Unsere Freiheit ist nur ein anderes Wort für Gruppenzwang

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PARTYING YOUNG PEOPLE
wundervisuals via Getty Images
Drucken

Jeder sollte schon mal gekokst haben. Ohne homosexuelle Erfahrungen ist man verklemmt und homophob. Wer nicht bis fünf Uhr früh auf der Party war, braucht auf der nächsten gar nicht erst aufzutauchen. Na, kommen euch diese Aussagen bekannt vor?

Dann wisst ihr, was ich meine, wenn ich sage: Die neu gewonnene Freiheit der Generation Y ist nur ein anderes Wort für Gruppenzwang.

Wie lange habe ich eigentlich auf der letzten Party getanzt? Nur bis zwei Uhr? Was bin ich für ein Versager! Die Generation Y feiert, bis die Wolken wieder lila sind, das weiß doch jeder. Wer davor nach Hause geht, der hat eindeutig etwas falsch gemacht.

Gehöre ich nicht dazu?

"Wir sind nur einmal jung, das müssen wir genießen!" oder "Schlafen kannst du, wenn du tot bist!" Es sind solche Sprüche, die ich zu hören bekomme, bevor ich mich auf den Heimweg mache und todmüde ins Bett falle.

Am Ende glaube ich wirklich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte meine Freiheit auskosten können und mit meinen Freunden bis zum Sonnenaufgang feiern können. Stattdessen habe ich nur an meinen drohenden Schlafmangel gedacht.

Mehr zum Thema: Schlaft gut, Leute - wacht endlich auf!

Es sind Situationen wie diese, in denen ich den Eindruck habe, nicht richtig dazu zu gehören. Momente, in denen mir klar wird: "Ich passe nicht in das Bild, dass meine Generation so gerne nach außen vermittelt".

Jedes Mal, wenn ich die wunderschönen Facebook-Fotos von exotischen Orten dieser Welt sehe, fühle ich mich schlecht. Gefühlt die Hälfte meiner ehemaligen Schulkameraden sind ständig überall unterwegs: Thailand, Neuseeland, Costa Rica, Shanghai ...

Viele machen ein Auslandsjahr, nehmen an dem Projekt "Work & Travel" teil oder sind gleich komplett ausgewandert. Ich hingegen bin in einen anderen Stadtteil meiner Heimatstadt gezogen. Yippie, schnarch ... Dabei standen mir doch alle Türen offen.

Freiheit oder doch Gruppenzwang?

Meine Generation verfügt über Freiheiten, die sich unsere Eltern kaum ausmalen konnten. Für viele von ihnen endete ihr möglicher Horizont an einer Mauer.

Wir hingegen wurden mit dem Wissen aufgezogen, dass uns die Welt zu Füßen liegt. Billigflieger, Interrail - in der Theorie könnte ich morgen schon auf einem anderen Kontinent frühstücken.

Doch ist es wirklich Freiheit, wenn ich diese Möglichkeiten nur nutze, um dazuzugehören? Ist das nicht eher Gruppenzwang? Wer nicht mehrere Monate in einem fremden Land verbracht hat, gilt für viele Menschen aus meiner Generation als langweilig. Die Auslandserfahrung im Lebenslauf ist zum Statussymbol geworden.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Ich habe sogar schon Arbeitgeber erlebt, die nur junge Menschen einstellen, die international unterwegs waren. Selbst wenn sie dort den ganzen Tag bei Piña Coladas die Füße ins Meer gehalten haben.

Wer die Möglichkeit hat, sollte sie gefälligst auch nutzen - das sagt zumindest die Wirtschaft. Tue ich das nicht, habe ich Pech gehabt. Sorry liebe Arbeitgeber, ich hab's nicht so mit der weiten Welt. Ich fühle mich eigentlich ganz wohl, dort wo ich bin. Dass mir das zum Nachteil wird, finde ich unfair. Ich hätte, hätte, Fahrradkette, hab ich aber nicht.

"Möglichkeit" bedeutet nicht umsonst, dass es zwar "möglich" ist, aber nicht erzwungen werden sollte. Mich setzen diese "Freiheiten" unter Druck. Wenn das Ausnutzen von Freiheit zum "Muss" wird, kann man dann überhaupt noch von Freiheit sprechen? Nein.

Ich ließ mich mitreißen und fiel am Ende auf die Nase

Manchmal fühle ich mich von meiner eigenen Generation ausgeschlossen. Ich entspreche anscheinend nicht den Kriterien, die man mit der Generation Y verbindet. Als ich vor ein paar Jahren noch unbedingt mit meinen Altersgenossen mithalten wollte, bemerkte ich schnell: Das Wort "Freiheit" kann auch Gruppenzwang bedeuten.

Ich ließ mich vom Hype der offenen Beziehungen mitreißen. Für eine Weile glaubte ich tatsächlich, dass mich diese Form der Liebe auf Dauer glücklich machen würde. Ich dachte, die Freiheit, die mir damit gegeben wurde, würde zu meiner Generation, und somit auch zu mir passen. Nur nicht festlegen, das ist es, was wir ständig propagieren.

Mehr zum Thema: Diese 10 Fehler machen intelligente Menschen höchstens einmal

Am Ende bin ich damit ordentlich auf die Schnauze gefallen. Unglücklicher als je zuvor fand ich mich in einer Beziehung wieder, die jeder meiner inneren Überzeugungen widersprach. Langsam begriff ich, dass ich dem Gruppenzwang erlegen war. Komisch, von außen sah es doch so schön nach einer neuen Freiheit aus.

Achtung vor Gruppenzwang, der sich als Freiheit tarnt

Seit diesem Erlebnis empfinde ich sogar Stolz, wenn ich sage: Ich habe noch keine harten Drogen konsumiert - zumindest wenn man von ekligem Schnaps absieht.

Ich hatte auch keine nennenswerten homosexuellen Erfahrungen, die von vielen als ach so wichtig bezeichnet werden. Oder muss ich wirklich meine Geschlechtsgenossinnen begrabbeln, um meine wahre Identität zu finden?

Viele Menschen meiner Generation glauben, dass sie diese gehypten Erfahrungen brauchen - und das nur, um richtig dazuzugehören. Das ist alles Humbug.

Die meisten groß ausgeschmückten Geschichten über Drogenerfahrungen oder gleichgeschlechtliche Experimente sind sowieso nur ausgedacht. Wer am lautesten schreit, hat bekanntlicherweise am wenigsten zu sagen.

Mehr zum Thema: Der Tag, an dem ich anfing, meinen Körper mit anderen zu vergleichen

Also liebe Generation Y: Lasst euch nicht irgendwelche Freiheiten aufquatschen, die gar nicht zu euch passen. Nur weil alle gerade irgendeinem Hype hinterher rennen, heißt das noch lange nicht, dass ihr auch diese Erfahrung machen müsst.

Haltet euch an euch selbst, nicht an die anderen. Nehmt euch die Freiheiten, die ihr braucht, nicht die, die euch andere aufschwatzen. Wenn ihr auf euer Bauchgefühl vertraut, dann könnt ihr nichts falsch machen!

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Korrektur anregen