LIFESTYLE
08/05/2017 16:52 CEST | Aktualisiert 08/05/2017 16:54 CEST

"Wir haben den Kampf verloren": Der bewegende Brief einer Pflegemutter

Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, sind oft schwer traumatisiert. Laut Zahlen des statistischen Bundesamtes von 2011 sind die meisten der etwa 60.000 Kinder in Vollzeitpflege in ihrer Herkunftsfamilie Misshandlungen, Missbrauch und Vernachlässigung zum Opfer gefallen. Jetzt müssen sie sich zusätzlich an eine neue Familie und Umgebung gewöhnen.

Doch: Nicht nur die Kinder, sondern auch die Pflege-Eltern stehen vor einer großen emotionalen Herausforderung, wenn sie sich fremder Kinder annehmen.

Denn sie müssen die Kinder, die sie über Wochen, Monate oder Jahre großgezogen haben, die sie lieb gewonnen haben und die ein Stück weit auch zu ihren eigenen Kindern geworden sind, wieder hergeben. Dann nämlich, wenn die Kinder eine neue Familie gefunden haben oder zurück in ihre Herkunftsfamilie kehren.

"Mein Gehirn hat versucht, eine Antwort zu finden, aber es war alles wie ausgelöscht"

Die amerikanische Pflegemutter Amber Davis aus den USA hat auf der Online-Plattform "Love What Matters" einen bewegenden Brief über das kleine Mädchen geschrieben, das sie und ihr Partner zur Pflege aufgenommen haben - und das sie nun an eine andere Familie abgegeben haben. Wer den Brief liest, versteht, wie schwierig es für Eltern sein muss, ein Pflegekind gehen zu lassen.

"Wir haben den Kampf verloren. Und mit verloren meine ich, dass ich nicht das bekommen habe, was ich wollte. Sie ist weg.

Ich habe sichergestellt, dass sie nach Lavendel riecht, bevor sie geht. Ich habe ihre Lieblings-Schnabeltasse zur Hälfte mit Wasser und zur Hälfte mit Apfelsaft gefüllt, für die Reise in ihr neues Zuhause, damit sie ein bisschen Trost und Ablenkung hat.

Ich habe ihr gesagt, dass ich sie lieb habe und sie absichtlich zum Brüllen und sich Winden gebracht, weil ich sie zu fest an mich gedrückt habe. Sie mag es, jemanden zu umarmen, aber hasst es, in einer Umarmung gefangen zu sein. Ich frage mich, wie lange ihre neue Familie brauchen wird, um das herauszufinden.

Ich frage mich, ob sie herausfinden werden, dass sie das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse ein bisschen zu sehr mag und sie ein weiches Kissen braucht, um es gemütlich zu haben und gut zu schlafen. Andernfalls wird sie rumjammern und kontinuierlich nachts aufwachen, während sie versucht, es sich gemütlich zu machen.

Ich frage mich, ob sie herausfinden werden, dass sie es liebt, kleine Fausthiebe zu verteilen, genau dann, wenn sie ins Bett soll. Es bringt sie zum Lachen.

Mittlerweile spricht sie auch in Zeichensprache. Wenn sie sie danach fragen, wird sie ihnen in Zeichensprache 'bitte' zeigen und sie auch wissen lassen, wenn sie fertig mit dem Essen ist. Ich hatte es noch nicht geschafft, ihr 'danke' beizubringen, aber das sollte als nächstes kommen.

Ich weiß, sie wird begeistert sein, wenn sie sie nicht dazu zwingen werden, ihr Stirnband aufzubehalten, wie ich es in den vergangenen sechs Monaten getan habe. Sie hasst Stirnbänder. Ich bekomme jedes Mal einen bösen Blick, wenn ich ihr sage, sie soll es auf dem Kopf lassen.

Josiah hat mich in der vergangenen Nacht gefragt, warum ich ihre Sachen zusammenpacke. Ich habe ihm aus der Tiefe meines Herzens geantwortet: 'Ich weiß es nicht.'

Aber dann habe ich realisiert, dass es meine Verantwortung ist, meinem heranwachsenden, neugierigen Vierjährigen etwas zu erklären, das ich selbst noch nicht ganz verstanden habe: Warum kann sie nicht bleiben?

Während ich versucht habe, eine Erklärung zu finden, warum sie unbedingt gehen muss und mit ihren Schwestern zusammen sein muss, habe ich diesen Ausdruck der Verwirrung auf seinem Gesicht gesehen... 'aber wir sind doch ihre Brüder'.

Mein Gehirn hat versucht, eine andere Antwort zu finden, aber es war alles wie ausgelöscht. Also habe ich stattdessen das Thema gewechselt. 'Die gute Neuigkeit ist, dass Avonlea bald geboren wird und du dann eine andere Schwester hast, mit der du spielen kannst! Und du wirst ihr großer Bruder sein und sie wird immer mit uns zusammen leben.'

Ich konnte ihm am Gesicht ablesen, dass mein lahmer Versuch, ihm die Lage zu erklären, daneben gegangen war. Es macht einfach keinen Sinn. Nicht für ihn und für mich auch nicht, leider.

Heute Nacht ist mein Herzschmerz erdrückend. Die Tränen wollen nicht aufhören. Dieser erste Verlust ist schmerzhafter als ich es mir je vorgestellt habe und etwas, das ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde.

Das nächste Mal, wenn ich diese nur allzu bekannte Nummer auf dem Handy sehen werde und uns wieder jemand fragt, ob wir unsere Herzen öffnen wollen und ein weiteres Kind aufnehmen wollen, das uns braucht, für das wir uns aufopfern, um sie zu lieben für eine unbegrenzte Zeit... ich weiß jetzt schon, was meine Antwort sein wird.

Na klar. Lass uns das machen. Für sechs Monate oder für immer... wir sind dabei."

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(lk)