Das Ende von Computern und Smartphones: Forscher wollen das Internet mit unseren Gehirnen vernetzen

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Das Ende von Computern und Smartphones: Forscher wollen das Internet mit unseren Gehirnen vernetzen | filadendron via Getty Images
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Telefone mit Wählscheiben, Walkmen, Pager - auch wenn wir all diese Geräte noch erlebt haben, wirken sie auf uns heute, als kämen sie aus einem anderen Zeitalter.

Unseren Kindern könnte es ähnlich gehen, wenn sie an die Computer, Smartphones und Tablets von heute zurückdenken.

Denn die könnten schon bald Geschichte sein. Unternehmen in aller Welt arbeiten daran, unsere digitalen Alltagsbegleiter abzuschaffen.

Der kühne Plan: Unser Gehirn soll sich direkt mit dem Internet verbinden können. So absurd die Idee zunächst klingt - auf ihrem Weg sind die Forscher in den vergangenen Jahren mit großen Schritten vorangekommen. Experten nennen die von ihnen ausgetüftelte Technik Brain-Machine-Interface (BMI).

Aber ist diese im ersten Moment gruselige Vision überhaupt realistisch? Sollten wir unser Gehirn überhaupt mit dem Internet verbinden wollen? Oder steckt dahinter einfach nur irrer Traum von Menschen, die zu viele Science-Fiction-Filme gesehen haben?

Der nächste logische Schritt: Die Vernetzung von Gehirn und Internet

Es ist mehr als ein Traum.

Längst interessieren sich die wichtigsten Tech-Pioniere wie Mark Zuckerberg und Elon Musk für das Thema.

Zuckerberg etwa arbeitet an einer Technologie, die es ermöglichen soll, Nachrichten mit dem Gehirn zu verfassen - ohne dass der Absender eine Tastatur berührt.

In eine ganz ähnliche Richtung investiert Tesla-Gründer Musk, der aktuell wichtigste Pionier in diesem Feld. Für Musk sind Mensch und Maschine schon längst verbunden - nur würden das die Menschen noch nicht merken, sagte er dem Tech-Blog “Wait but Why”.

Sie seien jetzt schon ganz andere Wesen als noch vor 20 oder sogar zehn Jahren.

Das könne man etwa an der Abhängigkeit vom Smartphone sehen: Wenn Menschen von ihrem Smartphone getrennt seien, sogar nur für einen Tag, tue ihnen das weh. Es sei wie ein Phantomschmerz.

Das sei, so glaubt Musk, nur ein Zwischenschritt. Die logische nächste Stufe: Die Vernetzung von Gehirn und Internet.

Was die Technologie schon kann

Musk meint es durchaus ernst. Im März gründete er das Startup Neuralink. Er will ein Konzept entwickeln, bei dem alle Neuronen im menschlichen Gehirn nahtlos mit der äußeren Welt kommunizieren können.

Das wollen die Forscher mit einem künstlichen Nervengewebe erreichen, das durch Operation oder über Blutgefäße ins Gehirn verpflanzt wird.

Neue Technologien wie diese helfen etwa gelähmten Menschen, ihre Hände wieder zu benutzen, indem Elektroden im Gehirn Signale aufnehmen und sie über kaputte Nervenbahnen hinweg transportieren. Auch taube Menschen können mit künstlichen Ohren, die mit dem Gehirn verknüpft werden, zumindest eingeschränkt hören.

Es gäbe sehr vielversprechende Lösungen, die Anlass zu Hoffnung bieten, dass Schwerbehinderte durch diese Techniken schon bald am normalen Leben teilhaben können, sagte Georg Rose, Medizintechniker der Universität Magdeburg der Zeitung “Die Welt”.

Das alles ist natürlich noch sehr weit entfernt von Musks Vorstellung, in der das Gehirn direkt mit dem Internet interagiert.

Wie sieht die Welt ohne Smartphones und Computer aus?

In dieser Welt verfassen die Menschen nicht nur Nachrichten mit ihren Gedanken: Sie steuern ihre Autos, bestellen Klamotten, öffnen Türen und bedienen Haushaltsgeräte - ohne dafür ein anderes Gerät in die Hand nehmen zu müssen.

Menschen werden künftig mit ihren Gedanken auch Klavier spielen und jede Sprache verstehen können - zumindest so gut, wie der Google Übersetzer.

Aber die Möglichkeiten gehen noch viel weiter: Die Technik wird uns auch ermöglichen, telepathisch zu kommunizieren, ohne unsere Gedanken in Worte fassen zu müssen.

