Bundeswehr-Eklat: Erdogans neueste Drohgebärde zeigt, wie machtlos der türkische Präsident mittlerweile ist

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Und schon wieder gibt es einen Eklat. Geht es um die Beziehung der Bundesregierung zur Türkei, halten es viele Beobachter mittlerweile wohl mit Ex-Fußball-Nationaltrainer Rudi Völler: Der wütete einst nach einem peinlichen Remis der Deutschen gegen Island: "Immer diese Geschichte mit dem Tiefpunkt und noch 'nem Tiefpunkt, dann gibt's noch mal 'nen niedrigeren Tiefpunkt. Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören."

Von Tiefpunkten will mittlerweile nicht mal mehr Kanzlerin Angela Merkel (CDU) etwas hören. Nachdem die türkische Regierung deutschen Bundestagsabgeordneten jetzt zum wiederholten Mal verbietet, Soldaten auf der Nato-Basis in Incirlik zu besuchen, sagte Merkel nur trocken: "Das ist misslich."

Nüchterne deutsche Reaktion wäre vor Monaten kaum denkbar gewesen

Die Bundesregierung prüft nun einen Abzug der Bundeswehr aus der Türkei (siehe Video oben). Längst erscheint eine neue Basis in Jordanien als realistischste Zukunftsoption. Die Entscheidung ist überfällig.

Dennoch: Die nüchterne und klare Haltung der Bundesregierung wäre vor wenigen Monaten kaum denkbar gewesen.

► Auch Außenminister Sigmar Gabriel hielt sich nicht lange mit Beschwichtigungsversuchen auf: "Wenn es bei dieser endgültigen Absage bliebe, dann allerdings glauben wir nicht, dass wir in der Türkei weiter die Bundeswehr stationieren können."

Deutschland kontert die türkische Regierung klassisch aus.

Die Zeiten, in denen sich die Bundesregierung bei jedem neuen Beben vom launenhaften Erdogan auf die diplomatische Bühne zerren und dort weichklopfen ließ, scheinen vorbei zu sein. Kein Rückrudern mehr, wie bei der Armenien-Resolution, kein vorauseilendes "Sorry“ wie im Fall des Satirikers Jan Böhmermann.

Erdogans Drohkulisse zerfällt

Das hat gute Gründe. Die Drohkulisse, die Erdogan und seine AKP-Regierung über Monate hinweg aufgebaut haben, zerfällt. Der Flüchtlings-Druck hat abgenommen. Zudem verhallt jedes Drohen Erdogans, die Verbindungen zur EU abreißen zu lassen, mittlerweile beinahe ungehört. Denn in Brüssel glaubt ohnehin schon lange keiner mehr daran, dass die Türkei unter Erdogan Freund und Partner ist.

Erdogan scheint kein Mittel mehr einzufallen, um gegen die Entscheidung Deutschlands zu protestieren, türkischen Diplomaten Asyl zu gewähren. Die Incirlik-Karte? Ein alter Trick. Und, wie sich jetzt zeigt, einer mit wenig Effekt.

Geopolitisch hat Erdogan seine starke Position des Vorjahres verspielt.

Er hält nicht mehr den einzigen Schlüssel, der die Tür zur EU versperrt. Selbst wenn die Türkei Flüchtlinge nach Griechenland weiterreisen ließe, kämen sie kaum bis Deutschland, weil inzwischen mehrere Balkanstaaten die Grenzen geschlossen haben.

Die Türkei ist isoliert

Auch im Nahen Osten ist Erdogan isoliert. Hier hatte die Türkei lange als wichtiger Brückenkopf gegolten.

Jetzt reicht ein Blick auf Syrien, um die missliche Lage des Landes zu erkennen. Dort versucht Erdogan krampfhaft, eine Allianz gegen die Kurden zu errichten – und musste zuletzt beobachten, dass die USA sich sogar Russland annäherten, um das zu verhindern.

Erdogans eigenes geplantes Bündnis mit Russland, das weiß man auch in Brüssel, hilft eher Russlands Präsident Wladimir Putin als Erdogan.

Der türkische Präsident hat ohnehin andere Sorgen: Denn im Inland warten noch immer Millionen Gegner seiner kruden Verfassungsreform darauf, festgenommen zu werden.

Die Bundesregierung kann dem diplomatischen Knatsch mit Ankara wesentlich entspannter entgegensehen, als noch vor einem Jahr.

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(sk)

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