Drei junge Menschen aus Gelsenkirchen erklären, warum die AfD dort so erfolgreich ist

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD NRW
Die AfD hat bei der Landtagswahl in NRW 7,4 Prozent der Stimmen erhalten | Wolfgang Rattay / Reuters
Drucken

Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen (NRW) weinen SPD und Linkspartei. CDU und FDP jubeln - und auch die AfD. Mit 7,4 Prozent der Stimmen ziehen die Rechtspopulisten der Alternative für Deutschland in den Düsseldorfer Landtag ein. In manchen Wahlkreisen war die AfD sogar die zweitstärkste Kraft.

Ganz vorne dabei: Gelsenkirchen. In der 260.000-Einwohner-Stadt im Herzen des Ruhrpotts hat die AfD 15,2 Prozent der Stimmen erhalten. Die Sozialdemokraten haben dort fast 13 Prozentpunkte eingebüßt.

Die HuffPost hat mit jungen Gelsenkirchenern gesprochen und sie gefragt, wie sie sich den Erfolg der Rechtspopulisten erklären.

”Die Leute sind enttäuscht”

“Ich glaube, der Populismus der AfD funktioniert bei den Leuten, weil sie enttäuscht wurden”, sagt Lennart. Er vermutet, dass die Menschen sich insbesondere von der SPD SPD als vermeintlicher Arbeiterpartei nicht mehr repräsentiert fühlen. "Die Wahl sollte wohl auch ein bisschen ein Fingerzeig in Richtung SPD werden”, sagt Lennart.

Er arbeitet als Referent in einer Bildungsstätte und ist dort zuständig für die pädagogische Bildung von Ehrenamtlichen.

Mehr zum Thema: 5 Gründe, warum sozialdemokratische Politik derzeit am Zeitgeist vorbei geht

“Ich und mein Umfeld sind trotz allem sehr erstaunt und vielleicht sogar ein bisschen schockiert. Gelsenkirchen ist nicht unbedingt durch übermäßigen Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit geprägt. ‘Der Ali und der Mehmet’ gehörten - auch durch den Bergbau - schon immer zum Stadtbild.”

Erst am Freitag wollte die AfD in Gelsenkirchen ihren Wahlkampfabschluss feiern. “Knapp 650 Leute haben das friedlich blockiert, Frauke Petry und Marcus Pretzell sind dann doch gar nicht angereist und vor der AfD-Bühne standen gerade einmal 50 bis 70 Leute”, sagt Lennart. Für ihn passt das mit den statistischen Ergebnisse aus den Wahllokalen nicht zusammen.

Viele Gelsenkirchener sind frustriert

Marius, 26 Jahre alt, arbeitet als Sicherheitsingenieur in der Windkraft-Branche. Auch er vermutet, dass hinter dem Erfolg der AfD die Enttäuschung über die SPD und die anderen großen Parteien steckt.

"Gelsenkirchen ist seit Jahrzehnten die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in Westdeutschland.” So seien die Menschen empfänglich für die Propaganda der Rechten, etwa, dass Flüchtlinge "alles in den Hintern geschoben" kriegten, ohne etwas dafür leisten zu müssen.

In Gelsenkirchen sind einige Stadtviertel rein muslimisch geprägt. “Durch mangelnde Integrationsbemühungen entsteht dadurch ein Nebeneinander und ein Gefühl der Überfremdung, was der AfD in die Karten spielt”, ist sich Marius sicher.

Mehr zum Thema: "Hätten populistischer sein müssen": Grünen-Chef Özdemir redet sich nach NRW-Wahlschlappe um Kopf und Kragen

Auch Versäumnisse der Landesregierung, was die Aufarbeitung der Kölner Silvesternacht oder den Fall Amri angeht, sieht er als Nährboden für den Erfolg der AfD.

“In meinen Augen gibt es eine eigentlich gut laufende Multikultur in Gelsenkirchen und dem gesamten Ruhrgebiet, die unser aller Leben bereichern könnte, wenn es nicht diese Idioten gäbe, die ihre Augen davor verschließen”, resümiert Marius.

”Viele Leute hier leben in so prekären Situationen, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wissen, als aus Protest Parteien wie die AfD zu wählen"

Auch Mark ist gebürtiger Gelsenkirchener. Er ist enttäuscht über die vielen Stimmen für die AfD und auch er führt den Erfolg der Partei auf die Sozialpolitik der SPD zurück. Viele Menschen vor allem im Süden der Stadt seien abgehängt – oder fühlten sich zumindest so.

Der 25-Jährige, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Duisburg-Essen arbeitet, sagt, die Menschen glaubten der SPD nicht mehr, dass sie sich für Arbeitslose und Geringverdiener einsetze. Außerdem hätten die Wähler "das G8-Abitur und die Arbeit von Innenminister Jäger abgestraft”.

Die Grünen hätten als Teil der Regierung ebenfalls eine Strafe bekommen. Mark vermutet, dass ökologischen Themen in Gelsenkirchen und dem Ruhrgebiet sowieso schlecht ankommen - viele Wähler arbeiten in der Kohle- und Stahlindustrie und fürchteten angesichts steigender Umweltschutzstandards um ihre Jobs.

Mehr zum Thema: Grüne und AfD wären nicht im Landtag: Das ist das "ehrliche Wahlergebnis" in NRW

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

(sk)