer noch: Die Fake-Pillen gefährden das Leben von ahnungslosen Patienten.

Kunden kommen mit den Fälschungen nicht nur bei dubiosen Online-Händlern in Kontakt, sondern auch in Apothekern, bei Hausärzten und in Krankenhäusern.

"Mittlerweile nehme ich Tabletten nur noch mit einem ungutem Gefühl ein“, sagt Ermittler Mill.

Der Ex-Kripo-Mann hat mit der HuffPost gesprochen, weil er ein Bewusstsein dafür schaffen will, dass jeder Gefahr läuft, die falschen Pillen zu schlucken.

"Die Gesundheit von Menschen wird gefährdet, um Geld zu verdienen"

Mehrere hundert Fälle im europäischen Raum hat der Ermittler während seiner Dienstzeit bearbeitet, 50 bis 60 davon konnte er an die Ermittlungsbehörden weitergeben, schätzt er. "Die wenigsten Fälle sind in der Presse gelandet, nur in Fachzeitschriften wird darüber berichtet.“

Und das, obwohl er einen Anstieg an Betrugsfällen gefälschter Medikamente beobachte.

So tauchten in Deutschland bei dem Händler Orifarm 2014 Fälschungen des Krebstherapeutikums Sutent von Pfizer auf: Auch der Konkurrent CC Pharma war davon betroffen. In beiden Fällen stammte die gefälschte Ware aus Rumänien.

Nicht nur teure Krebsmedikamente sind betroffen: Auch Lifestyle-Medikamente wie Potenzmittel und Schlankheitsmittel sowie Antibiotika, Schmerzmedikamente und Verhütungsmittel werden gefälscht.

Sie gelangen auf verschiedenste Wege in die legalen Lieferketten - und werden mitunter sogar in Apotheken verkauft oder in Krankenhäusern verabreicht.

"Wenn ein Medikament einmal in der EU ist, dann finden keine gezielten Kontrollen mehr statt"

"Wenn ein Medikament einmal in der EU ist, finden keine gezielten Kontrollen mehr statt", sagt Mill. "Fälschungen werden teilweise in Rumänien und Bulgarien durchgewunken und gelangen auf diese Weise in den Handel und damit in unsere Apotheken. Ermittlungen verlaufen in diesen Ländern leider meist im Sande."

Darüber hinaus werden immer mehr Medikamente aus Indien bezogen. Dort werden vor allem Generika hergestellt – billigere Nachahmerprodukte. Indien gilt damit als "Billigapotheke für die Welt“.

Jedoch gibt es dort mitunter Probleme mit Verunreinigungen, wie Grimme-Preisträger Daniel Harrich in seinem Buch "Pharma Crime – warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind“ schreibt.

In einer Studie des indischen Gesundheitsministeriums wurden laut Harrich alle untersuchten Medikamente der großen Pharma-Konzerne des Subkontinents als "Substandard" eingestuft. Das bedeutet unter anderem, dass in dem Medikament ein falscher oder zu wenig Wirkstoff gefunden wurde.

So enthielt ein Antibiotikum von GlaxoSmithKline India nur 63 Prozent des Wirkstoffes, wobei 90 Prozent als unterste Toleranzgrenze gelten. Bei einer Unterdosierung von Antibiotika kann es jedoch zu einer Resistenzen kommen. Nur zwei der 18 betroffenen Firmen wollten daraufhin den Verkauf der beanstandeten Medikamente einstellen.

Fälschungen gelangen über verschiedene Akteure zu den Patienten

Doch auch in Deutschland sind Fälscher und Panscher unterwegs. 2016 wurde ein Apotheker aus Bottrop verhaftet, weil er das Krebsmedikament Zyto fälschte. Er soll in mindestens 40.000 Fällen Infusionen zur Krebsimmuntherapie abweichend von den individuellen ärztlichen Verordnungen zu gering dosiert haben.

Darüber hinaus habe er gegen Hygienevorschriften verstoßen, lautet der Vorwurf. Der wirtschaftliche Schaden beträgt etwa 2,5 Millionen Euro – für diesen Betrag wurden unzählige Leben aufs Spiel gesetzt. Der Schaden für die Patienten sei laut Staatsanwaltschaft schwer einzuschätzen, da schwer nachzuweisen sei, wer in welchem Ausmaß betroffen sei.

