Ein Wahlkampfstratege erklärt, was Martin Schulz tun müsste, um Bundeskanzler zu werden

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Für die SPD ist es eine bittere Momentaufnahme. Nach der Wahlniederlage im Saarland verlieren die Sozialdemokraten auch in Schleswig-Holstein ihr Regierungsmandat. Fast scheint es so als hätte die Partei trotz des kurzen Schulz-Hypes das Siegen verlernt.

Einer, der weiß , wie man Wahlen gewinnt, ist Julius van de Laar.

Der Kommunikations-Stratege ging im Jahre 2002 in die USA, um Basketball zu spielen – und kam als Polit-Experte wieder. Heute gehört er zu den renommiertesten Wahlkampfstrategen Deutschlands. Dabei ist der gebürtige Heidelberger gerade einmal 34 Jahre alt.

Im Video oben: Der Kieler Wahlsieg gibt Merkel Rückenwind - doch viel wichtiger sind zwei Erkenntnisse

Weil er ein Basketball-Stipendium bekam, zog er in die USA. Im Jahr 2004 sah er eine Rede von Barack Obama – und war begeistert. So begeistert, dass er sich dem Wahlkampfteam des Demokraten anschloss – und bei den Wahlen 2008 und 2012 sogar als hauptamtlicher Wahlkämpfer für Obama arbeitete.

obama

Heute ist van de Laar zurück in Deutschland. Er berät politische Organisationen und Unternehmen bei der Kommunikation. Auch für die SPD arbeitete er bereits an Kampagnen für den Europa- und Bundestagswahlkampf.

Der HuffPost erklärt van de Laar, was er von der Bundestagswahl dieses Jahr erwartet – und was die SPD machen muss, damit Martin Schulz doch ins Kanzleramt einzieht. Dabei lohnt sich ein Blick in die USA: Denn es gibt durchaus Dinge, die die Partei von Donald Trump lernen kann.

"Make America great again“, "Yes we can“: Bei den letzten Wahlkämpfen in den USA hat immer der Kandidat mit dem markigeren Slogan gewonnen. Ist das Zufall?

Slogans sind wichtig. Aber keineswegs wahlentscheidend. Im Idealfall ist der Slogan nicht nur griffig, sondern er fängt auch den politisch und gesellschaftlichen Kontext des Wahlkampfs ein.

Aber es stimmt: Wenn ich Leute frage, was der Slogan von Hillary Clinton war, können sich die meisten nicht daran erinnern.

Ein großer Fehler?

Clintons Slogan "Stronger together" war reaktiv und sollte im Kontrast zu Trump stehen, der mit seiner extrem polarisierenden Rhetorik das Land gespalten hat. Trump hingegen hat aggressiv eigene Themen gesetzt – darauf hat auch sein Slogan gezielt.

Wenn wir jetzt nach Deutschland schauen, gibt es ähnliche Dynamiken, oder? Die SPD versucht gerade sehr stark, Themen zu setzen, wie etwa mit der sozialen Gerechtigkeit, die CDU reagiert…

Die USA und Deutschland sind nur bedingt miteinander vergleichbar, und dennoch gibt es Parallelen.

Clinton trat an, auch wenn sie es nie gesagt hat, für vier weitere Jahre der Obama-Politik. Donald Trump hat sich dagegen als Outsider — als "anti Establishment“ — positioniert.

In Deutschland ähnelt die Dynamik vielleicht insofern, als dass auch Martin Schulz, zumindest bundespolitisch gesehen, ein Outsider ist.

"Schulz ist bundespolitisch ein Outsider – wie Trump"

Als er die Führung der SPD übernommen hat, ging es auch bei den Sozialdemokraten bergauf. Das ist vermutlich aber auch die einzige Parallele zwischen Schulz und Trump.

Aber die Umfragewerte brechen wieder ein. Dazu die bitteren Niederlagen auf Landesebene. Hat die SPD nach anfänglicher Euphorie versäumt, nachzulegen?

Niemand hat ernsthaft damit gerechnet, dass die Umfragewerte bis zum September stabil bleiben würden.

Bis zum Wahlkampf werden bestimmt noch Höhen und Tiefen kommen. Es war allerdings beeindruckend zu beobachten, wie der Schulz-Zug an Fahrt aufgenommen hat. Man denke nur an die Memes auf Reddit. Die Euphorie war vor allem nicht nur im Netz zu spüren, sondern auch bei Veranstaltungen.

vandelaar

Nach dem Anfangshype um die Person müssen mehr Inhalte folgen — das verspricht die SPD zumindest für den Programm-Parteitag am 25. Juni.

