So wäre die Wahl ausgegangen, wenn nur junge Menschen teilgenommen hätten

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KRAFT LASCHET
So wäre die Wahl ausgegangen, wenn nur junge Menschen teilgenommen hätten | dpa
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  • Hätte nur die Jugend in NRW abgestimmt, wäre die Wahl völlig anders ausgegangen
  • Das zeigt: Die Interessen der jüngeren und älteren Generation gehen weit auseinander

Hannelore Kraft wirft hin, die SPD fällt hinter die CDU, die Grünen werden einstellig, die Linke fällt unter die 5-Prozent-Hürde, eine mögliche schwarz-gelbe Koalition - nichts davon wäre bei der NRW-Wahl am Sonntag eingetreten, wenn nur Menschen unter 35 Jahren ihre Stimme abgegeben hätten. Das verrät ein Blick auf die Wahlbefragung des Meinungsforschungsinstituts Infratest.

Ähnlich anders wäre es in Schleswig-Holstein gelaufen: Statt Daniel Günther (CDU) wäre Torsten Albig (SPD) Wahlsieger geworden.

Die Koalitionsverhandlungen, die Sprachblasen vom entgleisenden Schulz-Zug, das völlig verzweifelte Gesicht von SPD-Vize Ralf Stegner, die Siegestrunkenheit der Union - all das hätte es vermutlich nicht gegeben, wenn nur die Jungen gewählt hätten.

Alleine schon deswegen lohnt es sich, das Wahlergebnis von NRW anzuschauen.

Wie eine Regierung der jungen Menschen ausgesehen hätte

Hätten nur die jungen Menschen bis 24 Jahre gewählt, wäre die SPD mit 26 Prozent stärkste Kraft geworden, gefolgt von der CDU mit 23 Prozent, der FDP mit 14, den Grünen mit 11, den Linken mit 7 und der AfD mit 6 Prozent.

Ganz ähnlich sieht es in der Wählergruppe bis 35 Jahre aus.

Dann würde es in NRW also eine große Koalition aus SPD und CDU geben oder eine Ampel aus SPD, Grünen und FDP - statt wie nun voraussichtlich Schwarz-Gelb.

Es geht um die Demokratie

► Das ist deshalb so wichtig, weil selten so sichtbar wird, welch unterschiedliche Vorstellungen die ältere und jüngere Generationen von diesem Land haben. Im Land mit dem weltweit höchsten Altersdurchschnitt ist die Gefahr groß, dass die Interessen der Jugend unter die Räder kommen. Und das kann sich zu einem Problem für die gesamte Demokratie auswachsen.

Das fängt schon bei ganz praktischen Dingen an: Deutschlands politisches System ist auf eine Parteienlandschaft mit großen Volksparteien ausgelegt. Sie organisieren stabile Mehrheiten, die konsequente Politik erst möglich machen.

Die aktuelle Shell Jugendstudie zeigt, dass die Jugend politisch ist, aber mit Parteien immer weniger anfangen kann.

► Im Klartext: Gelingt es den Volksparteien nicht, den Nachwuchs gleichermaßen wie ihre älteren Wähler zu begeistern, ist das eine Gefahr für ihre eigene Existenz.

Und in NRW wurde das ganz konkret. Keine der beiden Volksparteien hat es geschafft, über alle Generationen hinweg gleich zu punkten.

Welche Parteien können die Jungen mobilisieren?

Dramatisch ist der Unterschied bei der CDU. Zwar hat sie bei den jungen Wählern dazugewonnen wie keine andere Partei. Gereicht hat das aber nicht. In der Wählergruppe bis 24 Jahre kam sie nur auf 23 Prozent, unter Wählern bis 34 Jahre auf 25 Prozent. In der Gruppe der Über-70-Jährigen ist die Merkel-Partei hingegen doppelt so beliebt.

Nicht viel besser sieht es bei den Sozialdemokraten aus. Sie sind unter jungen Wählern zwar beliebter als die Konservativen (26 Prozent) - können aber bei Älteren deutlich besser punkten. In der Gruppe der über 34-Jährigen erreichen sie zwischen 27 und 37 Prozent.

