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08/05/2017 21:24 CEST | Aktualisiert 09/05/2017 07:37 CEST

Russland organisiert ein pompöses Propaganda-Konzert - mitten in Berlin

Reitschuster
"Tag des Sieges": Russland organisiert pompöses Propaganda-Konzert in Berlin

Dmitrij Chmelnizkij läuft es eiskalt den Rücken herunter. Vor 30 Jahren ist er aus Russland in die Bundesrepublik emigriert, um weit weg zu sein von staatlicher Propaganda, Militarismus und vom KGB.

"Und jetzt erlebe ich all das vor meiner Haustüre", klagt der Historiker und Wahl-Berliner: „Russische Propaganda mitten in Berlin, getarnt als Wohltätigkeitskonzert, für den Frieden, zum Jahrestag des Kriegsendes.“

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Putin machte den "Tag des Sieges" zum wichtigsten russischen Feiertag

Der Sieg über Hitler-Deutschland ist bis heute der große nationale Mythos Russlands. Das Kriegsende wird dort abweichend vom Rest der Welt nicht am 8. Mai, sondern am 9. Mai gefeiert, weil die Kapitulationsurkunde spät nachts unterzeichnet wurde – als in Moskau wegen der zwei Stunden Zeitunterschied Mitternacht bereits vorbei war.

Während der Jahrestag unter Stalin und Chruschtschow kaum gefeiert wurde, machte ihn Breschnew zum 20-jährigen Jubiläum 1965 zum arbeitsfreien Tag. Erst unter Putin jedoch avancierte der 9. Mai zum wichtigsten Feiertag des Landes.

Der "Sieg“ ist allgegenwärtig in Politik und Medien. Putin bescheinigt den Russen gar ein "Sieger-Gen“. Im Erlebnispark "Patriot“ bei Moskau soll eine Minikopie des Berliner Reichstag entstehen, damit ihn Jugendliche zur "Stärkung des Kampfgeistes“ stürmen können – in der Nachkriegsversion mit Glaskuppel.

Russische Botschaft spricht von Aktion für den Frieden

An der massiven Inszenierung des „Tag des Sieges“ spalten sich die Geister: Für viele Russen ist er ein nationales Heiligtum - für Putin-Kritiker wie den Berliner Chmelnizkij ein Ärgernis.

„Putin missbraucht diesen Tag für seine politischen Ziele, für seine Propaganda", sagt der. "Die war schon immer dumm, aber dass sie dermaßen degradiert, konnte ich mir kaum vorstellen. Für mich ist dieses Konzert eine unerträgliche Geschmacklosigkeit."

Das gigantische Konzert des bekannten, aber auch wegen seiner Staatsnähe umstrittenen „Turezkij-Chors“ auf dem Gendarmenmarkt in Berlin am Sonntagabend wurde von der russischen Botschaft in Deutschland im Rahmen einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Lieder des Sieges“ organisiert.

Der Auftritt in Berlin sei „eine virtuelle Brücke zwischen zwei Jahrhunderten, eine historische Retrospektive und ein kulturelles Symbol des Sieges“, so die russische Botschaft. Es sei eine Aktion „für den Frieden“, „gegen Nazismus, Faschismus und Terrorismus“. Das Projekt solle helfen, „den gewaltigen Beitrag der Sieger-Völker beim Herstellen von Frieden und Wohlstand auf der Welt“ zu begreifen.

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Russland blendet offizielle Geschichtsschreibung aus

Diese offizielle Moskauer Sichtweise sorgt etwa in Polen und den baltischen Ländern für Aufregung.

Viele dort sehen die Vertreibung der Wehrmacht durch die Sowjetarmee als Beginn einer neuen Besatzung und neuer Diktatur. Sehr zum Ärger des Kremls. Der blendet diesen Aspekt in der offiziellen Geschichtsschreibung aus.

