POLITIK
08/05/2017 15:28 CEST | Aktualisiert 08/05/2017 17:47 CEST

Mimimi: Wie die AfD zur weinerlichsten Populisten-Partei Europas wurde

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Der Wahlsonntag brachte Schleswig-Holstein einen Regierungswechsel, Frankreich einen neuen Präsidenten und Deutschland eine beruhigende Erkenntnis: Wir können uns glücklich schätzen, dass wir im großen europäischen Bullshitbingo der vergangenen Jahre noch einigermaßen glimpflich davon gekommen sind.

Denn die AfD ist und bleibt die unfähigste Populistenpartei, die es auf dem Kontinent gibt.

Um das zu sehen, musste man nur einige Minuten lang den völlig weltfremden Wahlanalysen von AfD-Chef Jörg Meuthen zuhören.

In der ARD feierte der Professor das kümmerliche Abschneiden seiner Partei als „Wahlsieg“. Was bei einem Ergebnis von 5,9 Prozent der Stimmen eine ziemlich steile These ist. In keinem einzigen Wahlkreis bekam die AfD mehr als acht Prozent, in Nordfriesland lag sie mit 3,8 Prozent der Stimmen sogar nur auf Platz sechs – weit abgeschlagen hinter den Polit-Giganten vom Südschleswigschen Wählerbund.

Auf die Frage, warum es nicht zu einem besseren Ergebnis gereicht hatte, glitten Meuthens Rechtsfertigungsversuche ins Absurde ab.

Angeblich habe die AfD mit „widrigen“ Bedingungen zu kämpfen gehabt. Ein Großteil der Wahlplakate sei zerstört worden. Und dann keilte Meuthen noch beleidigt gegen den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner aus, der alles daran gesetzt habe, die AfD zu bekämpfen.

Stegner hatte zu diesem Zeitpunkt schon das Studio verlassen, aber er dürfte das als Lob aufgefasst haben.

Nun ist die Zerstörung von Wahlplakaten sicherlich kein Kavaliersdelikt. Aber im Ranking der Gründe, warum die AfD im Norden so miserabel abschnitt, kann man „Vandalismus gegen Werbemittel“ getrost in der Rubrik „Sonstige“ einordnen.

Die AfD scheitert an sich selbst

Die Wahrheit ist, dass die AfD in Schleswig-Holstein an sich selbst gescheitert ist. Sie fand im Landtagswahlkampf nicht statt, weil ihre fremdenfeindlichen Parolen und ihr nationalistisches Getrommel die Menschen einfach nicht interessierten – anders als etwa noch in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr.

Der Wahlkampf wurde von Landesthemen dominiert, und nicht vor den klassischen Angstparolen aus der Trickkiste des Populismus.

Besonders unzufrieden waren die Bürger in Schleswig-Holstein laut einer ARD-Umfrage mit der Schulpolitik und dem Straßenbau. Und da hat die AfD außer einigen Lippenbekenntnissen und der Forderung nach „weniger Holocaust“ im gymnasialen Unterricht nicht viel zu bieten.

Es scheint, als seien der AfD ausgerechnet im Bundestags-Wahljahr die Themen ausgegangen. Jahrelang hat ihr Spiel mit den Ängsten der Menschen sehr effektiv funktioniert. Als sie in der Eurokrise Panik vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands geschürt hatte. Oder während der Flüchtlingskrise, als sie den baldigen Untergang der staatlichen Ordnung herbei fantasiert hatte.

Das Spiel mit der Angst funktioniert nicht mehr

Nichts davon ist eingetroffen. Und die nächste rechtskonservative Massenpanik ist derzeit nicht in Sicht. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass sich die Deutschen nach Jahren der Selbstbeschäftigung wieder nach Lösungen und Zukunftskonzepten sehnen.

Hier ist die AfD aber erschreckend schlecht aufgestellt. Sie lebt vor allem davon, Wähler mit elitenkritischen Debatten an die Wahlurnen zu treiben.

Und anders als dem Front National in Frankreich nimmt man der rechtsradikalen Gelehrtenpartei bundesdeutscher Bauart nicht ab, dass sie sich glaubhaft als Sammelbecken für Globalisierungsverlierer profilieren könnte. Ihr Bundestagswahlkampf wird von einer wirtschaftsliberalen Spitzenkandidatin geführt, die als Unternehmensberaterin tätig ist. Alice Weidel verkörpert so ziemlich alles, was wirtschaftlich schwache Wähler verachten.

Schließlich war da noch dieses verheerende Bild, das die Führungsspitze der AfD im Vorfeld des Bundesparteitags in Köln abgab. Wer ehemalige CDU-Wähler ansprechen will, ist schlecht dabei beraten, einen der wichtigsten Termine im Politikjahr wie eine Doppelfolge von „Game of Thrones“ zu inszenieren.

Kindischer Trotz statt ehrlicher Fehleranalyse

Ein Glück für Deutschland, dass führende AfD-Politiker das alles derzeit mit einer Mischung aus kindischem Trotz und weinerlicher Realitätsverweigerung zu verdrängen versuchen.

Das "Mimimi“ von Jörg Meuthen war ein weiteres Indiz dafür, dass der AfD derzeit die Kontrolle über die politischen Debatten in Deutschland entgleitet.

Die Partei ist mit ihrer Strategie gescheitert, bis zur Bundestagswahl über Tabubrüche im Gespräch zu bleiben. Und vielen Wählern dämmert womöglich, dass Politik mehr bedeutet, als alle vier Jahre das Land mit schneidigen Parolen zu beglücken.

Wofür die AfD allerdings sonst noch zu gebrauchen ist, scheint unklarer denn je.

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