POLITIK
13/05/2017 10:57 CEST | Aktualisiert 15/05/2017 15:34 CEST

US-Magazin hält den Deutschen den Spiegel vor: Aus diesem Grund werden sie im September wieder Merkel wählen

Bloomberg via Getty Images
US-Magazin hält den Deutschen den Spiegel vor: Aus diesem Grund werden sie ab September doch wieder Merkel wählen

Es ist der 24. Januar, der die deutsche Polit-Welt für einen Moment auf den Kopf stellt. Sigmar Gabriel gibt seinen Verzicht auf die Kandidatur bei der Bundestagswahl bekannt.

Seither ist die SPD wieder in greifbare Nähe der CDU gerückt. Doch hat der neue Kandidat Martin Schulz bei der Bundestagswahl im September tatsächlich eine Chance gegen Angela Merkel?

Auch in den USA beschäftigt diese Frage die Medien. Das renommierte US-Magazin "Foreign Policy“ hat jetzt analysiert, wieso Merkel für Schulz nicht zu knacken sein wird.

Der Artikel des Außenpolitik-Magazins gibt sehr aufschlussreiche Antworten darauf, was deutsche Wähler eigentlich von ihrem Kanzler – oder ihrer Kanzlerin – erwarten.

"Merkel hat gute Intuition", "Deutschland ist unreif"

"Foreign Policy“ beginnt mit einer polemisch überspitzten These: "Es ist Zeit, sich einzugestehen, dass Angela Merkel vielleicht für immer die Bundeskanzlerin Deutschlands bleibt.“

Merkel habe es geschafft, die bisher allgemeingültige Gleichung "Macht plus Zeit gleich Müdigkeit der Öffentlichkeit“ zu widerlegen.

► Und tatsächlich: Nach einem kurzen Schulz-Hype ist die CDU in Umfragen wieder deutlich stärkste Kraft. Im ARD-Deutschlandtrend kommen die Christdemokraten auf 37 Prozent. Bei der Kanzlerpräferenz führt Merkel mit starken 49 Prozent deutlich vor Schulz (36 Prozent).

Merkels Beliebtheit liege weniger an ihr als Politikerin, sondern an der Eigenart der Deutschen. Eine Eigenart, die keiner so gut kenne wie Merkel.

Ihr Erfolgsrezept zeuge von einer guten "Intuition“, aber nicht von "Deutschlands politischer Reife“.

Deutsche wollen Besonnenheit

Was meint der Autor, Politologe Cameron Abadi, mit dieser merkelschen "Intuition“?

Er ist überzeugt: Die Bundeskanzlerin hat in ihrer politischen Karriere gelernt, dass die Deutschen vor allem nach "Besonnenheit“ verlangten.

Ein Musterbeispiel für diese These habe die Bundestagswahl 2005 geliefert. Damals habe Merkels CDU nur knapp die Wahl gewonnen. Auch weil Merkel, so die Überzeugung von "Foreign Policy“, mit zu detaillierten Plänen zu Steuersenkungen geworben hatte.

Seither sei Merkel "desillusioniert“. "Foreign Policy“ zitiert aus dem Buch "Angela Merkel – Die Zauder-Künstlerin“ von "Bild“-Journalist Nikloaus Blome.

"Auch wenn in Deutschland eine Revolution in Gange wäre, würden die Deutschen wollen, dass man ihnen erst danach davon erzählt“, soll die Kanzlerin ihren Beratern demnach im Jahre 2006 gesagt haben.

"Merkel hat nie Visionen geliefert"

Seither verfolge sie eine andere – äußerst erfolgreiche Strategie. "Führung aus dem Hintergrund“ könnte man diese nennen. Merkel lasse andere Politiker die Debatten führen und trete erst dann in Erscheinung, wenn es bereits einen Konsens in der Gesellschaft gebe, und Reformen als "unvermeidbar“ gelten würden.

So könne Merkel ihre Haltung auch immer wieder der öffentlichen Meinung anpassen. So wie in Vergangenheit bereits öfter geschehen:

► Merkel sei zuerst für den Wehrdienst gewesen, dann dagegen.

► Merkel sei zuerst für Atomenergie gewesen, dann dagegen.

► Merkel sei zuerst gegen den Mindestlohn gewesen, dann dafür.

Auch ihre Außenpolitik richte die Bundeskanzlerin nach der Stimmung innerhalb des Landes aus. So sei Merkel auch zu den Entscheidungen gekommen, 2011 nicht in Libyen zu intervenieren oder mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken.

Auch Merkels Vision für die EU sei seit je her vage geblieben – ganz anders als etwa die konkreten Reformvorschläge des neuen französischen Präsidenten Macron.

"So etwas hat Merkel nie geliefert“, schreibt "Foreign Policy“. Dennoch oder gerade deshalb könne sie auf den großen Rückhalt in Deutschland vertrauen.

Ein Blick auf Martin Schulz könnte dem US-Magazin Recht gegeben. Der hat gerade sein wirtschaftliches und soziales Programm etwas genauer vorgestellt – und musste direkt massive Kritik einstecken. 30 Milliarden Euro sollen Schulz’ Reformpläne kosten, unbezahlbar, finden viele.

Merkel hingegen sagte nichts. Sie weiß, dass sie mit dieser Strategie gut fährt.

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