Ebenso wie die Tatsache, dass Stalin von 1939 bis 1941 als Komplize Hitlers kämpfte und zahlreiche osteuropäische Länder annektierte – einer der Gründe, warum man in Russland statt vom Zweiten Weltkrieg vom „Großen Vaterländischen Krieg“ spricht und als dessen Beginn das Jahr 1941 angibt.

Auch dass andere Länder der früheren Sowjetunion wie Weißrussland und die Ukraine prozentuell noch stärker unter Hitlers Überfall gelitten haben als die heutige Russische Föderation, wird von Putins Propaganda verschleiert – vor allem in Deutschland.

"Stärkung von Putins fünfter Kolonne in Deutschland"

Bezahlt wurde das Konzert in Berlin von russischen staatlichen Institutionen, wie Parlament und Ministerien, sowie Privatfirmen. Darunter auch ein umstrittener Fernseh-Anbieter, dem vor kurzem noch in Russland illegale Geschäfte vorgeworfen wurden.

Zu hören war auf dem Gendarmenmarkt auch das bekannte Lied „Wollen die Russen Krieg?“. Es sollte zu Sowjetzeiten den Friedenswillen der Sowjetunion bezeugen. Ukrainische Beobachter empörten sich, es sei zynisch, wenn Moskau mit solchen Liedern und Aktionen in Berlin Friedenswille heuchle und gleichzeitig weiter in der Ostukraine verdeckt einen Krieg führe, der immer noch viele Todesopfer fordere - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in Deutschland.

„Das war schrecklich“, empört sich auch Jelena Rykowzewa, eine der bekanntesten noch in Russland lebenden kremlkritischen Journalistinnen: „Ich habe mir die Liveübertragung im Staatssender Rossija-24 angeschaut. Die Menschen in Deutschland verstehen nicht, dass diese ganzen Konzerte, diese ganzen Gedenkmärsche keine harmlosen Aktionen sind, sondern eine Demonstration der russischen Präsenz vor Ort, ein Teil des Propaganda-Krieges, eine Stärkung von Putins fünfter Kolonne in Deutschland."

"Und unsere Regierung versteht wunderbar, dass die toleranten Deutschen nichts dagegen tun können“, sagte Rykowzewa. Würde Berlin versuchen, so ein Konzert zu verbieten, gäbe es einen riesigen Aufschrei, sofort kämen Revanchismus-Vorwürfe, glaubt sie.

"Es ist ein regelrechter Kult des Krieges entstanden"

In den russischen Medien wurde breit und mit triumphalem Unterton über das Konzert berichtet. „Der Turezkij-Chor hat Berlin im Sturm erobert – mit Liedern“, titelte etwa der „Nationale Nachrichtendienst“ in Moskau. Michail Turezkij, Leiter des nach ihm benannten Ensembles, erklärte, er habe nicht damit gerechnet, dass die Behörden in Berlin das Konzert genehmigen würden.

2014 sei ihm die Albert Hall in London unter Hinweis auf die politische Lage verwehrt worden, klagte Turezkij in einer eigens einberufenen Pressekonferenz vor dem Konzert – noch in Moskau. Für ihn sei der Auftritt „eine Botschaft des Friedens an die Welt“ – und eine Huldigung seines Vaters, der das Kriegsende in Berlin erlebt habe.

Auch Igor Eidman wurde in Berlin zufällig Augenzeuge des Konzerts. „Es ist ein regelrechter Kult des Krieges entstanden, der den Charakter einer neuen Religion hat“, findet der nach Deutschland emigrierte Soziologe und Publizist. In Anspielung an die russische Abkürzung für den Zweiten Weltkrieg – „WOW“- spricht Eidman von „Wowismus“ – was Russischsprachige auch an „Wowa“ erinnert, eine Koseform für „Wladimir“, also auch für Putin.

