"Er ist ein Mann ohne Scham": So versucht die internationale Presse, US-Präsident Trump zu verstehen

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DONALD TRUMP
"Er ist ein Mann ohne Scham". So versucht die internationale Presse, US-Präsident Trump zu verstehen | Kevin Lamarque / Reuters
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US-Präsident Donald Trump dreht offenbar gerade durch. Die Ereignisse rund um die Entlassung von FBI-Chef James Comey haben Trump zu wirren Tweets, irren Drohungen gegen die Medien und zahlreichen Widersprüchen geführt.

Kein Wunder, dass Medien auf der ganzen Welt hart mit dem US-Präsidenten ins Gericht gehen und um Erklärungen ringen, wie so ein Handeln überhaupt möglich sein kann.

Für den US-TV-Sender CNN liegt das Problem darin, dass niemand in seinem Team Trump sagt, was falsch ist. “Trump entschließt, dass er Comey feuern will und sein Team hat die Aufgabe, sich Gründe dafür auszudenken”, heißt es bei CNN. Aber das sei dieses Mal sehr absurd gewesen. Trump habe Comey immer gelobt und jetzt behaupte er auf einmal, dass er gegenüber Hillary Clinton unfair war.

"Kein Stern darf heller leuchten als Trump"

“Wie mir eine Quelle, die dem Präsidenten nahe steht, erzählt hat, hat er Angst, dass Comey, wenn er Clinton so behandelt hat, dasselbe mit Trump tun wird”, schreibt die CNN-Autorin.

“In Trumps Galaxie kann kein Stern heller leuchten als Trump. Eine Voraussetzung für die Präsidentschaft ist aber zu glauben, dass dein Job etwas ist, das größer ist als du: dein Land.”

Auch die “Süddeutsche Zeitung” nimmt Trumps Team unter die Lupe und kommt zu dem Schluss: “Allzu großer Widerspruch kann karrieregefährdend sein, Ja-Sager haben Vorteile.”

Durch die Affäre würde eines klar werden: Nämlich dass Trumps klares Ziel als US-Präsident sei, als präsidiale Marke gut dazustehen. “Weil ihm dabei keine politische Prinzipien im Weg stehen und er auch kein Interesse an tieferen Zusammenhängen und Folgen politischer Entscheidungen hat, ähnelt seine Präsidentschaft weiterhin einer improvisierten Reality-TV-Show.”

Das wichtigste sei für ihn, dass die Quote stimmt, also die Zufriedenheit unter seinen Wählern. Doch die sinkt - und dadurch würde die Laune des Präsidenten immer schlechter.

"So surreal, dass es als Performance-Kunst gesehen werden kann"

Loyalität ist auch für die “New York Times” ein zentrales Thema bei Trump. Laut der Zeitung soll der Präsident bei einem Dinner im Weißen Haus, das im Januar stattfand, Comey vergeblich versucht haben, ein Loyalitäts-Versprechen abzuringen.

“Für Trump bedeutete Loyalität eine Untersuchung über die Einmischung von anderen Ländern in eine Wahl fallen zu lassen”, schreibt die “NYT”.

“Amerikaner bekamen ein weiteres Porträt der Ungeschicklichkeiten zu sehen, so surreal, dass es als Performance-Kunst eingeordnet werden kann - oder vielleicht Slapstick.” Keine andere Regierung hätte so misslich gehandelt und einen Tag nach dem der FBI-Direktor, der die Russland-Verbindungen untersucht, entlassen wird, der russische Außenminister zu Besuch kommt. Keine andere Regierung würde die amerikanische Presse von dem Treffen fernhalten wollen, während ein russischer Fotograf zugelassen wird.

Und welche andere Regierung würde dann darüber erstaunt sein, dass Fotos auftauchen, wie sich russische Offizielle und Trump gegenseitig grinsend auf den Rücken schlagen.

“Das war eine wirkungsvolle Demonstration, dass Moskau versteht, wie man mit diesem Präsidenten umgehen muss. Wir können nur hoffen, dass das alles ist, was der Kreml über ihn weiß.”

