POLITIK
08/05/2017 12:38 CEST | Aktualisiert 09/05/2017 07:28 CEST

Diese Grafik zeigt eine unangenehme Wahrheit über die Frankreichwahl

  • Die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich lag bei 75 Prozent

  • Vier Millionen Franzosen entschieden sich, einen leeren Umschlag abzugeben oder ungültig zu stimmen

  • Ein Negativrekord, der zeigt, dass viele Franzosen Macron und Le Pen extrem kritisch gegenüberstehen

Ein Liberaler triumphiert in Frankreich und mit ihm freuen sich die Liberalen und Anhänger Europas. Doch wenn man sich die Zahlen genauer anschaut, wird schnell klar, dass aus Sicht der Franzosen nicht nur Euphorie über den Sieg Macrons herrscht:

Nach fast vollständiger Auszählung der Stimmen erreichte Emmanuel Macron in der Stichwahl gut 66 Prozent, Le Pen knapp 34 Prozent.

Alarmierend: Etwa vier Millionen Franzosen entschieden sich in der zweiten Runde dafür, entweder einen leeren Wahlumschlag abzugeben ("weiße Stimme") oder ungültig zu stimmen - das ist laut dem Meinungsforschungsinstitut "Ipsos" ein Rekord.

Zudem lag die Wahlbeteiligung bei knapp 75 Prozent und war damit überraschend rund drei Prozentpunkte niedriger als im ersten Wahlgang vor zwei Wochen.

Viele Franzosen stehen Macrons Programm kritisch gegenüber

Wie die französische Tageszeitung "Le Monde" berichtet, gab es mehr als doppelt so viele ungültige Stimmen als bei der letzten Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren.

Damals waren es in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl 5,82 Prozent der Franzosen, die ihre Stimme ungültig machten. In diesem Jahr waren es ganze 12 Prozent - mit Abstand der höchste Anteil seit 1965:

nichtwähler frankreich

(Die Grafik zeigt den prozentualen Anteil der Nichtwähler in der ersten (blau) und zweiten (gelb) Runde der Präsidentschaftswahlen in Frankreich)

Auch wenn der Sieg des sozialliberalen Pro-Europäers gegen die Rechtspopulistin Marine Le Pen international mit Erleichterung aufgenommen wurde, stehen offensichtlich viele Franzosen Macrons Programm kritisch gegenüber.

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Zum Vergleich: Als Jacques Chirac 2002 gegen Marine Le Pens Vater, Jean-Marie Le Pen antrat, lag die Zahl der ungültigen Stimmen bei nur 5,39 Prozent.

Die Wahlbeteiligung lag damals bei rund 80 Prozent - die höchste Beteiligung in der Geschichte der Republik. Auch Chirac kündigte damals an, seine Präsidentschaft unter das Zeichen der Erneuerung des Landes zu stellen und wollte "der Präsident aller Franzosen sein".

Und auch bei Betrachtung der Regionalwahlen in Frankreich und der Europawahl seit 2012 stellt der prozentuale Anteil der bewusst ungültigen Stimmen in der zweiten Runde der diesjährigen Präsidentschaftswahl einen klaren Rekord auf:

ungültige stimmen wahlen frankreich

Der prozentuale Anteil ungültiger Stimmen bei Wahlen in Frankreich seit 2012. Die orangenen Balken zeigen den prozentualen Anteil der Nichtwähler zusammengerechnet mit den bewusst ungültig gemachten Stimmen, die gelben Balken zeigen den prozentualen Anteil der Nichtwähler und die roten Balken den prozentualen Anteil der bewusst ungültig gemachten Stimmen. (Anmerkung der Redaktion: in der untersten Grafikzeile muss es 2017, nicht 2012 heißen))

Bezeichnend ist, dass zwar rund die Hälfte der Wähler des konservativen François Fillon in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl für Macron gestimmt haben, sich aber auch ein großer Teil von ihnen enthalten hat. Macron konnte die konservativen Wähler mit seinem europafreundlichen Programm nicht hinter sich vereinen.

Zumindest eine Beobachtung ist für Macron erfreulich. Der Linksliberale konnte viele Wähler vom Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon für sich gewinnen. Experte spekulierten vor der Wahl, dass diese scharenweise zu Le Pen wandern könnten.

Der künftige Präsident räumte ein, dass sein Sieg keine Blanko-Vollmacht sei. Macron war am späten Sonntagabend zum Klang der Europahymne vor Tausende jubelnde Anhänger am Pariser Louvre getreten. Frankreich habe ein neues Kapitel seiner Geschichte aufgeschlagen, sagte er: "Die Aufgabe ist gewaltig."

Als künftiger Präsident will er das zerrissene Land wieder zusammenführen. "Ich werde mit allen Kräften gegen die Spaltung kämpfen, die uns zermürbt und entmutigt", sagte der Mitte-Links-Politiker nach der Wahl.

Der künftige Präsident muss seine Versprechen einlösen

Nun muss er sein Versprechen, Frankreich mit einem pro-europäischen, liberalen Kurs "weder rechts noch links" aus der Krise zu führen, auch einlösen.

Dazu braucht er eine Mehrheit im Parlament, das es erst noch zu wählen gilt. Und er darf nicht vergessen, dass er einen großen Teil der Franzosen auf seinem Weg erst noch mitnehmen muss - denn sein Wahlergebnis war für viele vor allem ein Votum nicht für sein Programm, sondern gegen Le Pen.

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Noch vor drei Jahren war Emmanuel Macron außerhalb der Pariser Polit-Blase völlig unbekannt. Jetzt wird er der jüngste Präsident der französischen Geschichte - und das sorgt bei manchem Franzosen für Verunsicherung.

2012 wurde er Berater des sozialistischen Präsidenten François Hollande, zwei Jahre später Wirtschaftsminister. Schnell avancierte der smarte und charismatische Macron zum neuen Star der Regierung.

Vor der Präsidentschaftswahl fiel er immer wieder mit Kritik am zögerlichen Reformkurs der Regierung auf. Seine liberalen Positionen verärgerten dabei viele Linke - die deshalb nun auch allenfalls mit geballter Faust in der Tasche für ihn stimmten.

Macron muss noch um die Gunst der Wähler der klassischen Parteien kämpfen

Im vergangenen Sommer brach Macron mit Hollande und trat zurück. Ein Schritt ins Unbekannte - erst wenige Monate zuvor hatte er seine Bewegung "En Marche!" gegründet, mit den Initialen seines Namens."Wir werden Frankreich seinen Optimismus zurückgeben", rief er seinen Anhängern zu.

Positive Töne für ein verunsichertes Land.

Mit seiner Kandidatur hat er die politische Landschaft in Frankreich umgepflügt. Und dabei wohl so manchen Wähler der klassischen Parteien bislang noch auf der Straße zurückgelassen.

Um deren Gunst wird er jetzt mit aller Kraft als neuer Präsident kämpfen müssen.

Mit Material von dpa

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(lp)

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