Cyber-Attacke aus Nordkorea? Das würde zur kriminellen Strategie des Regimes passen

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KIM JONG IL
Cyber-Attacke aus Nordkorea? Das würde zur kriminellen Strategie des Regimes passen | Jason Lee / Reuters
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  • Der weltweite Hacker-Angriff durch den Trojaner "WannaCry" könnte von Nordkorea initiiert worden sein
  • Ein Politikexperte sagt: So ein Angriff passt zur Strategie Kim Jong Uns
  • Das Regime ist in viele kriminelle Aktivitäten involviert – um dadurch an Geld zu kommen

Computerexperten haben einen Verdacht, wer hinter der weltweiten Cyber-Attacke mit dem Trojaner "WannaCry" stecken könnte: Nordkorea.

Jenes rückständige, höchst abgeschottete Land unter Diktator Kim Jong Un, in dem außerhalb der Elite keiner einen Internetzugang hat. Jenes chronisch klamme Land, dessen Elite darauf spezialisiert ist, krumme Dinger zu drehen, um an Geld zu kommen.

Gerade auch im Internet.

Militär verfügt über Hacker-Abteilung

"Generell ist das Regime in Nordkorea zu solch einem Angriff höchstwahrscheinlich in der Lage", sagt Aurel Croissant, ein auf Ostasien spezialisierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Heidelberg. "Das Militär hat, so weit man weiß, seit den 2000er-Jahren eine Abteilung für Cyber-Warfare."

Ob die aktuelle digitale Spur im Code wirklich nach Nordkorea führt, werden IT-Experten nach eigener Schätzung erst nach monatelanger Detailarbeit sagen können. Aus politischer Sicht jedenfalls würde so ein Angriff zur Taktik des Regimes passen, sagt Croissant der HuffPost.

Experte: Der Angriff würde zur Taktik des nordkoreanischen Regimes passen

Einerseits, weil Kim Jong Un derzeit alles daransetzt, das Drohpotenzial seines Landes unter Beweis zu stellen. "Eine Cyberattacke wäre flankierend zu den Raketentests als Teil einer solchen Strategie denkbar", sagt Croissant.

Andererseits, weil Nordkorea höchst aktiv ist, auf digitalem und analogem Weg illegale Geschäfte zu machen - um trotz der äußerst weitreichenden UN-Sanktionen an Devisen zu kommen. Croissant spricht da von "vielfältigen zwielichtigen Beschaffungsmaßnahmen".

"In der Vergangenheit hat man Nordkorea – mit unterschiedlich guter Beweislage – schon mehrere cyberkriminelle Aktivitäten zugeschrieben", sagt Croissant.

Lukratives Hacken aus Nordkorea

2011 zum Beispiel ließen Ermittler aus Südkorea Hacker aus dem Norden auffliegen, die ein Online-Spiel manipuliert hatten. Die im Spiel erreichten Punkte sollen sie in echtes Geld umgewandelt haben.

Erst im April sollen nordkoreanische Hacker 18 Banken weltweit ins Visier genommen haben. Hans-Joachim Schmidt, Nordkorea-Experte der Hessischen Stiftung Frieden- und Konfliktforschung (HSFK), verweist auf Berichte, wonach Cyber-Kriminelle aus Nordkorea vergangenes Jahr Millionen Dollar von Konten südkoreanischer Banken und Firmen ergaunert hätten.

Der neue Trojaner "WannaCry" verschlüsselt auf infizierten Computern die Daten des Nutzers und fordert zur Dechiffrierung 300, zuletzt wohl 600 Dollar, zahlbar in der digitalen Währung Bitcoins.

Allerdings sollen weltweit nicht allzu viele User gezahlt haben. Verschiedene Quellen schätzen die Erlöse der Hacker-Attacke in den USA auf weniger als 70.000 Dollar. Weltweit ist von weniger als 30.000 Dollar die Rede. Wenig Ertrag für eine Aufsehen erregende Attacke.

Schmidt ist dementsprechend auch skeptisch, ob wirklich Nordkorea hinter "WannaCry" steckt. Das Regime bemühe sich sonst, derartige kriminellen Aktivitäten "nicht so offensichtlich vor der Weltöffentlichkeit auszubreiten. Das ist schließlich schlecht fürs Geschäft."

