"Was hier passiert, ist alles andere als normal": Beobachter bezweifeln einmal mehr Trumps Zurechnungsfähigkeit

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"Was hier passiert, ist alles andere als normal": Beobachter bezweifeln einmal mehr Trumps Zurechnungsfähigkeit | The Washington Post via Getty Images
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Die Entlassung von FBI-Direktor James Comey sorgt für Aufruhr in Washington. Am Dienstag hatte US-Präsident Donald Trump überraschend verkündet, Comey sei nicht mehr Chef des FBI.

Eine waghalsige Entscheidung, die die politische Agenda des Präsidenten kräftig ins Wanken bringen könnte.

Dessen scheint sich Trump bewusst: Die Stunden nach Comeys Entlassung verbrachte er damit, wütende Tweets in Richtung verschiedener US-Senatoren abzufeuern.

In seinen Tweets bezeichnete Trump Senator Chuck Schumer, Fraktionsführer der Demokraten im Senat, "Cryin‘ Chuck". Er veralberte Senator Richard Blumenthal und schrieb, der Senator habe wie ein Baby geheult, als er von seiner Zeit in der Armee gesprochen habe.

Für Trump-Kritiker ist die Abfolge der Ereignisse – die Entlassung des FBI-Direktors und die anschließenden Tweets – nur ein Grund mehr, den Geisteszustand des Mannes im Oval Office infrage zu stellen.

"Nichts davon ist normal"

Die Entlassung von James Comey gibt Anlass zur Sorge darüber, wie verantwortungsvoll Trump mit seiner Macht umgeht. Schließlich untersucht Comeys Behörde die Verbindung von Trumps Wahlkampfteam nach Russland.

"Nichts von alledem entspricht auch nur annähernd der Normalität", sagte Chris Murphy der HuffPost USA. Murphy ist ein demokratischer Senator aus Connecticut.

"Mit jedem Tag, den diese Dysfunktion andauert, gewinnt sie ein bisschen mehr an Normalität – und das ist die große Gefahr", sagte Murphy weiter. Er stellte klar: Dieses Land habe so etwas noch nie erlebt und jeden Tag werde es noch etwas bizarrer und besorgniserregender.

Er forderte: "Irgendwann müssen die Republikaner die Notbremse ziehen und einsehen, dass es genug ist und die Demokratie sich in ernsthafter Gefahr befindet."

Mehr zum Thema: FBI-Chef: Mitarbeiter des Weißen Hauses berichtet den wahren Grund für Comeys Rausschmiss

Ist Trump impulsiv - oder lenkt er ab?

Seit Trumps Ankündigung als Präsident zu kandidieren fragen sich Amerikaner und mit ihnen die ganze Welt: Ist der US-Präsident nur einfach impulsiv - oder stecken hinter seinen Ausfällen strategische Ablenkungsmanöver?

Die Entlassung von James Comey hat diese Debatte erneut befeuert. Der Rauswurf kam unmittelbar vor einem Treffen von Trump mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Comey selbst hat die Entlassung ohne Vorwarnung kalt erwischt. Er soll aus dem Fernsehen davon erfahren haben.

All das zeigt umso deutlicher: Trumps Entscheidung war unverfroren. Ob sie geplant und vorbereitet war, ist nicht bekannt.

Trump schafft seine eigenen Schlagzeilen


"Auf den ersten Blick erscheint es verrückt", sagte Laurence Tribe, ein Professor der Rechtswissenschaft in Harvard, der HuffPost USA.

Auch ihn beschäftigt die Frage, ob der Vorfall um Comey tatsächlich so absurd ist, wie er scheint. Oder ob es sich doch viel mehr um einen kühnen und gerissenen Schachzug seitens des Präsidenten handelt.

"Wieder einmal weiß er, negative Schlagzeilen von sich abzuwenden", sagte Rechtswissenschaftler Tribe.

Vor einiger Zeit hatte noch die frühere Justizministerin Sally Yates Schlagzeilen gemacht, weil sie vor den Russland-Beziehungen des ehemaligen Nationalen Sicherheitsberaters Michael Flynn warnte. Jetzt dreht sich die Diskussion, stellt Tribe fest. Die Frage sei nun, ob nicht ein unabhängiges Gremium die Russland-Verbindungen untersuchen sollte - und wie dieses Gremium dann auszusehen habe, erläutert Tribe weiter. "Es ist eine große Nebelwolke".

Nicht der einzige Grund, der an der Grundkompetenz der Regierung zweifeln lässt.

Komplettes Chaos im Weißen Haus


Als erste Meldungen über die Entlassung des FBI-Chefs die Runde machten, schien das die Mitarbeiter des Weißen Hauses kalt zu erwischen. Pressesprecher Sean Spicer mied die Reporter und erklärte sich nur bereit, ohne Kameras hinter verschlossenen Türen mit ihnen zu sprechen.

Die meisten Fragen gab er an das Justizministerium weiter, wo man das Fiasko nicht kommentieren wollte. Die Strategie der Pressestelle des Weißen Hauses sah am Dienstagabend so aus: Reportern wurde per E-Mail eine Liste von vier Medienberichten geschickt, in denen Kritik an Comey geübt wurde.

