Was gerade in Südkorea passiert zeigt, wie wenig der Westen den Korea-Konflikt tatsächlich versteht

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Was gerade in Südkorea gerade passiert zeigt, wie wenig der Westen den Korea-Konflikt tatsächlich versteht | Getty
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  • Beobachter in Europa und den USA beschwören im Konflikt mit Nordkorea bereits den Dritten Weltkrieg herauf
  • In Südkorea wurde derweil ein liberaler Präsident gewählt, der mit dem Nachbarland Frieden schließen will
  • Moon Jae Ins größter Gegner wird indes nicht Kim Jong Un sein - sondern Donald Trump

Zwei Wahnsinnige stehen sich gegenüber. Sie zielen mit ihren Raketen aufeinander, paradieren ihre Waffenarsenale voreinander her und drohen sich gegenseitig mit der absoluten Auslöschung.

Donald Trump und Kim Jong Un haben ihre Finger auf dem Knopf, der den Dritten Weltkrieg auslösen könnte - so die Narrative des Westens zur Auseinandersetzung zwischen den USA und Nordkorea.

Dass es eigentlich eine Auseinandersetzung in einem gespaltenen Land, ein Konflikt zwischen Nord- und Südkorea, ist, wird in all der westlichen Hysterie um den Irren mit der Bombe und den Irren, der sich die Bombe noch bauen möchte, oft vergessen.

Und tatsächlich lässt sich anhand einer Person, Südkoreas neuem Präsidenten Moon Jae In, zeigen, wie wenig der Westen den Korea-Konflikt tatsächlich versteht.

Rückkehr zur “Sonnenscheinpolitik” gegenüber Nordkorea

Moon Jae In wurde am Dienstag zum neuen Präsidenten Südkoreas gewählt - eine kleine Sensation.

Denn Moon ist der erste Präsident des Landes seit zehn Jahren, der nicht aus den Reihen der Konservativen stammt. Und: Er hat schon während des Wahlkampfes angekündigt, wieder stärker auf Nordkorea zugehen zu wollen.

Der 64-Jährige will für Frieden auf der koreanischen Halbinsel sorgen und eine Rückkehr zur sogenannten “Sonnenscheinpolitik” gegenüber Nordkorea vorantreiben. Dafür hat er schon mehrere Vorhaben angekündigt oder in die Wege geleitet:

► Moon hat sich zu einem Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bereit erklärt. Für solch einen Besuch müsste es aber die “richtigen Voraussetzungen” geben - sprich, der Diktator müsste von seinem aggressiven Machtgehabe ablassen.

► Der neue Präsident hat den langjährigen Geheimdienstbeamten Suh Hoon zum neuen Leiter des staatlichen Aufklärungsdienstes (NIS) ernannt. Suh spielte bei den Vorbereitungen der bisher einzigen beiden Gipfeltreffen Süd- und Nordkoreas in den Jahren 2000 und 2007 eine wichtige Rolle und soll nun ein erneutes Treffen vorbereiten.

► Moon will laut dem US-Newsportal “Vox” einen gemeinsamen mit Nordkorea geführten Industriepark wieder eröffnen, um die Zusammenarbeit zwischen den Ländern zu stärken.

► Er überprüft laut “Vox” zudem, das Raketenabwehrsystem THAAD der USA, dessen Aufstellen die Vorgängerregierung Südkoreas erlaubte, wieder abbauen zu lassen.

Moons diplomatische Art spiegelt die Einstellung der Südkoreaner wider

All diese Maßnahmen stehen in starkem Kontrast zu den aggressiven Manövern der USA, dem manipulativen Verhalten Chinas und auch der Sanktionspolitik der UN und der EU. Sie entsprechen aber klar der Gefühlslage der Südkoreaner in dem Konflikt.

Denn das südkoreanische Volk zittert keineswegs vor Angst oder Wut, wenn es um den nördlichen Nachbarn geht. "Wirklich Angst vor dem verrückten Kim hat hier niemand", schrieb Dohoon Kim, Chefredakteur der HuffPost Südkorea, im April.

"Wir haben keine Lust mehr, uns mit Sorge und Ängsten erpressen zu lassen", erklärte er. Die Drohungen Kims würden in Südkorea längst als verzweifeltes Haschen nach Aufmerksamkeit gesehen werden.

Moons “Sonnenscheinpolitik” spiegelt diese ruhige und abgeklärte Einstellung seines Volkes gegenüber Nordkorea wider. Sein Ziel ist es, den Konflikt mit dem Kim-Regime auf keinen Fall eskalieren zu lassen.

Auch, weil die Nordkoreaner den Südkoreanern im Falle einer militärischen Auseinandersetzung zwar klar unterlegen wären, aber ihnen doch heftige Verluste zufügen könnten. Südkoreas Hauptstadt Seoul liegt in Raketenreichweite des nordkoreanischen Militärs; sollte ein Krieg ausbrechen, könnten allein hier 100.000 Menschen ihr Leben verlieren, so das Ergebnis einer groß angelegten Militärübung aus dem Jahr 2005.

Moons größter Gegner ist nicht Kim Jong Un - sondern Donald Trump

Wie wird Moon den Konflikt mit Nordkorea nun also verändern?

Der neue südkoreanische Präsident hat bereits angekündigt, nicht nur nach Pjöngjang, sondern auch nach China, Japan und zur Not auch Washington zu reisen, um die Gefahr einer militärischen Eskalation der Lage zu verhindern.

Moon könnte so als Mediator fungieren, als diplomatischer Unterhändler, der eine friedliche Zusammenarbeit aller Konfliktparteien erwirken könnte.

Sein größter Gegner wird dabei nicht der Diktator im Nachbarland sein - sondern Donald Trump. Der hatte erst vor kurzem in einem Interview klar gemacht, dass er Südkorea genau wie China dazu zwingen wolle, mit harter Hand gegen das Kim-Regime vorzugehen.

Moon wird sich Trump widersetzen müssen, wenn er eine Lösung ohne Blutvergießen erwirken will. Sicherlich kein leichtes Unterfangen. Aber mit kriegstreiberischen Machthabern haben sie in Südkorea ja Erfahrung.

Mit Material der dpa

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