Wir könnten unsere Mitmenschen aber auch jederzeit in unseren Kopf holen. Ihnen zeigen, was wir sehen, sie hören lassen, was wir hören. Und wir könnten sie sogar fühlen lassen, was wir fühlen - und so lernen, uns besser zu verstehen.

“Diese Kommunikation hätte eine riesige Auswirkung auf die Geschwindigkeit von Innovation”, sagt der Computerspezialist Ramez Naam. Wissenschaftler und Ingenieure würden viel flüssiger und besser zusammenarbeiten können.

Wo liegen die Probleme und Hindernisse auf dem Weg zur Welt ohne Smartphone?

Es gibt allerdings zwei große Probleme: Das eine ist die Bandbreite. Die Leistung des Internets, wie wir es jetzt kennen, wäre niemals in der Lage, eine Vernetzung zu stemmen, in der die Daten von einer Million Neuronen in jedem Gehirn gleichzeitig verarbeitet werden.

Die andere große Hürde ist die Frage, wie die Elektroden ins Gehirn kommen. Denn solange eine invasive Operation am offenen Gehirn notwendig ist, um das BMI zu verpflanzen, wird es kaum die Kraft haben, unsere Smartphones und Laptops zu ersetzen.

“Die Maschine, die so etwas macht, würde so etwas sein müssen wie ein Laser”, sagt Musk. Sonst seien die Kosten und Gefahren viel zu hoch - und mal ganz abgesehen davon, gäbe es auf der Welt nicht genug Chirurgen, die solche Operationen am laufenden Band durchführen könnten.

Am wahrscheinlichsten ist es, das BMI über die Blutbahnen zu verpflanzen, wie einen Stent ins Herz. Da Neuronen viel Energie brauchen, gibt es Adern, die jedes Neuron erreichen.

Und natürlich tauchen bei BMIs die gleichen Probleme auf, die jedes internetfähige Gerät so mit sich bringt: Hacker, Trolle, Datenschutz.

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Und was bei Smartphones und Laptops schon gefährlich werden kann, hat ein umso höheres Gefahrenpotenzial, wenn die Daten nicht nur unsere Fotos und E-Mails sind. Sondern unsere Gedanken, was wir sehen, was wir hören. Menschen wären in der düstersten dieser Hack-Vorstellungen sogar komplett steuerbar.

Laut Musk soll mit der neuen Technik zumindest nicht jeder die Gedanken der anderen Menschen lesen können. “Du musst zustimmen, wenn jemand deine Gedanken sehen kann. Wenn du nicht zustimmst, passiert es nicht. Genau so, wie wenn du nicht willst, dass dein Mund spricht.”

Wieso ist Elon Musk so besessen vom Ende des Smartphones?

Für Musk sind diese Bedenken immer noch das kleinere Übel. Denn er sieht die Verschmelzung von menschlichem Gehirn und Maschine nicht nur als neue Technik - sondern als einziges Mittel, das unser Überleben sichern kann.

Denn der Tesla-Chef ist der Meinung, dass Maschinen bald klüger werden als Menschen. “Was ich in den letzten Jahren realisiert habe ist, dass künstliche Intelligenz die menschliche auf jeden Fall weit überholen wird.”

Für ihn ist das Risiko, dass wir die künstliche Intelligenz (KI) eines Tages nicht mehr kontrollieren können, real. Es könnte zum Beispiel eine kleine Gruppe Menschen mit schlechten Absichten die KI-Macht monopolisieren. Oder die KI könnte, so ähnlich wie Skynet in den “Terminator”-Filmen, selbstständig werden und die Menschheit unterwerfen.

Das müsse nicht passieren. Aber es sei möglich, warnt Musk.

Würde aber das menschliche Gehirn mit künstlicher Intelligenz verschmelzen, wäre der Mensch selbst die künstliche Intelligenz. Und nur so hätten wir eine Chance, auf lange Sicht gegen Maschinen zu bestehen.

Wir haben das Internet immer näher zu uns geholt

Ist es nun wahrscheinlich, dass wir bald zu richtigen Cyborgs werden?

Das Internet hat als eine Technik ihre Anfänge genommen, die vom Militär, Institutionen und Unternehmen genutzt wurde. Dann kam das World Wide Web mit dem PC zu uns nach Hause, mit dem Smartphone schließlich in unsere Hosentasche und mit Smart Watches direkt an unser Handgelenk.

Wir lassen das Internet immer näher an uns heran. Wieso sollten wir es dann nicht auch eines Tages in unsere Köpfe lassen?

Und dann wären Smartphone, Computer und Tablets überflüssig - genau wie heute Telefone mit Wählscheibe, Walkmen und Pager.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(jg)

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