Was im Gehirn von Kindern passiert, die keine Geschwister haben

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Was mit dem Gehirn von Kindern passiert, die keine Geschwister haben. | Dimedrol68 via Getty Images
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Verwöhnt, egoistisch und launisch: Einzelkinder haben oft mit einem eher schlechten Image zu kämpfen. Es sorgt dafür, dass sich viele Eltern Sorgen machen, ohne Geschwister würden ihre Kinder eine negativere Entwicklung durchmachen.

Auch wenn diese Vorstellungen mehr auf Vorurteile zurückgehen als auf erwiesene Tatsachen - für Psychologen und Kinderexperten steht fest, dass Kinder sich unterschiedlich entwickeln, je nachdem ob sie Geschwister haben oder nicht.

So zeigen Studien, dass Einzelkinder im späteren Leben erfolgreicher sind, sich aber im Vergleich beispielsweise öfter scheiden lassen als die Menschen, die mit Geschwistern aufgewachsen sind.

Unterschiede sind im Gehirn sichtbar

Eine neue Studie legt jetzt nahe, dass sich diese Unterschiede sogar im Gehirn nachweisen lassen. Ein Forscherteam um den Psychologen Jiang Qiu von der Southwest University in Chongqing in China führte an 250 Studenten Gehirnscans durch und analysierte diese. Die Teilnehmer absolvierten zusätzlich Intelligenz-, Kreativitäts- und Verhaltenstests.

Dabei schnitten die Einzelkinder bei den Intelligenz- und Kreativitätstests besser ab, zeigten aber bei den Verhaltenstests mehr negative Eigenschaften wie Abhängigkeit und Egoismus.

Die Gehirnscans bestätigten diese Ergebnisse. Die Gehirnregionen, die für Flexibilität und Vorstellungskraft zuständig sind, unterschieden sich bei den Einzelkindern deutlich von den Gehirnarealen der Teilnehmer, die Geschwister hatten. Die Scans zeigten auch Unterschiede in den Hirnregionen, die die Gefühlskontrolle regeln.

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Das Familienumfeld spielt eine Rolle bei der Entwicklung der Gehirnstruktur

"Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Familienumfeld eine große Rolle in der Entwicklung des Verhaltens und der Gehirnstruktur von Individuen führt," schreiben die Wissenschaftler dazu.

Ihre These: Da Einzelkinder nicht mit einem Geschwisterchen um die Aufmerksamkeit der Eltern konkurrieren müssten, kann es sein, dass sie besser gefördert werden, aber auch mehr von ihnen erwartet wird.

Offenbar können sich Kinder ohne Geschwister auch kreativer ausleben, weil die Eltern eher auf die Neigungen der Kinder eingehen.

Andererseits führt die fehlende Auseinandersetzung mit einem Bruder oder einer Schwester laut den Forschern dazu, dass Einzelkinder weniger soziale Fähigkeiten auszubilden und stärker zu Egoismus neigen.

Mark Runco vom American Institute for Behavorial Research and Technology lobt die Studie, warnt aber vor pauschalen Urteilen: "Ihr seht hier nur die Testergebnisse und nicht das, was die betreffende Person im realen Leben macht", sagte er dem amerikanischen Wissenschafts-Portal "Quartz".

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Einzelkinder sind laut neuer Studie kreativer als Geschwisterkinder; Credit: Gettystock

Einzelkinder sind intelligenter und erfolgreicher

Die Erkenntnisse der chinesischen Wissenschaftler decken sich mit zahlreichen älteren Studien: So analysierte die Soziologin Judith Blake von der University of California bereits vor Jahren die Daten von 150.000 Kindern und Erwachsenen und fand heraus, dass Einzelkinder beruflich erfolgreicher sind und bei Intelligenztests besser abschneiden.

Auch Erstgeborene erzielen bei Intelligenztests bessere Ergebnisse als andere Geschwisterkinder. Manche Experten vermuten, dass dies auch daran liegen könnte, dass Erstgeborene ja ihre ersten Lebensjahre als Einzelkinder verbringen.

"Teilen fällt ihnen leichter, weil sie es nicht ständig müssen"

Nur beim Sozialverhalten zeigen bisherige Untersuchungen andere Ergebnisse: Einzelkinder seien sogar in Gruppen beliebter , weil sie kompromissbereiter aufträten, sagte der Münchner Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten der "Süddeutschen Zeitung".

"Teilen fällt ihnen leichter, weil sie es nicht ständig müssen, sondern freiwillig tun können. Und sie fahren nicht so schnell die Ellenbogen aus wie Geschwisterkinder", sagte der Psychologe.

Denn wenn Einzelkinder früh und ausgiebig mit anderen Kinder Kontakt hätten, würden sie ebenso soziale Fähigkeiten entwickeln wie die Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen.

"Wir sehen so gut wie keine Unterschiede im Sozialverhalten. Aber Einzelkinder wachsen ja auch nicht ohne andere Kinder auf, sondern sind meist schon ab der Krabbelgruppe mit Gleichaltrigen zusammen", beruhigt Kasten in der "Süddeutschen Zeitung".

Trotzdem zeigt die neue Studie, wie hoch der Einfluss von Gleichaltrigen - neben dem der Eltern - auf das Verhalten und die Gehirnstruktur eines Menschen ist.

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(lk)

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