"Trump hat einen wichtigen Trumpf aus der Hand gegeben"

Als “unhaltbar” stuft die “Washington Post” Trumps Drohungen via Twitter gegen Comey und die Presse ein. Das Weiße Haus sei jetzt außerdem in einer misslichen Lage, weil Trump die hypothetischen Aufzeichnen von Gesprächen mit Comey - wie de Präsident auf Twitter angedeutet hatte - für eine öffentliche Erpressung missbraucht habe.

Und: “Das wichtige, wenn man Menschen geheim aufnimmt, ist, dass diese Aufnahmen geheim bleiben. Trump hat, wenn er seine Gesprächspartner wirklich abhört, einen wichtigen Trumpf aus der Hand gegeben.”

Das werde gravierende Auswirkungen auf jeden haben, mit dem Trump in Zukunft spricht. Jeder Besucher oder Mitarbeiter des Präsidenten werde in Zukunft genau aufpassen, was er sagt. Denn er weiß: Alles könne gegen ihn verwendet werden.

"Ein Mann ohne Schamgefühl"

Eine Erklärung für die brenzlige Situation, in der sich das demokratische System der USA jetzt befinden, hat der britische “Guardian”: “Trump kennt kein Schamgefühl”. Für den Autor hat diese Woche gezeigt, dass Schamgefühl eine wichtige demokratische Funktion erfüllt - und wie gefährlich jemand ist, der keines besitzt.

“Sogar in den USA gibt es neben der geschriebenen Verfassung eine ungeschriebene, Normen, die so tief im politischen Fundament verankert sind, dass sie kaum bemerkt werden - bis sie jemand bricht”, heißt es im “Guardian”. Nicht einmal eine geschriebene Verfassung könne ein Land von einem gezielten Angriff auf die Demokratie bewahren.

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In der Vergangenheit hätte das Schamgefühl Präsidenten davon abgehalten, demokratische Normen zu verletzen - auch wenn sie dazu in der Macht gewesen wären. “Sie hätten sich geschämt, die nackte Gier zu zeigen, indem sie ihre Taschen füllen oder Verwandte einstellen - auf Kosten der Öffentlichkeit”, stellt der Autor fest.

"Die Demokratie ist verwundbar"

“Trump ist anders. Er ist ein Mann ohne Schamgefühl.” Das habe er schon während seiner Karriere auf dem New Yorker Immobilienmarkt gezeigt. Er tue alles was ihm Macht und Geld bringe, ohne auf Ethik oder einen Schaden für seinen Ruf zu achten. “Er ist schamlos”.

Doch es kommt noch schlimmer. Denn obwohl Trump in dieser Woche mehrmals Grund für ein Amtsenthebungsverfahren geboten habe, werde es dazu nicht kommen. Denn die Verfassung sei machtlos, wenn es keine Menschen gebe, die sie nicht durchsetzen wollen. Und diese Leute, die Republikaner im Repräsentantenhaus, seien ebenfalls schamlos.

“Nicht einmal die ältesten und schönsten Dokumente können uns schützen. Nur der Respekt der Mächtigen vor diesen Dokumenten kann es. Wenn der wegfällt, wenn sie keine Scham spüren, dann steht die Demokratie nackt da - und verwundbar.”

"Will Trump überhaupt vier Jahre Oval Office?"

Eine andere Erklärung hat Trumps Haus- und Hofsender Fox News. Der lobt zwar Trumps Errungenschaften um Gesundheitsvorsorge und Einreiseverbot, findet aber auch kaum Worte für die Ereignisse dieser Woche. Und kommt nur zu der einen Frage: “Will Trump überhaupt Präsident sein?”

Der Autor fragt sich, ob Trump tatsächlich plant, vier Jahre im Oval Office zu bleiben. Vielleicht, so spekuliert Fox News, will Trump nur seine Hauptziele, härtere Grenzen, niedrigere Steuern, mehr Güter, die in den USA produziert werden, erreichen, um dann den Sieg zu erklären und sich wieder seiner erfolgreichen Karriere als Unternehmer widmen.

“Seine beliebigen Tweets, seine kruden öffentlichen Beleidigungen und Drohungen und sein offenkundige Ignoranz für die Integrität des Präsidentenamtes lassen die Frage aufkommen, ob er wirklich den Willen hat, seine Pflichten auf lange Zeit auszuüben.”

Mehr zum Thema: Wie Donald Trump systematisch die Menschen ausschaltet, die etwas gegen ihn in der Hand haben

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(ll)

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