Das passiert mit Kindern, die früh in die Kita kommen

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Experten sagen: Kinder profitieren, wenn sie schon früh in die Kita kommen. | iStock
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Von dem Moment an, in dem ein Kind zum ersten Mal die Augen öffnet und nach oben in die glücklichen Gesichter seiner Eltern blickt, ist es auf ihre Liebe und Aufmerksamkeit angewiesen.

Jede Sekunde, jede Minute entscheidet das Maß an Zuneigung, das Mutter und Vater ihrem Baby entgegenbringen, darüber, wie es sich entwickeln wird.

Auf Mamas Bauch liegen, gemeinsam im Bett kuscheln, Bauklötze stapeln - eine enge Bindung entsteht vor allem im ersten Jahr als junge Familie.

Viele Paare schrecken deswegen davor zurück, ihr Kind schon früh zur Betreuung in eine Kita zu geben - auch wenn das bedeutet, dass die Mutter nicht so schnell wieder in ihren Job zurückkehren kann wie sie gerne würde.

Sie haben Angst, dass es der Beziehung schadet, wenn das Kind nicht ausschließlich von seinen Eltern umsorgt wird oder fürchten, dass der Stress in der fremden Umgebung für den Nachwuchs zu groß wird.

Experten sind sich einig: Kinder profitieren von frühem Kitabesuch

Wenngleich jedes Kind verschieden ist und für manche ein früherer Kita-Besuch mehr Sinn macht als für andere, sind sich viele Experten inzwischen einig: Kinder nehmen keinen Schaden, wenn sie früh in die Kita kommen. Im Gegenteil: Sie profitieren sogar in vielerlei Hinsicht davon.

So konnte Veit Roessner, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Dresden, 2016 in einer Untersuchung von 4000 Kindern im Einschulungsalter nachweisen, dass Kinder, die schon in den ersten zwei Lebensjahren fremdbetreut werden, später seltener an psychischen Störungen leiden.

"Bei Jungen und Mädchen hingegen, die erst mit drei oder vier Jahren in eine Kindertagesstätte kamen, war die Wahrscheinlichkeit für psychische Auffälligkeiten wie Hyperaktivität doppelt so hoch”, sagte er dem Magazin “Stern”.

Den positiven Effekt stellten Roessner und sein Team in allen sozialen Schichten fest und er ließ sich sowohl bei Kindern von Alleinerziehenden beobachten als auch bei Familien mit Mutter und Vater.

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Die Eltern seien selbstverständlich wichtig für die frühe Entwicklung des Kindes, doch es sei nicht förderlich, wenn sie 24 Stunden pro Tag mit ihm zusammen seien. "Die heutigen Kitas sind der moderne Ersatz für Großfamilien und ein intaktes Dorfleben", sagte er dem Magazin.

Dass Kinder auch in der Schule davon profitieren, wenn sie früh in die Kita kommen, bestätigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2016 unter Leitung von Regina von Görtz.

Bessere Körperkoordination und weniger Probleme beim Zählen

“Wir haben die Daten von knapp 5000 Schuleingangsuntersuchungen ausgewertet und gesehen, dass Kinder, die vor dem dritten Geburtstag in eine Kita kommen, ­besser abschneiden als Kinder, die spät in die Kita kommen, also erst mit vier oder fünf Jahren”, sagte von Görtz im Gespräch mit der “Apotheken-Umschau”.

Das bessere Abschneiden ist laut der Expertin in allen Bereichen sichtbar. “Sie haben ­eine bessere Sprachkompetenz, Körperkoordination, Hand-Auge-Koordination, weniger Probleme beim Zählen, sind seltener übergewichtig.”

Forscher in anderen europäischen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen. 2013 analysierte ein Team um die Erziehungswissenschaftlerin Heather Joshi an der University of London die Lebensläufe von 40.000 Kindern in Großbritannien und konnte ebenfalls keinerlei Hinweise auf eine Beeinträchtigung finden.

Spannend an der Forschung der Briten ist: Ihre Studien zeigen, dass dies nicht immer so war.

Wie “Spiegel Online” berichtet, war es bis weit in die achtziger Jahre stets so, dass die Kinder mit früh arbeitenden Müttern leichte Nachteile beim Spracherwerb und in Mathematik hatten. Zwar habe es sich immer nur um ein paar Prozentpunkte gehandelt, aber so viel, dass der Unterschied signifikant gewesen sei.

Etwa Mitte der 90er Jahre habe es einen Umschwung gegeben. Joshi und ihre Kollegen konnten an den neueren Daten nachweisen, dass der Lernunterschied der Kinder verschwunden ist.

Bessere Sprachkenntnisse und motorische Fähigkeiten

Sie stellten sogar fest: Je mehr Mütter bereits im ersten Lebensjahr ihres Kindes an den Arbeitsplatz zurückkehrten, desto geringer wurde im Verlauf der vergangenen 40 Jahre der Nachteil in der Kindesentwicklung.