Kriminell breit aufgestellt

Einig sind sich die Experten, dass Nordkoreas Führung außerordentlich kreativ war und ist, was kriminelle Geschäfte auch außerhalb der IT-Branche angeht.

Drogenhandel: In den 70er-Jahren wies das Regime, damals noch regiert von Staatsgründer und Kim Jong Uns Großvater Kim Il Sung, seine Diplomaten an, sich selbst zu finanzieren. Und so betrieben die Herren in diplomatischer Mission regen Drogenhandel. In Skandinavien und Ägypten flog diplomatisches Personal mit Hunderten Kilogramm Haschisch auf. In den 80ern soll das Regime die Bauern zum Opium-Anbau verpflichtet haben, in den 90ern stieg es in die Produktion von Crystal Meth ein, wie das in den USA ansässige Komitee für Menschenrechte in Nordkorea (HRNK) in einem Report schreibt.

Schmuggel: 1998 wurden in Bulgarien zwei nordkoreanische Diplomaten mit 12.000 schwarz gebrannten DVDs erwischt. Die USA beschuldigten 2003 Nordkorea, in Finnland Pornos zu verkaufen. Kurz nach der Jahrtausendwende gerieten Diplomaten unter Verdacht, Gebrauchtwagen und Handys in Asien zu schmuggeln.

Sklavendienste: Nordkoreas Regime soll Tausende Arbeiter nach Katar auf die WM-Baustellen geschickt haben – de facto als Sklaven. Wie der britische "Guardian" 2014 unter Berufung auf Betroffene berichtete, mussten die Männer mindestens 90 Prozent des Gehalts ans Regime abdrücken.

Falschgeld: "Es gibt glaubhafte Berichte, dass Nordkorea Falschgeld produziert und zu verteilen versucht", sagt Experte Croissant. 2016 etwa wurde Berichten nach ein Diplomat in China gefasst, als er mit falschen 100-Dollar-Noten auf Einkaufstour war - angeblich, um Geschenke für die Hautevolee des Landes zu erwerben. Auch chinesische Yuan soll Nordkorea gedruckt haben. Da aber kaum jemand einen druckfrischen Schein aus der Hand eines Nordkoreaners akzeptieren würde, vermuten Experten, dass Terrororganisationen wie der Islamische Staat (IS) oder die japanische Mafia behilflich sind.

Produktpiraterie: Experte Croissant sagt, Nordkorea habe in der Vergangenheit etwa Marken-Textilien fälschen lassen. 2004, so berichtet das HRNK, tauchten gefälschte Viagra-Potenzpillen aus Nordkorea auf dem Markt auf.

Schutzgeld: Nordkoreaner, so erzählt es Croissant, haben die relativ große koreanische Community in Japan seit den 50er-Jahren unterwandert und dort Schutzgeld von Koreanern erpresst. "Bis in die jüngste Vergangenheit war das eine wichtige Devisenquelle für das nordkoreanische Regime. In den letzten Jahren ist das allerdings schwieriger geworden, weil die japanische Regierung sich dagegen stemmt."

Außerdem umgeht das Regime die Sanktionen der Vereinten Nationen durch diverse Tarnfirmen, vor allem in China. Nordkorea lässt Schiffe unter falscher Flagge fahren.

► Dazu kommen legale Geschäfte aus Vermietungen und Gastronomie – sogar in Deutschland: Erst Anfang des Monats berichtete die "Süddeutsche Zeitung", dass die nordkoreanische Botschaft in Berlin große Teile ihres Gebäudes vermietet. An ein gut laufendes Hostel und ein Kongresszentrum.

Nachweise, dass das nordkoreanische Regime in die Aktivitäten verwickelt ist, sind schwer zu erbringen. Allerdings bekommen normale Nordkoreaner weder eine Ausreiseerlaubnis noch einen Internetzugang. Die Diktatur interniert zudem alle echten und vermeintlichen politischen Gegner oder lässt sie gleich umbringen.

Insofern erscheint es als extrem unwahrscheinlich, dass sich ein politischer Außenseiter in Nordkorea auf Dauer bereichern kann. Ohne dass Kim Il Sung, Kim Jong Il oder Kim Jong Un es wussten. Und die Hand aufgehalten haben.

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(jg)