Drei dieser Berichte stammten aus der Zeit, bevor Donald Trump das Amt des Präsidenten übernommen hatte. Am Mittwoch hatte ein totales Chaos das Weiße Haus quasi gelähmt und Berichte legten nahe, dass bereits über einen Ersatz für Spicer nachgedacht wurde.

"Man sollte die Rolle der Inkompetenz nicht unterschätzen"


"Man sollte die Rollen, die Inkompetenz und Instabilität in dieser ganzen Geschichte spielen, nicht unterschätzen", sagte Peter Wehner, ein früherer Mitarbeiter der Regierung unter George W. Bush in einer E-Mail an die HuffPost USA.

Seit Dienstag hat Trump keine öffentlichen Auftritte absolviert, um seine Entscheidung selbst zu erklären. Sean Spicer erklärte, Trump handle auf Empfehlung des stellvertretenden Justizministers Rod Rosenstein und des Justizministers Jeff Sessions.

Ein dreiseitiger Brief Rosensteins soll Anlass für Trumps Entscheidung gewesen sein. Der Brief enthält zwar eine vernichtende Liste von Comeys Fehltritten in der Untersuchung der E-Mail-Affäre von Hillary Clinton. Aber die Worte legen eine Entlassung Comeys nicht explizit nahe.

Der Brief von Sessions fiel etwas kürzer aus, er empfahl einen "frischen Neustart" des FBI, Grundlage dafür seien die von Rosenstein genannten Gründe.

Die Pressestelle des Weißen Hauses hatte schon Schwierigkeiten damit, auch nur die Eckdaten ihres Berichts zur Entlassung von James Comey übereinstimmend mitzuteilen.

Spicer sagte gegenüber Reportern, Trump habe von den Bedenken des Justizministeriums zur Person James Comey zuerst aus Rosensteins Brief am Dienstag erfahren.

Trumps Erklärung zerfiel in Einzelteile

Sarah Huckabee Sanders dagegen, die stellvertretende Pressesprecherin des Weißen Hauses, erklärte, Trump wurde über die Bedenken des Justizministeriums von einem hochrangigen Angestellten des Ministeriums am Montag mündlich informiert und habe dann darum gebeten, diese schriftlich zu erhalten.

Am Mittwochabend stellte ein Mitarbeiter des Weißen Hauses klar, dass Trump sich am Montag mit Rosenstein und Sessions getroffen habe, um zu erörtern, weshalb Comey ersetzt werden müsse.

Als Trump auf Twitter die Senatoren angriff, zerfiel die Erklärung des Weißen Hauses also bereits in ihre Einzelteile.

Am Mittwochmorgen trat Kellyanne Conway, eine von Trumps Top-Beraterinnen, dann im Fernsehen auf und zeigte den dreiseitigen Brief Rosensteins, in dem der Umgang von James Comey mit der E-Mail-Affäre von Hillary Clinton kritisiert wurde. Später berichtigte sie sich selbst und erklärte, das alles habe nichts mit den Geschehnissen von vor sechs Monaten zu tun.

Später am selben Tag kritisierte Trump James Comey und sagte, dieser habe "keinen guten Job gemacht". Gegen Ende seines Wahlkampfes und zu Beginn seiner Amtszeit war Trump noch voll des Lobes für Comey gewesen.

Am Nachmittag schob Pressesprecherin Sanders den Schwarzen Peter den Mitarbeitern des Justizministeriums zu, die, so sagte sie, sich mit ihren Bedenken an das Weiße Haus gewandt hatten.

"Die Mitarbeiter des FBI haben das Vertrauen in ihren Direktor verloren", sagte Sanders.

Verfolgt der Wahnsinn einen bestimmten Zweck?


Für Beobachter schwebt über allem aber weiterhin die Sorge, dass es sich hier um Wahnsinn handelt. Der einen bestimmten Zweck verfolgt.

Trump und sein Team könnten auch weiterhin unlogische alternative Fakten für die Entlassung Comeys präsentieren, wenn sie nur von den Untersuchungen zu den Russland-Verbindungen ablenken. So lange das funktioniert, ist das Endergebnis nebensächlich.

Andere Beobachter sind nicht davon überzeugt, dass Trumps Taten einer bestimmten Strategie folgen. Trump könne zwar versuchen, die Untersuchungen zu umgehen. Aber irgendwann werde seine Impulsivität ihm und seiner Regierung zum Verhängnis werden, so mutmaßen sie.

"Sie reiten auf einem Pulverfass", sagte Brian Fallon, der Pressesprecher des Clinton-Wahlkampfes, der HuffPost USA.

"James Comey wird nicht lange schweigen, ihm wurde von Trump übel mitgespielt. Trump hat ihn gedemütigt. Er wird einen Weg finden, es ihm heimzuzahlen. Er wird den richtigen Zeitpunkt finden, um seine Geschichte zu erzählen", glaubt Fallon.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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