Der FDP ist es als einziger Partei gelungen, durch alle Generationen hinweg gleich gut weg zukommen. Vielleicht machen sich die Spitzenkandidaten Angela Merkel und Martin Schulz mal einen Termin bei Christian Lindner und fragen nach, wie ihm das gelungen ist.

Ein Tipp: Er versteht besser, wie man mit seinem Programm alle Altersklassen bedient. Dazu gehört auch, eine moderne Social-Media-Kampagne zu fahren.

Was die jungen Menschen bewegt

Wenn die Parteien nicht mehr verstehen, was die junge Menschen bewegt, können sie sie auch nicht vertreten. Und gefährden so den Generationenfrieden.

Die Wahl in NRW zeigt, dass es eklatante Interessensunterschiede zwischen den Generationen gibt.

Die CDU setzt voll auf das Thema Innere Sicherheit. Und plant damit voll an den Interessen der jungen Generation vorbei. Denn laut einer YouGov-Umfrage war das Thema zwar jedem Zweiten über 35 Jahren wichtig - aber nur für 30 Prozent der Jüngeren entscheidend.

Am wichtigsten war dem Nachwuchs das Thema Flüchtlinge und das Zusammenleben mit Menschen ausländischer Herkunft. 38 Prozent sagten, dass es für sie wahlentscheidend gewesen sei - gegenüber 30 Prozent der über 35-Jährigen.

Welche Flüchtlingspolitik sich die jungen Menschen wünschen, wurde in der Umfrage nicht erhoben. Nahe liegt allerdings die Vermutung, dass ein kleiner Teil sich eine strikte Einwanderungspolitik wünscht, was die Umfragewerte der AfD erklären würde. Ein größerer Teil erwartet vermutlich bessere Angebote zur Integration. Das könnte erklären, warum sowohl Linke (8 Prozent) als auch Grüne (11 Prozent) bei der Jugend so viel besser punkten konnten als unter der gesamten Bevölkerung.

Auch Bildung spielte eine gewaltige Rolle für die junge Generation. Einige kommen gerade von der Schule oder Universität, stehen am Beginn oder Ende ihrer Ausbildung oder suchen gerade einen Platz für ihre Kinder. Deswegen sagten 33 Prozent unter 35 Jahren laut YouGov, dass es für sie ein entscheidendes Thema bei den Landtagswahlen gewesen sei. Unter den über 35-Jährigen spielte es eine geringere Rolle (22 Prozent).

Das dürfte mit ein Grund gewesen sein, warum die CDU im Vergleich so erheblich bei den Jüngeren dazugewinnen konnte. Ihr wurde mehr Kompetenz beim Thema Bildung zugewiesen als der SPD.

Die Themen Arbeitsmarkt und Wirtschaft sind dem Nachwuchs wichtiger als seinen Eltern. Logisch: Viele rutschen gerade ins Berufsleben, starten eine Karriere und machen sich Sorgen um die wirtschaftliche Gesamtlage. Wie den Hauskredit abzahlen? Wie für die Familie vorsorgen?

30 Prozent sagten deswegen, dass ihnen der Arbeitsmarkt wichtig sei (unter den Älteren: 23 Prozent). 23 Prozent sagten, dass ihnen die Wirtschaft am Herzen liege (unter den Älteren: 17 Prozent). Das könnte das Geheimnis des FDP-Erfolgs sein, die bei diesen Themen punkten konnte.

Zu wünschen bleibt den Parteien, dass sie die richtigen Schlüsse ziehen

Zu wünschen ist den Parteien, dass sie bei der Analyse des Ergebnisses nicht zu sehr auf das Offensichtliche schauen.

Innere Sicherheit war im Wahlkampf sicher wichtig - aber eben nicht in dem Maß für die Jugend wie für die Älteren. Die Flüchtlingskrise wähnen einige schon als abgehakt - für die Jugend ist sie das nicht. Und das Thema Wirtschaft und Arbeitsmarkt beschäftigt die jüngere Generation weit mehr, als gedacht.

Das sollten die Parteien für den Bundestagswahlkampf mitnehmen.

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