Orte, die zeigen, worum es bei der Landtagswahl in NRW wirklich geht

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An diesem Sonntag ist Wahl in Nordrhein-Westfalen, mit etwa 18 Millionen Einwohnern Deutschlands bevölkerungsreichstes Bundesland. Welche Themen die Menschen beschäftigten, für welche Probleme die Politik am dringendsten Lösungen anbieten muss, zeigt ein Blick auf fünf Städte und Stadtteile:

1. Duisburg-Marxloh

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Überwachungskameras in Marxloh. Foto: dpa

Der Stadtteil Duisburg-Marxloh ist deutschlandweit zum Symbol einer Krise geworden. Als “No-Go-Area” gilt der mittlerweile wohl bekannteste Stadtteil Duisburgs. Als Ort, an dem sich Menschen nicht mehr auf die Straße trauen – aus Angst vor Kriminalität und Gewalt.

Doch Duisburg hat noch ein ganz anderes Problem, das viel tiefer geht.

Denn an der Stadt zeigt sich, wie es die Politik verschlafen hat, jungen Menschen Perspektiven zu verschaffen. Pater Oliver Potschien, der in Marxloh ein Sozialzentrum leitet, sagte der HuffPost, nicht neue Sicherheitsmaßnahmen könnten die Probleme lösen.

“Viel sinnvoller wäre es, für dieses Geld Sozialarbeiter einzustellen. Was wir aber brauchen, sind langfristige Lösungen. In Marxloh leben Menschen aller Kulturen und Religionen - Roma, Geflüchtete aus Syrien, dem Libanon und Schwarz-Afrika”, so Potschien.

Auch viele Schulen in Duisburg sind in katastrophalem Zustand – wie überall in NRW. Ein Klima, das junge Menschen motiviert, zu lernen, herrscht hier nicht. Die Sanierung aller Duisburger Schulen würde 300 Millionen Euro kosten, schätzt Oberbürgermeister Sören Link (SPD).

Ähnlich wie hier klagen viele Kommunen über baufällige Schulen und zu wenig Personal. Deshalb gilt das Thema Bildung als eines der wahlentscheidenden.

2. Euskirchen

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Stau auf der A1 (hier nahe Leverkusen). Foto: dpa

Keine 60.000 Menschen leben in Euskirchen. Dennoch ist der Name des Ortes wohl den meisten Menschen ein Begriff. Fast täglich hört man in Nordrhein-Westfalen im Radio: in den Staumeldungen.

Das Thema Verkehr und Infrastruktur liegt vielen Wählerinnen und Wählern in NRW am Herzen. Das Bundesland ist deutscher Meister, wenn es um Stau geht. Laut ADAC haben die Staukilometer in Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr 28 Prozent des Gesamt-Staus in Deutschland ausgemacht.

Ganz besonders schlimm steht es um die A1. Seit Jahren gilt die Strecke zwischen Köln und Euskirchen als eine der verstopftesten Deutschlands. Ebenso schleppend geht es auf der A1 zwischen Oberhausen und Köln voran.

Viele Parteien haben sich das Thema dieses Jahr prominent auf die Agenda geschrieben. Besonders die FDP wirbt offensiv mit dem Kampf gegen die Staus. Sogar auf der Autobahn: An einem Lkw haben die Liberalen ihr Parteiprogramm angebracht. Dazu die Aufforderung: “Nutzen Sie die Zeit im Stau, um unser Programm zu lesen!”

3. Bottrop

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Kohle in Bottrop. Foto: Getty

Es ist das Ende einer Ära. Im Jahr 2018 schließt in Bottrop die letzte Zeche des Ruhrgebiets: Der Steinkohleabbau gehört damit der Geschichte an. 2500 Menschen werden dann ihren Job verlieren, Millionen Kumpel haben ihn seit den Tagen des Wirtschaftswunders ausgeübt.

Während die Ära des Bergbaus vorbei ist, ist es der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen noch lange nicht. Kritiker würden sagen: Er steht noch sträflich weit am Anfang.

In Sachen Hochschulen und Kultur hat sich viel getan in den letzten Jahren, wirtschaftlich steht aber besonders das Ruhrgebiet noch vor vielen Fragezeichen.

Denn: Glaubt man etwa der Beratungsfirma Boston Consulting Grup gibt das Bundesland viel zu wenig Geld für Investitionen aus – und zu viel für Personal und Bürokratie.

2014 etwa lag die Investitionsquote in NRW, also das Verhältnis von Investitionen und Bruttoinlandsprodukt, bei 16,1 Prozent. Deutschlandweit lag das Gesamtbundesland damit auf dem vorletzten Platz.

