Die Geschichte dieser Väter zeigt, wie rückständig Deutschland wirklich ist

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Wir wollen es gerne glauben: Dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind und die altmodische Rollenverteilung der Vergangenheit angehört. Aber das ist noch immer nicht die Realität. Es ist ein Wunschbild.

Nur jeder dritte Vater in Deutschland geht in Elternzeit, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts von Oktober 2016 belegen.

Was die Zahlen auch zeigen: Die Väter steigen nur für eine kurze Dauer für ihre Kinder aus dem Job aus. Vier von fünf Vätern gehen demnach lediglich für zwei Monate in Elternzeit. Die Mehrheit der Mütter hingegen, nämlich 87 Prozent, schöpft die maximale Dauer von zwölf Monaten aus.

Es kommt zur Retraditionalisierung nach dem ersten Kind

Nach der Geburt des ersten Kindes findet häufig eine sogenannte "Retraditionalisierung" statt, fand die "Männer-Trendstudie" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young heraus. Das heißt: Der Vater geht weiterhin in Vollzeit arbeiten und die Mutter bleibt - auch bei gleichem Bildungsabschluss und ähnlichen Karrierechancen - Zuhause.

Wenn in Familien beide Elternteile arbeiten, arbeitet die Mutter meistens nur Teilzeit, ergab zudem eine Allensbachstudie 2015.

Dabei wäre es nicht nur dem gesellschaftlichen Wandel angemessen und fair, wenn auch Väter in Elternzeit gingen - es hat erwiesenermaßen auch Vorteile.

In der Gesellschaft ist die Elternzeit für Väter noch nicht angekommen

Moderne Väter, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, berichteten innerhalb der Befragung für die Ernst&Young-Studie, sich ihrem Kind deutlich näher zu fühlen.

Doch in der Gesellschaft scheint das immer noch nicht ganz angekommen zu sein. So gibt es noch immer Arbeitgeber, die eine Elternzeit für Männer nicht unterstützen, wie Väter der HuffPost berichten. Auch auf sie zugeschnittene Angebote, die sich Väter für ihre Freizeit mit dem Kind wünschen, fehlen in fast allen deutschen Städten.

"Treffpunkte, Förderungen, Einrichtungen - das ist fast immer nur für Mütter", sagt Eberhard Schäfer, der sich viel mit dem Thema auseinandersetzt und Bücher über die neue Rolle des Vaters geschrieben hat.

Im "Papa-Café" sind auch Probleme mit der Elternzeit Thema

Schäfer störte sich an dem fehlenden Angebot und gründete deshalb das "Papacafé" in Berlin. Es richtet sich ausdrücklich nur an Väter in Elternzeit. Einmal die Woche treffen sie sich in Prenzlauer Berg zum gemeinsamen Frühstück, tauschen sich über Probleme aus und spielen mit ihren Kindern.

Dass dieses Café keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Seltenheit ist, bereitet den Vätern hier große Sorgen.

"Wir sitzen hier in diesem Café wie in einer Blase, die nicht viel mit der Realität zu tun hat", sagt Fabian Weißbarth, 29. "Klar sollte es selbstverständlich sein, dass auch Väter in Elternzeit gehen. Aber das ist es nicht."

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Weißbarths 12 Monate alte Tochter Ruth krabbelt fröhlich auf dem Boden herum. Er verfolgt sie mit den Augen, während er spricht.

"Ein Freund von mir wurde sogar gefeuert, weil er in Elternzeit gehen wollte", erzählt Weißbarth. Er schwankt zwischen Ungläubigkeit und Wut. "Gerade mal zwei Monate hatte er eingefordert. Das Unternehmen hat sich lieber von ihm verabschiedet."

Angesichts solcher Geschichten findet Weißbarth es nicht verwunderlich, dass sich viele Männer gar nicht trauen, in Elternzeit zu gehen. Dennoch hält er dieses Verhalten für einen großen Fehler.

Denn: Einen perfekten Zeitpunkt für die Elternzeit gibt es genauso wenig wie für ein Kind, glaubt Weißbarth. Aber auch viele Arbeitgeber wüssten das nicht.

Dass nicht alle Unternehmen eine Elternzeit, gerade bei Vätern, unterstützen, ist ihm ein Rätsel.

Martin Mann, 32, geht sogar so weit, seine Elternzeit als "politischen Akt" zu bezeichnen. Er ist promovierter Wissenschaftler und arbeitet in der Sozialforschung - daher weiß er, dass eine Elternzeit für Väter noch lange nicht selbstverständlich ist.

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In seinem Bereich sei es eher ungewöhnlich, als Mann in Elternzeit zu gehen, sagt er.

"Viele von uns haben nur befristete Verträge. Gerade junge Wissenschaftler stehen außerdem unter einem enormen Publikationsdruck. Aber wissenschaftliche Arbeiten zu veröffentlichen, wenn man sich gleichzeitig um ein kleines Kind kümmert, ist kaum möglich", sagt Mann.