Die Erziehungswissenschaftlerin führt das auf die gesellschaftliche Entwicklung zurück. "In diesen Zahlen spiegeln sich zahlreiche Veränderungen der vergangenen vier Jahrzehnte wider", sagte sie bei Veröffentlichung der Studie.

"Wahrscheinlich ist es ein Ergebnis einer zunehmend familienfreundlichen Umwelt, in der den Eltern unterschiedlichste Möglichkeiten offen stehen, Erwerbsarbeit und Kindererziehung miteinander zu kombinieren."

Auch eine Studie der London School of Economics und der Oxford University zeigte 2016: Kinder, die ganztags von ihren Müttern betreut werden, haben schlechtere Sprachkenntnisse und motorische Fähigkeiten als die Kinder, die eine Kita besuchen.

"Das Ergebnis der Erhebung sollte Eltern zeigen, dass Kitas ihren Kindern nicht schaden werden und ihnen wahrscheinlich sogar gut tun", sagte Studienautor Laurence Roope vom Health Economics Research Centre in Oxfordder britischen Zeitung "Telegraph“.

Die Interaktion mit anderen Kindern hilft bei der Entwicklung

Was die Studie auch für Deutsche interessant macht: Sie beruht auf Daten, die in Deutschland vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erhoben wurden.

800 Mütter von Zwei-bis Dreijährigen gaben dort bei einer Umfrage an, welchen Entwicklungsstand ihre Kinder haben und machten Angaben zu ihrer finanziellen und persönlichen Situation. Die Mütter der Kinder, die eine Kita besuchten, beantworteten mehr Fragen nach sprachlichen und praktischen Fähigkeiten ihrer Kinder positiv.

Als Grund für das bessere Abschneiden der Kinder nennt Roope die Interaktion mit den anderen Kindern. Dass die Kinder in einer Betreuungsstätte mit anderen Kindern und Erwachsenen zu tun haben, hilft ihnen bei der Entwicklung.

Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert aus Köln beobachtete darüber hinaus, dass Mütter die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern intensiver nutzen, wenn die Kleinen fremdbetreut werden – im Gegensatz zu den Müttern, die den ganzen Tag mit ihren Kindern verbringen.

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Auch amerikanische Forscher der Universität Minnesota konnten diese These bestätigen. Sie werteten mehrere Einzel-Studien seit 1960 aus und kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder, deren Mütter schon lange vor dem dritten Lebensjahr an den Arbeitsplatz zurückkehrten, später nicht häufiger Schul- oder Verhaltensprobleme hatten, als Kinder, deren Mütter zu Hause blieben.

Positiver Einfluss auf Kinder, wenn Mütter früh wieder arbeiten

Laut der Untersuchung beeinflusste es die Entwicklung vieler Kinder sogar positiv, wenn die Mütter früh arbeiten gingen. Sie schnitten in Intelligenztests oft besser ab, konnten sich besser anpassen, zeigten ein kooperativeres Verhalten und waren auch seltener ängstlich als die Kinder von Müttern, die nicht arbeiteten.

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Für Elisabeth Nicolai, Professorin an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systematische Therapie, Beratung und Familientherapie, hängt eine gelungene Betreuung vor allem mit den Bedingungen in der Kita zusammen.

"Entscheidend für ein stressfreies Wohlbefinden und eine gesunde, emotionale Entwicklung der Kleinkinder ist, dass sie einen sicheren, zuverlässigen und beständigen Kontakt zu ihren Bezugspersonen haben und so eine intensive Bindung aufbauen können”, sagte sie dem Portal “T-Online”. “Das muss nicht unbedingt immer die leibliche Mutter sein."

Die bloße Präsenz der Erzieher und Erzieherinnen reiche aber noch nicht aus. "Die Kleinen brauchen viel Ansprache, Zuwendung und Berührungen”, sagte sie dem Portal. “Sie müssen konstant eine anregende, liebevolle und geborgene Umgebung erfahren."

Um das zu gewährleisten, ist ein angemessener Betreuungsschlüssel nötig. Denn von Görtz und ihre Kollegen stellten in der Studie auch fest: Der positive Effekt einer frühen Kita-Betreuung tritt nicht automatisch ein. Nur wenn das Kind in der Kita ausreichend Aufmerksamkeit bekommt, kann es sich entwickeln und die genannten Kompetenzen lernen.

Aber: Eine gute Betreuung in der Kita ist entscheidend

So stehen Kinder in Westdeutschland in dieser Hinsicht nach wie vor besser da, weil dort der Betreuungsschlüssel laut einer weiteren Bertelsmann-Studie häufig besser ist als im Osten.

Außerdem bemerkenswert: “Positive Effekte für die Entwicklung des Kindes treten ein, wenn die Gruppen sozial gemischt sind”, sagt von Görtz. Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen profitierten dann besonders.

Letztlich gilt also: Wie gut Kinder, die in die Kita gehen, später abschneiden, hängt sowohl von der individuellen Entwicklung des Kindes ab als auch von der Qualität der Betreuung.

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(lm)

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