Der Tag, an dem ich von einem Rassisten bespuckt wurde, gab mir den Glauben an die Menschheit zurück

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HIJAB
monkeybusinessimages via Getty Images
Drucken

Sie treffen dich unverhofft - die Schlüsselmomente in deinem Leben. Ganz plötzlich - immer, wenn du es am wenigsten erwartest.

Eines Tages konnte ich es nach meinem Feierabend kaum erwarten, nach Hause zu gehen. Ich hatte noch Recherchearbeit zu erledigen, musste noch einige Mails beantworten und fünf Hausarbeiten für die Uni schreiben.

Als ich in die U-bahn stieg und meinen Körper an eine der Türen lehnte, überlegte ich, womit ich anfangen würde. Dabei war ich schon todmüde nach einem so arbeitsvollen Tag.

In meine Gedanken versunken sah ich plötzlich einen Mann, der mich unverhohlen anstarrte. Ich war so vertieft, dass ich anscheinend nicht mitbekommen habe, wie sehr ich jemanden zu stören schien.

Und plötzlich hatte ich seine Spucke im Gesicht

Nicht meine Person, aber vermutlich irgendetwas an mir. Er sah mich an, als würde er mich mit seinen Augen schimpfen wollen. Sein ganzes Gesicht war konzentriert auf mich gerichtet und er blinzelte nicht ein einziges Mal. Er starrte nur.

Er war groß, schlank, trug abgetragene Klamotten, hatte eine Glatze und einen Dreitagebart. Er sah etwas ungepflegt aus und hatte strenge Augen, die durch seine dichten Augenbrauen noch härter wirkten.

Mehr zum Thema: Die Generation-Y bleibt bei Demos zu Hause - und das ist gut so

Mir war das Ganze unangenehm. Ich suchte in der Menge nach jemandem, zu dem ich mich hinstellen konnte, aber bevor ich mich auch nur einen Schritt bewegen konnte, hatte ich sie schon im Gesicht - seine Spucke.

Schleimig, warm, ekelhaft und direkt auf meiner Haut. Ich stand vor ihm, er mit einem triumphierendem Lachen im Gesicht, ich erschrocken und alle anderen sprachlos.

Er zeigte mir den Mittelfinger und stieg aus. Ich konnte nicht einmal etwas sagen, oder mich wehren. Nichts. Gedemütigt stand ich da und wusste nicht, wie ich handeln soll. Alle Leute starrten mich bemitleidend an.

"Wir sind nicht alle so, mein Kind"

Eine ältere Dame stand neben mir, sie hatte rote, kurze Locken, war klein und etwas pummelig und erinnerte mich an meine Oma. Sie streckte mir ihre Hand hin und gab mir ein Taschentuch. Ich weiß noch, sie roch nach Pfefferminz. "Wir sind nicht alle so, mein liebes Kind. Wisch dir das weg."

Und hier hatte ich einen der größten Schlüsselmomente meines Lebens.

Es wird immer Leute geben, die dich hassen. Weil du anders aussiehst, weil ihnen dein Geschlecht nicht passt oder du nicht in ihre Weltanschauung hineinpasst. Oder weil du ein Kopftuch trägst - so wie ich.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Sie werden dich deswegen nicht in Ruhe lassen. Sie werden dir hinterherjagen und versuchen, dich zu verbiegen. So, dass du zu ihnen passt. Ich habe in die Weltanschauung dieses Mannes nicht gepasst, deswegen hat er mich angespuckt. So einfach war das für ihn.

Es wird sogar Menschen geben, die ihn dafür loben oder die genauso gehandelt hätten. Das sagt aber nichts über mich, sondern über die Menschen aus, die keinerlei Problem darin sehen, einen anderen Menschen anzuspucken - mitten ins Gesicht.

Dieses Stück Stoff macht mich nicht aus

Ich trage ein Kopftuch. Und ich wundere mich über Menschen, die denken, sie würden mich deshalb kennen, die durch ihre Vorurteile hindurch glauben, sie wüssten wer ich bin.

Aber dieses Stückchen Stoff macht mich nicht aus. Es gibt da noch so viele andere Eigenschaften an mir, die nichts mit meinem Glauben zu tun haben, sondern einfach nur mit mir als Mensch.

