Die ewige Kanzlerin? Warum die Deutschen immer wieder Merkel wählen

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ANGELA MERKEL
Die ewige Kanzlerin? Warum die Deutschen immer wieder Merkel wählen | Getty Images
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  • Einen großen Anteil am CDU-Erfolg in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein hat Merkel selbst
  • Warum wählen die Deutschen immer wieder die Kanzlerin?

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Kanzlerin Angela Merkel abgeschrieben.

Mehrere Landtagswahlen in Folge hatte ihre CDU verloren, dann sackten die Umfragewerte der Partei ab. Im Februar wollten plötzlich mehr als die Hälfte der Deutschen, dass die SPD den Kanzler stellt – nur noch 39 Prozent waren auf der Seite von Merkel. Ein herber Rückschlag.

Er war nur von kurzer Dauer, wie sich in den vergangenen Wochen gezeigt hat. Merkels Fortuna ist zurückgekehrt, die CDU hat drei Wahlen in Folge überraschend stark gewonnen, in Umfragen trennen Sozialdemokraten und Konservative teilweise unerreichbar wirkende zehn Prozent.

Keiner weiß, wie Schulz diesen Rückstand wieder aufholen will – dafür müsste er schon zaubern. “Aber das kann ich nicht“, sagte der SPD-Chef selbst nach Verkündung der Wahlergebnisse am Sonntag.

Es ist Zeit, über einen Merkel-Effekt zu sprechen. Denn einen großen Anteil am CDU-Erfolg in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein hat die Kanzlerin selbst.

Merkel-Müdigkeit ist verflogen

Ob Armin Laschet, Annegret Kramp-Karrenbauer und Daniel Günther: Zuletzt gewannen in allen drei Bundesländern Politiker, die Merkel inhaltlich sehr nahe stehen - und mit der Kanzlerin offensiv Wahlkampf betrieben haben.

Wie sehr die Kanzlerin für den Erfolg der CDU verantwortlich ist, zeigen aber auch Zahlen.

Für 22 Prozent der NRW-Wähler war eine unruhige weltpolitische Lage ausschlaggebend, zur Wahl zu gehen, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infra. Hier wird Merkel klassischerweise viel Kompetenz zugesprochen.

Und für 60 Prozent der CDU-Wähler war Merkel der wichtigste Grund, ihrer Partei die Stimme zu geben. Ähnlich hoch waren die Werte in Schleswig-Holstein.

Merkel punktet bei der Jugend

Die Merkel-Müdigkeit, die viele politische Beobachter im Frühjahr den Deutschen attestierte, steht der CDU also nicht mehr im Weg. Und einen entscheidenden Anteil daran hat die Jugend.

Hier haben die CDU und ihre Parteichefin überraschend viele Fangirls and -boys. Fast 50 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in NRW würden Merkel wählen, hatte eine YouGov-Umfrage kurz vor der Landtagswahl ergeben. Für die SPD würden sich hingegen nur 21 Prozent entscheiden.

"Merkel verkörpert die Mutter der Nation"

“Die Mutter ist bei allen jungen Leuten, wie zuletzt wieder die Shell Studie gezeigt hat, der absolute Orientierungspunkt für die Lebensgestaltung”, sagt Klaus Hurrelmann der HuffPost, Professor an der Berliner Hertie School of Governance und einer der renommiertesten Jugendforscher Deutschlands.

“Angela Merkel verkörpert für die jungen Leute so etwas wie die Mutter der Nation. Das könnte ihre große Anziehungskraft erklären.”

Merkel verkörpere das rechtschaffene Bemühen, in unruhigen Zeiten die Übersicht zu behalten. “Sie verspricht nichts, was sie nicht halten könnte. Sie hat zwar keine Zukunftsvisionen, aber die jungen Leute wissen, dass man die heute sowieso nicht haben kann, weil eben die Verhältnisse so schwer berechenbar sind”, sagt Hurrelmann.

Merkels Erfolg bewegt auch Polit-Beobachter im Ausland. Das renommierte Außenpolitik-Magazin “Foreign Policy” etwa schreibt etwas lakonisch: “Es ist Zeit, sich einzugestehen, dass Angela Merkel vielleicht für immer die Bundeskanzlerin Deutschlands bleibt.”

Merkel habe es geschafft, die bisher gültige Gleichung "Macht plus Zeit gleich Müdigkeit der Öffentlichkeit“ zu widerlegen.

Ihr Erfolgsrezept zeuge von einer guten "Intuition“, aber nicht von "Deutschlands politischer Reife“.

Die Kanzlerin lasse andere Politiker die Debatten führen und trete erst dann in Erscheinung, wenn es bereits einen Konsens in der Gesellschaft gebe, und Reformen als "unvermeidbar“ gelten würden, schreibt “Foreign Policy”.

Auch die Franzosen beschäftigt die politische Langlebigkeit der Kanzlerin.

"Langlebigkeit Angela Merkels auf internationaler Bühne"

“Wenn Emmanuel Macron am Montag Angela Merkel besucht, wird die ewige Kanzlerin den vierten französischen Präsidenten nach Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande in Berlin begrüßen“, sagt Pascal Thibaut der HuffPost. Er ist Deutschland-Korrespondent von “Radio France”.

“Das Bild des neuen Paares wird auf frappierende Weise die Langlebigkeit Angela Merkels auf der internationalen Bühne symbolisieren.”

Die Kanzlerin bleibe wie ein Fels in der Brandung an der Spitze Deutschlands, während andere Staats- und Regierungschefs in turbulenten Zeiten “von der Macht weggejagt” werden.

"Merkel steht im krassen Widerspruch zum gespaltenen Frankreich"

“Zwar geriet Angela Merkel mit der Ankunft vieler Flüchtlinge in Turbulenzen”, sagt Thibaut. “Aber bessere Wirtschaftsdaten, die Zufriedenheit der Deutschen mit ihrer Situation, die Glaubwürdigkeit einer Politikerin, frei von Allüren und Skandalen, stehen im krassen Widerspruch zum gespaltenen Frankreich, wo das politische System gerade auseinander bricht.”

Der Politologer Gero Neugebauer wiederum nennt den Merkel-Faktor für die CDU ein “Armutszeugnis”, weil die Parteizugehörigkeit vielen Wählern offenbar egal sei.

“Der Spruch: ‘Nichts muss bleiben, wie es ist, alles kann sich ändern’, Frau Merkel kann ihn außer Kraft setzen”, sagt er.

Am Ende ist es vielleicht auch die gute Bilanz von Merkel, die für ihre politische Langlebigkeit sorgt. Der Mehrheit der Deutschen geht es vielleicht einfach zu gut, um einen Wechsel an der Spitze zu wollen. Warum das Risiko großer Reformen eingehen, wenn doch alles gut ist, fragen sie sich.

Natürlich, es könnte auch anders kommen. Merkel wird nicht wiedergewählt. Die Deutschen erinnern sich an den Schrecken der bleischweren Kohl-Jahre und Schulz holt noch auf den letzten Wahlkampfmetern auf.

Doch derzeit deutet wenig darauf hin, dass Schulz das Ruder herumreißen kann. Fast scheint es so, als könne nur Merkel selbst ihren politischen Siegeszug beenden. In Berlin heißt es, sie werde spätestens nach einer weiteren Legislatur aufhören.

Nun ja, das hieß es auch schon vor vier Jahren. Am Ende ist es vielleicht doch zu verlockend für sie, Kohl zu schlagen. Der hatte sich 16 Jahre ins Bundeskanzleramt eingenistet.

Und dann wäre sie tatsächlich die ewige Kanzlerin.

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(ll)

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