5 Dinge, die Deutschland schleunigst von Nordrhein-Westfalen lernen sollte

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RUHRGEBIET
5 Dinge, die Deutschland schleunigst von Nordrhein-Westfalen lernen sollte | dpa
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Wenn Menschen in Deutschland derzeit an Nordrhein-Westfalen denken, erinnern sie sich oft zuerst an die Probleme, die das Bundesland hat.

Die Arbeitslosenquote ist überdurchschnittlich hoch, die Infrastruktur gammelt vor sich. Auch das nordrhein-westfälische Abitur genießt nicht den besten Ruf.

Natürlich steckt darin auch ein Funke Wahrheit. Das bevölkerungsreichste Bundesland hat es nicht leicht, seit Jahrzehnten schon summieren sich die Schwierigkeiten, und bisweilen hat die Politik dagegen zu wenig getan.

Doch Nordrhein-Westfalen ist mehr als ein Problemland. In manchen Bereichen könnten die übrigen Regionen dieser Republik von dem leidgeprüften Bindestrich-Bundesland noch lernen. Wenn sie einen Blick hinter die Klischees werfen würden.

1. In Nordrhein-Westfalen weiß man, was Strukturwandel heißt

Einst war NRW das industrielle Herz Deutschlands. Ende der 1950er-Jahre waren fast 450.000 Menschen allein im Ruhrbergbau beschäftigt. Menschen aus der ganzen Republik kamen in den Westen, um sich dort eine Existenz aufzubauen. Davon ist heute nicht mehr viel geblieben. Derzeit ist nur noch die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop in Betrieb.

Der Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen in der Montanindustrie war nicht nur ein wirtschaftlicher Verlust für die Region. Sie betraf auch direkt die kulturelle Identität des Ruhrgebiets, das im 19. Jahrhundert mit der Industrie gewachsen war.

Doch statt den Verlust stetig zu beklagen, erfindet sich das Ruhrgebiet immer wieder neu: als Bildungsstandort, Kulturregion oder Produktionsstätte für Hightech-Unternehmen. Und das, ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen. Wenn man das Siechtum ganzer Landstriche im Osten infolge des Strukturwandels in den 1990er-Jahren betrachtet, ist das eine enorme Leistung, die bei all der Häme über die tatsächlich vorhandenen wirtschaftlichen Probleme allzu schnell vergessen wird.

2. In NRW gab es den demografischen Wandel schon viel früher als anderswo

Mit dem Zusammenbruch der alten Industrien setzte der demografische Wandel in NRW schon in den 1960er-Jahren ein. Die Stadt Essen etwa war einst die fünftgrößte Stadt des Landes mit knapp 750.000 Einwohnern. Heute leben dort nur noch 624.000 Menschen. Kaum anders sieht es in Städten wie Hagen, Wuppertal oder Gelsenkirchen aus.

Die Großstädte im Ruhrgebiet mussten viel früher anfangen, die Strukturen ihrer Kommunen den neuen Gegebenheiten anzupassen. Das war nicht immer einfach: Denn anders als in vielen ostdeutschen Städten ist die Besitzerstruktur beim Wohneigentum stark fragmentiert – man kann oft nicht einfach ganze Wohnblocks abreißen lassen, um die Stadt "gesundzuschrumpfen“, wie das etwa in Hoyerswerda oder Eisenhüttenstadt möglich ist.

Um bei der Stadt Essen zu bleiben: Dort ist der Schrumpfungsprozess mittlerweile gestoppt. Seit einigen Jahren wächst die Ruhrmetropole wieder.

3. Obwohl NRW viele Probleme hat, ist die AfD dort nie zu großer Form aufgelaufen

Ja, auch Nordrhein-Westfalen hat Probleme. Und viele Menschen arbeiten hier in gering bezahlten Jobs. Besonders im nördlichen Ruhrgebiet, aber auch in Teilen des Rheinlands ist die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch. Man könnte meinen, dass die AfD hier ein Heimspiel hätte: ähnlich etwa wie in den Arbeiterbezirken Mannheims, in den entindustrialisierten Gegenden von Rheinland-Pfalz oder in Sachsen-Anhalt.

Und doch krebst die AfD seit mehr als einem halben Jahr bei Umfragewerten im einstelligen Bereich herum. Zuletzt waren es laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen noch 6,5 Prozent. Die fremdenfeindlichen Parolen der selbst ernannten "Wir sind das Volk“-Partei verfangen hier lange nicht so gut wie anderswo. Und das, obwohl die AfD immer noch darauf hofft, bei der Landtagswahl am Sonntag den großen Wurf zu landen.

Das heißt nicht, dass es in NRW keine Probleme mit Fremdenfeindlichkeit gäbe. Aber womöglich ist Menschlichkeit im Westen immer noch ein stärkerer Wert als andernorts. Gut möglich, dass die alte Arbeiterbewegung hier noch letzte Lebenszeichen sendet.

4. In NRW wird Solidarität gelebt

Bayern galt noch in den 1950er-Jahren als das Armenhaus der Republik. Mit Milliardensummen aus dem Länderfinanzausgleich wurde das südliche Bundesland unterstützt. Und für die stolzen Arbeiter des Westens war das damals eine Selbstverständlichkeit. Aus Solidarität. Und weil die Fähigkeit, andere zu unterstützten, letztlich auch ein Zeichen der eigenen Stärke sein kann.

Vor diesem Hintergrund muss man das Wehklagen der bayerischen Staatsregierung über die derzeitigen Verhältnisse im Länderfinanzausgleich sehen. Kein Bundesland hat so stark von der Abwanderung industrieller Betriebe aus Berlin profitiert. Ohne Allianz, Knorr und Siemens wäre München noch eine Provinzstadt. Und nirgendwo brachten Zuwanderer aus den östlichen Bundesländern nach 1990 das Wirtschaftswachstum so voran wie in Bayern. Eigentlich wäre es da Zeit, sich selbst solidarisch zu zeigen. Aber das ist nicht die Sache der CSU.

Derweil führten Steuerzahler in Nordrhein-Westfalen mehr als zwei Jahrzehnte lang klaglos den Solidaritätszuschlag ab, mit dem die Infrastruktur im Osten rekonstruiert wurde. Und das, obwohl zeitgleich die Straßen und Brücken an Rhein und Ruhr verfielen. Nun wäre es eigentlich Zeit, dass der Rest der Republik mal von NRW lernt. Denn anderen zu helfen – das ist tatsächlich kein Zeichen der Schwäche.

5. In NRW ist tolerant

In Köln, Wuppertal und Düsseldorf kann heute immer noch jeder nach seiner Façon selig werden. Das gilt nicht nur zu Zeiten des Karnevals. Die Geschichte des heutigen Nordrhein-Westfalens ist eng verbunden mit Zuwanderung: ob es die Bayern und Hessen zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren, später die Polen und noch später sie Türken, Italiener und Jugoslawen.

In Nordrhein-Westfalen fanden sich schon immer Menschen aus den verschiedensten Kulturräumen zusammen und arrangierten sich miteinander. Dadurch entstand eine Kultur des Miteinanders, die mancherorts zwar in Gefahr ist, aber immer noch lebt. Gerade in Zeiten wie diesen können wir uns von Deutschlands Westen einiges abschauen.

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