Ich möchte nicht angespuckt werden. Das ist mein Menschenrecht. Deswegen lebe ich im "freien Europa". Weil man meint, dass "man es hier besser hat, als in den islamischen Ländern." Weil hier Frauen tragen dürfen, was sie möchten.

Aber leider wird dieser Teil der Freiheit auch immer beschränkter, denn gefällt jemandem nicht, was du trägst, lässt er dich das spüren. Was viele Leute vergessen, ist: Man wird nackt geboren. Ohne Kopftuch.

Mehr zum Thema: Die wahren Probleme in Duisburg-Marxloh haben nur die wenigsten verstanden

Ich habe Piercings. Ich hatte Rastazöpfe, Dreadlocks, eine lange Punkphase - und das als praktizierende Muslima. Irgendwann habe ich angefangen ein Kopftuch zu tragen, weil ich die Idee dahinter endlich verstand. Es bedeutet nicht "Die Männer sollen nicht hinschauen", denn diese Idee leuchtete mir nicht ein.

Es gibt nicht die eine Muslima

Ich habe also nach langer Überlegung das Koptuch angenommen - obwohl meine Mutter keines trug - und wusste "ich lebe in Österreich, wenn ich es nicht mag, kann ich es problemlos ablegen." Das gab mir Sicherheit.

Nur hatte ich niemals dieses Verlangen. Wenn ich es eines Tages habe, werde ich es tun, nur dieser Tag ist für mich noch nicht gekommen. Wichtig ist nur: Es gibt nicht die eine Muslima und es gibt definitiv nicht die eine Kopftuchfrau.

Ich möchte für dieses Stück Stoff nicht angespuckt werden. Das ist mein Menschenrecht. Deswegen lebe ich im "freien Europa". Weil man meint, dass "man es hier besser hat, als in den islamischen Ländern." Weil hier Frauen tragen dürfen, was sie möchten.

Es gibt auch andere Menschen

Mein Schlüsselmoment in der U-Bahn an einem ganz normalen Tag hat mir gezeigt, dass es immer Menschen gibt, die dich für dein Anderssein herabwürdigen.

Aber er hat mir auch gezeigt: Das ist nicht die einzige Sorte Mensch, die es gibt. Es gibt auch die, die dir voller Liebe die Hand reichen, die dich mit ihren Augen nicht erwürgen, sondern mütterlich umarmen.

Mehr zum Thema: Der Tag, an dem türkische Polizisten das Leben einer vierfachen Mutter für immer zerstörten

Und auch hier gilt, dass diese Menschen nicht unbedingt deine Weltanschauung teilen oder dich verstehen, aber dennoch wissen sie, was Unrecht bedeutet. Es gibt sie tatsächlich, diese Leute, denen egal ist, woher du kommst und woran du glaubst. Sie beurteilen nur Taten.

Ich bin dankbar für diese Menschen. Ich bin dankbar für jeden einzelnen Menschen, der im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hat und genau weiß, wozu Hass im deutschsprachigen Raum einst geführt hat.

Ich bin dankbar für Menschen, die sich nicht leicht täuschen lassen und mit Anderen reden, anstatt über sie. Ich bin dankbar für Menschen, die keine Berührungsängste haben- oder sie abbauen.

Es würde nichts ändern, wenn ich kein Kopftuch tragen würde

Ich bin in Österreich geboren. Ich habe "kein Land in das ich zurückkehren kann". Wieso sollte ich auch? Und wenn ich es wollte, was würde man dann mit den Konvertiten machen? Sie mit mir mitschicken?

Was soll sich großartig am Gesellschaftszusammenhalt ändern, wenn ich kein Kopftuch mehr trage? Ich werde nicht europäischer aussehen, auch nicht noch deutscher reden.

Mehr zum Thema: Alle loben Deutschland für seine Werte, die Wahrheit ist jedoch: Unser Land verändert sich

Fremdenhass ist scheiße. Hass ist generell scheiße.

Das hätte ich ihm so gern gesagt - dem Spucker. Ich hätte so gern mit ihm geredet. Danach hätte er auch spucken können - oder aber mir einfach die Hand reichen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Korrektur anregen