Die Arbeitslosenquote im ehemaligen Bergbau-Paradies Ruhrpott ist so hoch wie nirgendwo sonst in NRW. Mit 7,8 Prozent ist Bottrop sogar noch ein Lichtblick im Revier, wo die Arbeitslosenquote bei über 10 Prozent liegt. Dennoch übersteigt sie auch hier den NRW-Schnitt.

Das zeigt, wie schwer sich das Bundesland tut, Alternativen zur Schwerindustrie zu finden. Und das obwohl das Ruhrgebiet mit zahlreichen Hochschulen, einer hohen Bevölkerungsdichte und guter Verkehrsanbindung viele Ressourcen für einen wirtschaftlichen Neuanfang bieten würde.

4. Dortmund-Nord

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Krawalle zum 1. Mai in Dortmund. Foto: Getty

“Multiproblemviertel”, nennt die Dortmunder Polizei die Nordstadt. Zu diesen Problemen zählen Gewalt, Prostitution, Einbrüche und Gangkriminalität.

Besonders die CDU wirbt in NRW daher mit ihrem Kampf für mehr Sicherheit. CDU-Politikerin Vera Lengsfeld behauptete im Februar gar: "In Dortmund gibt es Stadtteile, wo sich die Polizei nicht mehr hintraut.“ Vor “Bürgerkriegsgebieten” warnte Lengsfeld.

Jetzt wollen die Konservativen sich den “No Go Areas” annehmen, mit einer Politik der harten Hand.

Blickt man auf die Einbruchskriminalität, ist Dortmund tatsächlich trauriger Spitzenreiter. 2844 Einbruchsdelikte wurden im vergangenen Jahr registriert. Das sind 485 pro 100.000 Einwohner, ein Wert, der sogar weit über dem der Ballungszentren Berlin und Hamburg liegt.

Viele Menschen haben Angst – um ihre Sicherheit und ihr Hab und Gut. Auch die rechtspopulistische AfD hat Sicherheit daher zum Kernthema gemacht. Und doch muss die Partei um den Einzug in das Landesparlament zittern.

Denn der Versuch der AfD, Kriminalität mit einer hohen Anzahl von Zuwanderern zu erklären, fällt in NRW auf wenig fruchtbaren Boden. Zu eng verbunden ist die Geschichte NRWs mit Zuwanderung, Gastarbeiter und ihre Kinder gelten als wichtiger Teil der Gemeinschaft. Kurz: Die AfD rennt mit ihrem Populismus gegen Mauern.

5. Gelsenkirchen

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Demo zum Tag der Arbeit in Gelsenkirchen. Foto: dpa

Ein weiteres Kernproblem des Bundeslandes zeigt sich in Gelsenkirchen. Hier ist jeder Siebte im berufsfähigen Alter arbeitslos. 38,5 Prozent der Kinder lebten hier im Jahre 2015 in Hartz-IV-Haushalten. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade einmal 14,7 Prozent.

SPD-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft versucht, die Lage zu beschönigen, wenn sie sagt: "Das Ruhrgebiet hat mit 2,3 Millionen genauso viele Beschäftigte wie zu den besten Zeiten von Kohle und Stahl."

Doch die Sozialverbände vor Ort widersprechen ihr. Ihre Mitgliederzahl hat sich in wenigen Monaten fast verdoppelt, berichtet der WDR. Weil die Menschen Angst haben.

"Es gibt hier sehr viele Menschen die Probleme haben. Zum Beispiel die typische Malocher-Vita. Viele sind schockiert, wenn sie sehen, was sie an Rente bekommen. Die prekäre Beschäftigung von heute ist ja die drohende Altersarmut von morgen", sagte Matthias Veit vom Sozialverband Deutschland dem Sender.

Besonders offensiv gibt sich die Linke beim Thema Armut und Gerechtigkeit. Nach der Wahl-Schlappe im Jahr 2012, als die Partei mit 2,5 Prozent deutlich an der 5-Prozent-Hürde scheiterte, könnte die Partei nun wieder in den Landtag einziehen.

Linke-Spitzenkandidatin Özlem Demirel sagte der HuffPost: "Wir müssen den Zugang zur Bildung und zum Arbeitsmarkt schaffen und zwar nicht durch Lohndumping. Wir wollen dafür kämpfen, dass es wirklich allen Menschen besser geht.”

Dafür brauche es vor allem bezahlbaren Wohnraum. Demirel forderte: “Die öffentliche Hand muss jetzt Wohnungen schaffen.”

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(sk)