Zugleich weiß er aus eigener Erfahrung: Männer ernten Lob und Anerkennung, wenn sie davon erzählen, in Elternzeit zu gehen. Für Frauen hingegen scheint es selbstverständlich. Mann hat sich die Elternzeit mit seiner Partnerin aufgeteilt.

"Sie arbeitet jetzt wieder Vollzeit und wurde von allen Kollegen erstaunt gefragt 'Du bist schon wieder da? Du arbeitest doch jetzt aber nur Teilzeit, oder?' Da ist Deutschland schon ziemlich rückständig", sagt er und schüttelt verständnislos den Kopf.

Väter in Elternzeit sind noch immer nicht gewöhnlich

Dass Elternzeit für Väter heutzutage nichts Besonderes mehr sei, ist laut Mann ein Trugschluss.

Dabei ist es eine Zeit, die unendlich wichtig für die Bindung zwischen Vater und Kind ist, wie Studien belegen. Das bestätigt der Arzt Akira Poncette. Aber das ist nicht der Hauptgrund, warum er sich für die Elternzeit entschieden hat.

"Auf dem Sterbebett würde ich nicht sagen 'Ach, wie schade, dass ich diesen einen Karriere-Schritt nicht gegangen bin - sondern eher: Warum habe ich nicht mehr Zeit mit meinem Kind verbracht? Diese Frage will ich mir später nicht stellen müssen", sagt Poncette.

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Unter Ärzten sei es bereits verbreitet, dass auch Väter in Elternzeit gehen, sagt Poncette. Er vermutet aber auch, dass er Glück hat, weil er eine Frau als Chefin hat. "Zum Glück. Von anderen Berufen höre ich Gegensätzliches zum Thema Elternzeit. Da muss sich noch viel tun."

Diese Erfahrung hat auch Martin, 33, gemacht. Für sein zweites Kind hätte er sich gerne noch länger Elternzeit genommen. Doch die aus seinem Vertrag erlaubte Zeit war bereits ausgereizt. "Mehr als sechs Monate gehen bei meinem Arbeitgeber nicht", sagt Martin.

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"Dabei ist die Zeit mit dem Kind doch das Wichtigste", sagt er. "Das wissen auch die Chefs, die Kinder haben. Bei meinem ersten Kind habe ich gemerkt, dass ich durch die Elternzeit einen viel besseren Draht zu ihm aufgebaut habe. Bei meinem zweiten Kind ist mir das nun nicht möglich."

Arno Guettoui, 53, sagt ganz offen: "Wenn jemand wirklich auf dem Höhepunkt seiner Karriere ist - und die Elternzeit in der Gesellschaft nicht bald anerkannter ist - dann würde ich ihm keine Elternzeit empfehlen."

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Guettoui ist Schauspieler und Filmemacher. Er hat sich für die Elternzeit entschieden, weil seine Frau als Wirtschaftsjuristin die besseren Berufsaussichten hat. "Leider arbeite ich frei und bekomme deshalb nicht die übliche Unterstützung in der Elternzeit", sagt Guettoui.

"Das ist schade. Aber ändern wird es sich nicht. Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Arbeitgeber, auch wenn sie etwas anderes behaupten, nicht sonderlich kinderfreundlich sind."

"Wenn ich es mir nicht leisten könnte, hätte ich es mich nicht getraut"

Florian von Oppenheim, Unternehmer und Investor, gesteht: "Wenn ich gerade in einer Firma als Angestellter Karriere machen würde, wäre ich wahrscheinlich nicht in Elternzeit gegangen. Das kann ich mir nur leisten, weil ich selbstständig bin und gut verdiene."

Zu groß seien die Nachteile für Männer, die Karriere machen wollen, oder die nicht so gut verdienen, noch heute. Oft, weil die Chefs eine Elternzeit bei ihren wichtigsten Mitarbeitern nicht fördern würden.

"Bei einigen meiner Bekannten, die in größeren Unternehmen Karriere machen und in Elternzeit gehen wollten, war das nicht möglich", sagt er.

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Auch er selbst arbeite noch immer in jeder freien Minute, wolle seine Arbeit nicht ganz aus den Augen lassen. Zu groß ist auch bei ihm die Angst: Die Elternzeit könnte der Karriere nachhaltig schaden.

"Frauen bekommen in diesem Bereich einfach mehr Unterstützung", sagt Weißbarth. "Und es wird Zeit, dass es die auch für uns Väter gibt. Dass es völlig normal ist, als Vater in Elternzeit zu gehen."

"Die Gesellschaft muss sich in dieser Hinsicht noch radikal wandeln", sagt auch Schäfer, der Gründer des Väter-Cafés. "Was ich hier alles von jungen berufstätigen Vätern mitbekomme, zeigt: Wir sind längst nicht da, wo wir glauben zu sein."

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(ujo)

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