Das wichtigste Dogma des Wowismus sei, das Russland die ganze Welt gerettet habe, so Eidmann: „Die gemeinen Juden, die dummen Amerikaner, die heimtückischen Engländer, die verschlagenen Ukrainer - obwohl man diese ganzen Scheusale eigentlich besser gar nicht gerettet hätte. Und jetzt steht deswegen die ganze Welt in unserer Schuld. Und wer daran Zweifel hat – der ist ein undankbarer Faschist.“

Das System Putin schmückt sich mit fremden Heldentaten

Jede Kritik an der genehmen Einschätzung des Zweiten Weltkriegs riefe „bei den russischen Machthabern und bei Journalisten eine regelrechte Hysterie hervor, die den Reaktionen der Islamisten auf „Beleidigungen gegen den Propheten Mohamed“ ähnelt, schrieb Eidman bereits in seinem Buch „Das System Putin“.

„Überhaupt ist der Kult um den Vaterländischen Krieg eine Religion der Schnorrer, die sich mit fremden Federn schmücken.“ Die Anhänger dieses Kultes erinnerten „an einen nichtsnutzigen Enkel, der vor seinen Freunden die Pension seines Großvaters verprasst und sich dabei auch noch toll und reich vorkommt.“

Emotionale Selbstbestätigung werde mit Hilfe des Sieges-Kults erworben „mithilfe fremder Heldentaten, für die andere mit dem Leben bezahlten.“

Der Kult sei ein wichtiger Bestandteil der „chauvinistischen Staatsideologie“ in Putins Russland, mahnt Eidman. Die echten Veteranen indes hätten nichts davon: „Sie leben schlechter als ihre ehemaligen besiegten Gegner in Deutschland, und der Staat wendet für sie unverhältnismäßig viel weniger auf als für die pompösen Spektakel.“

Stoffband als "psychologische Waffe" und Symbol der Aggression

Wichtigstes Symbol für den Sieg über Nazi-Deutschland ist das so genannte „Sankt-Georgs-Band“, das im heutigen Russland vor allem um den Jahrestag herum allgegenwärtig ist. Die „Neue Zürcher Zeitung“ bezeichnete das orange-schwarz gestreifte Band des heiligen Georgs als „psychologische Waffe aus Stoff.“

Es wurde auch zum Erkennungszeichen der so genannten „Separatisten“ in der Ostukraine. Der Stoff geht auf das Band zurück, an dem zu Zarenzeiten das Georgskreuz verliehen wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von Stalin als „Garde-Band“ wiedereingesetzt; gleichzeitig nutzten es aber auch die mit Hitler kollaborierenden russischen Verbände um General Andrei Wlassow.

Nach dem Krieg wurde das Band erst nach der orangen Revolution in der Ukraine 2004 vom Kreml wiedereingeführt, um die Erinnerung an den Sieg von 1945 wachzuhalten. Das Band, so Putin-Kritiker, sei eine Reaktion auf die orange Symbolik der Demokraten in Kiew gewesen – und der Versuch, den „Demokratie-Virus“ von Moskau fernzuhalten.

Das Band wurde auch auf dem Konzert auf dem Berliner Gendarmenmarkt am Sonntag kostenlos verteilt und war dort allgegenwärtig. „Als ich diese Menge sah in Berlin, mit diesen Bändern, war ich schockiert“, berichtet Kremlkritiker Eidman: „Es waren genau diese Bänder, mit denen in den Knopflöchern Putins Sondereinheiten und Söldnern den Donbass und die Krim eroberten, diese Bänder tragen die Schläger, die in Moskau russische Oppositionäre verstümmeln.“

Das Band sei anfangs nur eine von vielen Erfindungen von Putins Werbefachleuten gewesen, mit denen sie Staatsmittel in die eigene Tasche umleiteten, sagt Eidman: „Aber jetzt wurde es zu einem Symbol für die Aggression gegen die Ukraine, für die Intervention in Syrien und für die militaristische Propaganda, die aggressiven Hass schürt, proletenhafte Selbstzufriedenheit und dreiste Frechheit.“

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