Wenn Schulz gewinnt, war der späte Zeitpunkt Strategie. Wenn er nicht gewinnt, werden einige behaupten, dass es mit unter anderem daran gelegen hat, dass die Inhalte zu spät präsentiert wurden.

Was passiert denn bis dahin überhaupt im Willy-Brandt-Haus?

Schlussendlich kann man jede Kampagne in drei Phasen einteilen. 1. Intro: Wer ist der Kandidat und wofür steht er? 2. Kontrast: Wie unterscheiden sich der Kandidat und sein Programm vom politischen Gegner? 3. Mobilisierung: Der Wahltag steht vor der Tür – geht wählen!

Die erste Phase ist mehr oder weniger abgeschlossen. Jetzt geht es in der zweiten Phase darum, den Pool der potenziellen Wähler zu vergrößern und bestimmte Wählergruppen mit Argumenten von der eigenen Position zu überzeugen.

Die SPD weiß, dass sie ihren Wählerpool mit einem Kandidaten wie Schulz im Vergleich zu 2009 und 2013 massiv erweitern kann.

Dann kommt die dritte und entscheidende Phase: In den USA nennt man sie GOTV — "Get Out The Vote". Ziel dieser Phase ist, die Unterstützer so zu motivieren, dass sie tatsächlich wählen gehen.

"In der letzten Phase des Wahlkampfs schlummert das größte Potenzial für die SPD"

Hier schlummert aus meiner Sicht das vermutlich größte Potential für die SPD, insbesondere, wenn der Kontrast zu den politischen Gegnern eindeutig und eine klare Machtoption vorhanden ist.

Die Mobilisierung wird für die SPD also entscheidend?

Um das mal mit Zahlen zu unterfüttern: Wir sehen, dass Schulz insbesondere viele junge Wähler anspricht. Insgesamt machen Jungwähler zwischen 18 und 30 Jahren aber nur 15 Prozent der Wahlberechtigten aus. Und historisch hat sich gezeigt, dass gerade diese Wählergruppe schwer zu mobilisieren ist.

Und bei der CDU? Wie soll man eigentlich für Merkel werben? Als sie ihre erneute Kandidatur bekanntgegeben hat, wirkte sie ja selbst nicht überzeugt…

Als Wähler will ich wissen warum ein Kandidat oder Kandidatin antritt und ich will sehen, das die Person dafür brennt und um jeden Preis gewinnen will.

"Wähler wollen einen Kandidaten, der um jeden Preis gewinnen will"

Trump hat seine Kandidatur angekündigt, indem er gesagt hat: Amerika ist ein Desaster und ich bin der einzige, der das Land retten kann. Hillary Clinton hat dagegen bis zum Schluss nicht klar artikulieren können, warum sie wirklich kandidiert.

Jetzt sagen alle: "Das wird ein schmutziger Wahlkampf". Sehen Sie das auch so?

In Wahlkampf steckt das Wort "Kampf“. Kampagne wird oft als "Feldzug“ übersetzt. Wenn man das TV-Duell zwischen Macron und Le Pen mit der Debatte zwischen Hannelore Kraft und Armin Laschet in NRW vergleicht, finde ich, dass es hierzulande noch relativ gemäßigt zugeht.

Bei uns wird gesagt: "Sie sagen die Unwahrheit“. Trump macht daraus: "She’s a liar. LOCK-HER-UP!“.

Gleichzeitig gilt auch im deutschen Wahlkampf: Keine Mobilisierung ohne Polarisierung.

Kandidaten müssen deutlich machen, dass Wahlen Konsequenzen haben. Zu häufig wird lediglich auf das eigene Parteiprogramm hingewiesen. In den USA wird der Kontrast deutlich stärker betont: Was sind die verheerenden Konsequenzen, eines Wahlerfolgs des politischen Gegners?

Negativwahlkampf ist aber auch in Deutschland nichts Neues. Ich erinnere mich an den brillanten Wahl-Werbespot von Gerhard Schröder, mit dem er 1998 Helmut Kohl angegriffen hat. Da war Humor dabei – das ist immer wichtig, wenn man Negativwerbung macht.

Hier geht es zur Homepage von Julius van de Laar.

(pb)

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