Harrich berichtet auch von einem weiteren Medikamenten-Skandal: 2012 fand die Nürnberger Zollbehörde 50.000 Ampullen eines Wirkstoffes, der für die sogenannte Drei-Monats-Spritze gedacht war, einem Verhütungsmittel.

Nur war der Wirkstoff in Deutschland nicht zugelassen. Trotzdem belieferten die Fälscher 300 deutsche Frauenärzte, die den illegalen und ungeprüften Wirkstoff ihren Patientinnen spritzten – vier Jahre lang.

Der Schaden für die betroffenen Frauen ist schwer einzuschätzen - und nachzuweisen. Überhaupt ist es schwer zu beweisen, wie groß der Schaden für Patienten in Deutschland durch Fake-Pillen ist.

Offizielle Zahlen gibt es für Deutschland nicht; laut Schätzungen der American Society of Tropical Medicine and Hygiene sterben jedoch weltweit jedes Jahr bis zu einer Million Menschen an gefälschten Medikamenten.

Bei uns dürfte die Sterberate allerdings sehr gering sein - die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in Europa bis zu ein Prozent der Medikamente im legalen Markt gefälscht ist. Mill schätzt, dass die Dunkelziffer hoch sei, genaue Angaben kann aber auch er nicht machen.

"Sie sind als Patient chancenlos"

Wie sich Patienten schützen können? Gar nicht, glaubt Mill. Reimporte und Parallel-Importe seien anfällig für Fälschungen – wie im Falle des Krebsmedikaments Sutent. Diese seien aber aus Kostengründen sehr beliebt.

"Man kann auch nicht immer auf der Packung erkennen, ob es sich um einen Import handelt, da manche Händler umpacken dürfen. Sie sind als Patient chancenlos. Wenn sie ein Medikament als Fälschung erkennen möchten, dann müssen Sie es ins Labor schicken“, sagt Mill.

Er erinnert sich an einen Fall, bei dem gefälschte Potenzmittel in den Originalschachteln verkauft wurden, weil die Fälscher diese in Bulgarien in Apotheken aufkaufen konnten.

Auch wenn die Zahl der Fälschungen steige, müsse man aber als Verbraucher jetzt nicht in Panik geraten. "Deutschland ist trotzdem ein Paradies. Man kann hier noch relativ sicher einkaufen. In anderen Ländern ist das nochmal ganz anders“, sagt er.

Deshalb rät er davon ab, Medikamente günstig im Ausland zu kaufen: "Eine junge Frau hat mir im Zuge einer Diskussion um Medikamenten-Fälschung berichtet, dass sie sich die Antibabypille in der Türkei gekauft habe – und schwanger geworden sei. Sie war sich aber sicher, dass sie die Pille nach Vorschrift eingenommen und nicht vergessen hat.“

Trotz aller Warnungen bestellen außerdem viele Deutsche ihre Medikamenten bei Online-Händlern, die kein entsprechendes Prüfsiegel besitzen. Dort ist das Risiko, an eine Fälschung zu gelangen, aber ungleich höher.

Laut Wissenschaftler der Universität Osnabrück ist mittlerweile jedes zweite Medikament, das im Internet angeboten wird, eine Fälschung.

Mehr Transparenz als Lösung?

Doch Mill hat auch Hoffnung: Er hält die Initiative Securpharm für sinnvoll: Dabei scannt der Apotheker bei jedem Medikament den Code auf der Packung.

Die Seriennummer wird abgefragt: Ist sie beim Hersteller unbekannt oder schon einmal abgegeben worden, wird der Apotheker gewarnt. Voraussichtlich kommt das System aber erst 2019 auf den Markt.

Harrich wünscht sich außerdem mehr Transparenz: "Bei Lebensmitteln steht drauf, wo es hergestellt wird und was drin ist. Medikamente sind der einzige Bereich, wo wir zulassen, im Dunklen zu bleiben", sagt er.

"Warum ist das so? Es geht um viel Geld und dadurch besteht eben die Gefahr, dass sich manche auf Kosten anderer bereichern wollen.“

Mehr zum Thema könnt ihr am heutigen Mittwochabend im ARD-Themenabend "Gefährliche Medikamente" erfahren.

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(lk)

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