Die Generation-Y bleibt bei Demos zu Hause - und das ist gut so

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YOUNG POLITICS PROTEST
Boy holding resist sign | Asurobson via Getty Images
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Mit dem Smartphone vor der Nase zu Hause sitzen anstatt auf der Straße für die eigenen Werte einzustehen, das ist die Protestkultur der GenY. Liketivism anstatt Aktivismus. Die einzige Ausnahme scheint hier Pulse of Europe zu sein. Viele scheinen hier doch eher wegen der Party hinzugehen und nicht wegen politischer Themen.

Aber braucht es überhaupt Plakate und Trillerpfeifen, um auf Missstände aufmerksam zu machen?

Wann war ich eigentlich das letzte Mal auf einer Demonstration? Wann habe ich mit einer Masse Menschen öffentlich gezeigt, welchen Standpunkt ich vertrete?

Das ist über ein Jahr her. Demonstrationen sind aus meiner Perspektive heute viel zu oft zu aggressiven Veranstaltungen verkommen, bei denen am Ende nur zählt, wer die meisten Verletzten zu beklagen hat. Das ist übrigens nicht selten die Polizei.

Demonstrieren kann so bequem sein

Seitdem verfolge ich die lauten Gesänge, die Straßenblockaden und Polizeimannschaften auf Periscope. Ich bin überall dabei, aber die Menge an Demonstranten auf den Straßen reduziert sich stetig. Denn ich bin nicht allein.

Aktuelle Entwicklungen werden von der Generation Y hauptsächlich online wahrgenommen. Liketivism statt Aktivismus. Bewegt sich vielleicht deshalb so wenig in diesem Land?

Womit verbringen wir eigentlich unsere hart erarbeitete Freizeit? Netflix binge watching und in den sozialen Medien kleine Daumen und Smileys verteilen. Nicht einmal mehr rausgehen müssen wir, Amazon Now liefert den passenden Knabberkram bis an die Haustür. Das Leben kann so bequem sein.

Wir müssen nicht mehr aufstehen. Heißt nicht mehr Aufstehen auch nicht mehr für etwas einstehen?

Vielleicht ist es heutzutage gar nicht mehr nötig, dass wir uns physisch auf die Straße stellen und Protest äußern. Das Internet lässt uns überall mitreden, auch ohne Plakate und Megafone. Obwohl gerade in den sozialen Medien teilweise krude Ansichten vertreten werden, können wir uns doch jederzeit für das einsetzen, was uns wichtig ist.

Im Internet brüllt der Protest schriller als jede Menschenmasse

Wir können für die Freilassung von Journalisten im Ausland kämpfen, ohne dass wir an die Tür einer Botschaft klopfen müssen. Wir können auf extreme Gesinnungen hinweisen, ohne sie während einer Demonstration auszubuhen. Das Internet ist die Plattform des modernen Protests und meine Generation weiß sie zu nutzen.

Schaut euch die aktuelle Debatte um Xavier Naidoo an, wie hätte die wohl vor 30 Jahren ausgesehen? Sie hätte in Büros, auf Schulhöfen oder in Wohnzimmern stattgefunden, aber hätte es für so eine umfassende Diskussion gesorgt, wie sie im Moment stattfindet? Ich glaube nicht.

Dass unsere Eltern damals für ihre Rechte und Meinungen auf die Straße gegangen sind, war das, was die damalige Zeit gebraucht hat. Nur so konnte sich unsere Gesellschaft entwickeln. Doch auch die Protestkultur geht mit dem Zeitgeist.

Bewegungen wie #freedeniz oder #aufschrei, agieren im Internet viel umfassender, als ein Mob an Menschen mit Plakaten und Pfeifen irgendwo im Zentrum einer deutschen Großstadt. Protest wird ortsunabhängig und damit für jeden erreichbar. Wer dabei sein will, klappt seinen Laptop auf oder greift zum Smartphone.

Jeder kann seine Meinung äußern, auch wenn er gerade kein Megafone zur Hand hat. Auf der Straße mag dieser Protest lautlos erscheinen, aber im Internet brüllt er schriller als jede Menschenmasse, jedes Pfeifkonzert sein könnte.

Der digitale Unmut

Die früheren Montagsdemos mit dem heutigen wütenden Facebook Smiley zu vergleichen, mag weit hergeholt erscheinen, aber die GenY weiß welche Effekte gerade die Möglichkeiten in den Social Media Netzwerken haben können.

Digitaler Unmut hat nicht umsonst sogar schon Politiker gestürzt. In unserem Zeitalter ist es eben nicht so leicht, eine Doktorarbeit zu plagiieren und davon auszugehen, dass es niemandem auffallen wird. Dass so etwas ratzfatz herauskommt, ist ein Verdienst der Vernetzung.

Dass das digitale Protestieren nicht nur positive Seiten hat, zeigt sich in der Häufung von Fake News. Jeder kann sich äußern, jeder kann dementsprechend auch Mist verbreiten. Aber genau hier kommt wiederholt die Stärke der digitalen Demonstrationen zum Tragen. Wir können dafür sorgen, dass Äußerungen hinterfragt werden, und zwar sofort.

Wir müssen keine groß angelegte Versammlungen mehr organisieren, um gegen Menschen vorzugehen, die falsche News verbreiten. Wir melden sie bei Facebook und sorgen mit schnellen Gegendarstellungen dafür, dass jeder die Möglichkeit hat, Meinungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Diese Gelegenheit sollte wir nutzen. Auch wenn ich mich nicht mehr auf die Straße stelle um meine Meinung zu vertreten, lebe ich meinen Protest in digitaler Form. Ich habe das, was es heute braucht um gegen etwas aufzubegehren, direkt in meiner Hand.

Es ist kein Plakat, keine Trillerpfeife, es ist das Internet, die moderne Form der Demonstration. Wenn wir uns schon nicht auf die Straße stellen, sollten wir zumindest digital unseren Unmut äußern. Nein, nicht sollten, wir müssen es tun.

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