Das ist der Grund, warum Europa regelmäßig zum Eurovision Song Contest ausflippt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EUROVISION SONG CONTEST
Das ist der Grund, warum Europa regelmäßig zum Eurovision Song Contest ausflippt | Gleb Garanich / Reuters
Drucken

Seien wir ehrlich: Der Eurovision Song Contest ist ein sehr einfaches Opfer.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten zeigt sich dort mit schlafwandlerischer Sicherheit ein Panoptikum des musikalischen Gänsehaut-Gruselns. Eigentlich kann man den ESC nur gut finden, wenn man ihn nicht ganz so ernst nimmt und selbst dann noch Spaß hat, wenn mal wieder ein halbnackter Derwisch aus Skandinavien oder Osteuropa Haken schlagend über die Bühne rast und erst knapp vor einer Jahrhundertkollision mit seinem eigenen Keyboarder noch die Kurve bekommt.

Eigentlich hat der ESC nur eine Qualität: Obwohl die Shows episch lang sind, gehen einem beim Zuschauen nie die Witze aus.

Der ESC begeistert Millionen

Und doch reisen jedes Jahr Tausende Menschen dem ESC-Zirkus hinterher. Und Millionen von Menschen amüsieren sich prächtig daheim am Fernseher. Warum eigentlich?

Spurensuche beim ersten ESC-Halbfinale in Kiew, das am Dienstag in einer umgebauten Eislaufhalle am linken Dnipro-Ufer stattfand. Für die Ukraine ist das Event einer der kulturellen Höhepunkte des Jahres. Und die Stadtverwaltung um den Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko hat viel Geld locker gemacht, um die Stadt für die internationalen Besucher heraus zu putzen.

Bürgersteige wurden erneuert, Fußgängerampeln gebaut. Auf dem Weg zur Halle wurde sogar eine halbfertiger Hochhausbau mit einer gigantischen Plane verhüllt, damit das Gesamtbild stimmt.

Am Maidan wird am Baugerüst des ausgebrannten Gewerkschaftshauses mit dem Slogan "Freiheit ist unsere Religion“ geworben.

Wenige hundert Meter weiter hat die Stadtverwaltung ein altes Sowjetdenkmal, trotz scharfen Protesten aus dem konservativen Lager, in einen regenbogenfarbenen "Arch of Diversity“ umgestaltet lassen. Die Idee kam von einer Marketingagentur und passte auch deswegen so gut, weil die beiden oberkörperfreien sowjetischen Arbeiterheldenfiguren unter dem Bogen schon länger eine gewisse Popularität in der Kiewer Schwulenszene hatten.

Dass die Arbeiten auf Druck von rechten Politikern nicht ganz fertig wurden, ist nun Teil der Message: Es gibt Menschen, die auch in der Ukraine für die Rechte von Homosexuellen eintreten. Aber wahr ist eben auch - es gibt es viel zu tun.

Die Menschen in Kiew sind stolz darauf, dass eine Woche lang ganz Europa auf ihre im touristischen Kontext immer noch maßlos unterschätzte Stadt schaut. Und besonders die Jüngeren feiern jene Werte, die sie aus den Tagen des Maidan mitgenommen haben: Toleranz, Vielfalt, Offenheit. So sammelt das "Ukraine Crisis Media Center" derzeit Geld für die nächste "Kyiv Pride"-Parade.

Nicht jedem in Kiew gefällt das. Aber mit Sicherheit ist der ESC, was die Ukrainer betrifft, weit mehr als ein reines Schlagerfestival. Manchmal scheint der Eurovision Song Contest in diesen Tagen wie ein politischer Stimmungstest für Hauptstadt.

Und dann sind da jene, die als Zuschauer nach Kiew gekommen sind. Abends in der Halle. Spotlight auf die riesige, bügelförmige ESC-Bühne, die sich auf voller Länge mit Computerbildern bespielen lässt.

Im bunten Licht des Saals werden aus seriösen Politikberatern auf einmal ESC-Geschichtsexperten, die mühelos die Story des moldawischen Saxofonisten nacherzählen können (Youtube-Star mit über 34 Millionen Klicks!) und die ukrainischen Moderatoren des diesjährigen ESC mit Namen kennen.

Da werden Erinnerungen von den ersten miterlebten Shows in den frühen 90er-Jahren ausgetauscht. Mit der gleichen Ernsthaftigkeit, wie sich Fußballfans an Marco van Bastens Siegtor gegen Deutschland im Halbfinale der EM 1988 erinnern und an die Kullertränen danach.

Es scheint, als sei der alljährliche Spaß mit den Interpreten aus ganz Europa für so manch einen wie eine innere Zeitachse, an der entlang sie älter werden.

Gleich neben den elfenbeinweißen Künstlerlogen, von denen im Laufe des Abends die Interviews gesendet wurden, haben die Botschafter aus verschiedenen Ländern Plätze reservieren lassen. Ein sehr elegant gekleidetes Paar aus Montenegro ist gleich mit ihrem Sohn angerückt.

Ehrliche Bestürzung über das Ausscheiden

Ihr Star ist an diesem Abend ist Slavko Kalezic, ein 31-jähriger Sänger aus Podgorica, dessen Zopf fast bis auf den Boden reicht, wenn er nicht gerade peitschenartig beim Headbangen durch die Luft fliegt. Kalezic trägt ein Netzhemd, unter dem seine Nippel im Dunklen leuchten.

Als er ausscheidet, zieht der Sohn des montenegrinischen Paars mit gesenktem Haupt von dannen. Auch seine Eltern scheinen ehrlich bestürzt über das Abstimmungsergebnis zu sein.

Und dann sind da noch die Menschen, die tatsächlich einfach nur ihren Spaß an der Veranstaltung haben. Die staunend vor dem psychedelischen Gesamtkunstwerk des lettischen Bühnenbilds stehen.

Oder jene isländischen Fans, die Selfies auf der Tribüne machen, um diesen einen Moment in die Internet-Erzählung ihres Lebens einzufügen.

Wieder andere haben einfach nur Spaß daran, in diesen Tagen der europäischen Idee ein Stück näher zu sein als sonst.

Und wahrscheinlich ist das auch das wichtigste Argument für den Eurovision Song Contest: Trotz aller Streitigkeiten, es gibt ihn. Seit fast 60 Jahren. Und er bringt Menschen zusammen. In diesen Tagen zum Beispiel viele EU-Europäer, die für ein paar Momente lang das Leben in der Ukraine mit neuen Augen sehen können.

Der ESC verbindet den Kontinent. Eine bessere Existenzberechtigung kann man sich im Jahr 2017 nicht vorstellen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Korrektur anregen